Vorgestellt: Eine Bäuerin und ihre Biogasanlage

Warum eine alleinerziehende Bäuerin in Technik investiert

Bei einem Projektbesuch in der Gemeinde Hadush Adi im Norden Äthiopiens begegnete ich Mebrat. So heißt die Bäuerin nicht wirklich, ihren Namen wollte sie nicht nennen. Sie verriet mir aber ihr Alter, und ich durfte sie fotografieren: Mebrat ist 49, Witwe und die Mutter von zwei Kindern. Eine beeindruckende Frau, weil sie durch ihre Offenheit für Neues und den Mut zur Investition das Leben ihrer Familie sichtbar verbessert hat.

 

Mebrats Gehöft besteht aus einem aufgeräumten Ein-Raum-Rundbau, der typisch ist für das ländliche Äthiopien. Hier wird gekocht, gegessen und geschlafen. Eine Mauer aus Steinen umgibt Hof und Haus. Neben dem Wohnraum befindet sich ein Verschlag, der Hühnerstall. Im Schatten eines Baumes kauen eine Kuh und zwei Schafe frisch geschnittenes Gras. Gerade ist Mebrats Sohn damit beschäftigt, mit bloßen Händen in einem Pott Tierdung mit Wasser zu verrühren, der für eine Biogas-Anlage verwendet wird.

 

(c) Dorothea Hohengarten / GIZ
Im Norden Äthiopiens lebt die Bäuerin Mebrat mit ihren zwei erwachsenen Kindern. Alle Fotos: (c) Dorothea Hohengarten/GIZ

Die Bäuerin bringt mir ein Glas selbstgemachten Schafsjoghurt und erklärt mir ihre kleine Anlage. Sie hat sie mit Unterstützung des regionalen Biogas-Programms in der Provinz gebaut. Aus dem Pott fließt der angerührte Dung in einen Tank, der unter einer Betonplatte im Boden verborgen liegt. Dort vergärt er und bildet Gas. Dieses wird über eine Leitung bis ins Haus geführt – die Familie kann damit kochen, und abends erleuchten Gaslampen den Wohnraum. 

 

Die Biogas-Anlage hat das Leben der Familie verändert. Seitdem nicht mehr mit Holz oder Kuhfladen auf offenem Feuer gekocht wird, sind die Wände nicht mehr rußig. Mebrats Husten hat nachgelassen. Abends kann sie und ihre Familie hier, wo es gegen sechs Uhr dunkel wird, lesen und sich unterhalten. Davon profitieren vor allem die beiden Kinder: Mebrats Tochter (15), die noch zur Schule geht, und der Sohn (18), der Elektrotechnik an der Uni studiert. Licht macht das Leben sicherer – auch und gerade für frauengeführte Haushalt ein wichtiger Punkt.

 

(c) Dorothea Hohengarten / GIZ
Teil der Biogasanlage: Aus dem Pott fließt der angerührte Dung in einen Tank.

Außerdem wird der Tierdung, der vorher im Herdfeuer verbrannt wurde, durch Fermentierung in der Biogasanlage zu gutem Dünger. Die Familie kompostiert ihn mit Grünschnitt und arbeitet ihn später in den Acker ein. Mebrat findet, mit „Bioslurry“ wächst ihr Getreide besser.  Dieser Meinung sind auch die Mitarbeiter des Projekts „Nachhaltiges Bodenfruchtbarkeitsmanagement“ (ISFM) der GIZ. Sie testen in dieser Gegend gemeinsam mit den Bäuerinnen und Bauern und äthiopischen Partnern Methoden für verbesserten Anbau.

Eine neue Methode besteht im gleichzeitigen Einsatz von „Bioslurry“ als hochwertigem organischem Dünger, mit Qualtitätssaatgut, Mehrnährstoffdünger und Reihenaussaat. Ziel ist es, durch nachhaltige Bodenbewirtschaftung die Bodenfruchtbarkeit zu erhalten und Ernten zu steigern. „Wir unterstützen Menschen wie diese Bäuerin, die neue  Techniken ausprobieren wollen und dadurch zum Vorbild für andere werden können“, sagt ISFM-Projektmitarbeiter Belay Tadesse.

 

(c) Dorothea Hohengarten / GIZ
Bäuerin Mebrat kocht nicht am offenem Feuer sondern mit Biogas.

Und dennoch war Mebrat die Entscheidung nicht leicht gefallen. Nachdem sie bei einer Veranstaltung erfahren hatte, dass es solche Anlagen gibt und wie sie funktionieren, war sie begeistert. Doch Material und Arbeitskraft für den Bau der Anlage kosten 12.000 Äthiopische Birr – das sind 77 Prozent eines durchschnittlichen Jahreseinkommens in Äthiopien. Einen Kredit hatte Mebrat noch nie im Leben genommen, und dabei sollte es auch bleiben. Darum band sie eines Tages den einzigen Ochsen der Familie, ein starkes, kräftiges Tier, an einen Strick und verkaufte ihn auf den Viehmarkt in der Stadt Axum. Ein großer Schritt, denn der Ochse stellte eine Art Lebensversicherung für die Familie dar – wenn es hart auf hart kommt, wenn jemand krank wird oder heiraten will, kann man ihn zu Geld machen. Zudem misst sich das Ansehen einer Familie in Äthiopien traditionell an der Menge des gehaltenen Viehs. 

 

„Es war die richtige Entscheidung“, sagt sie heute, und ihre Kinder nicken bekräftigend. Seit Juli 2016 ist Mebrat nun die erste Bäuerin in ihrer Gemeinde, die eine Biogasanlage besitzt und die „Bioslurry“ zur Bodenverbesserung einsetzt. „Die ersten Nachbarn waren schon da und haben sich alles zeigen lassen“, grinst sie.

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