Vorgestellt: der Welthunger-Index 2017

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Eine Welt ohne Hunger – ein eigentlich realistisches Ziel unter Druck

Von Sophia Zimmermann, Welthungerhilfe

 

Seit Jahren ist die Zahl der hungernden Menschen weltweit rückläufig. Doch der scheinbare Erfolg wird getrübt durch katastrophale Zustände und steigende Hungerzahlen in Krisenregionen. Die Vorstellung des Welthunger-Index 2017 am 12. Oktober in Berlin zeigt, der Hunger in der Welt ist ungleich verteilt.

 

Um 27 Prozent ist der Hunger seit dem Jahr 2000 weltweit gesunken. Das sind gute Nachrichten. Trotz des langjährigen Fortschritts, leiden jedoch noch immer mehr als 800 Millionen Menschen Hunger. Mehr als jedes vierte Kind ist für sein Alter zu klein und mehr als neun Prozent der Kinder gelten als ausgezehrt.

 

Bei der Erreichung des Ziels „Eine Welt ohne Hunger bis 2030“ soll niemand zurückgelassen werden. Doch die ärmsten 40 Prozent der Weltbevölkerung sind besonders schwierig zu erreichen. Hunger trifft häufig die Menschen oder Gruppen einer Gesellschaft, die ohnehin schon schlechter gestellt oder besonders krisenanfällig sind. Hunger diskriminiert. Er ist eng verzahnt mit sozialer und ökonomischer Ungleichheit – Hunger und Ungleichheit bedingen einander.

 

Ungleichheit mag oftmals als abstraktes Phänomen erscheinen. Die Auswirkungen jedoch sind konkret. Ungleichheit durchzieht alle Ebenen: von der Familie und Haushaltsebene bis hin zur internationalen Politik. Gleichzeitig sind dabei unterschiedliche Dimensionen betroffen; so zeigt sich Ungleichheit zwischen den Geschlechtern, in den Auswirkungen geografischer Gegebenheiten und der Herkunft, zwischen Ethnien oder dem sozioökonomischen Status. Diese Ungleichheit, oftmals reproduziert und perpetuiert durch Politiken, gesellschaftliche Normen und Gesetze, steht in engem Zusammenhang mit der Ernährungssituation eines Menschen. Dies machen einige Beispiele aus dem Welthunger-Index 2017 deutlich, der am 12. Oktober in Berlin vorgestellt wurde. Es ist bereits der 12. Bericht, wobei jeweils mehrere Jahre analysiert werden – der aktuelle Bericht umfasst die Jahre von 2012 bis 2016.

 

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In ländlichen Regionen ist Hunger stärker verbreitet als in Städten. Es mangelt oft an notwendiger Infrastruktur und Zugang zu Ressourcen. Auch in der Herkunft und Ethnizität spielt Ungleichheit eine Rolle: Viele indigene Menschen in Lateinamerika sind von Armut und soziopolitischer Marginalisierung gleichermaßen betroffen, sie weisen einen deutlich schlechteren Ernährungszustand auf. In Peru und Bolivien werden viele Kleinbäuerinnen und Kleinbauern systematisch übergangen, wenn es um die Landvergabe an Investoren geht.

 

Etwa 60 Prozent der Hungernden weltweit sind Frauen und Mädchen, gleichzeitig spielen sie eine entscheidende Rolle in der Landwirtschaft und Nahrungsmittelproduktion. Dieser Gegensatz ist häufig Ergebnis tief verwurzelter gesellschaftlicher Strukturen, die Frauen Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung und Ressourcen erschweren oder verweigern.

 

Geschlechterdiskriminierende Normen führen zur Benachteiligung von Mädchen und Frauen im Zugang zu Nahrung. Nahrhafte Nahrungsmittel werden oftmals Männern vorbehalten, auch die zugeteilte Menge an Nahrungsmitteln lässt besonderen Energiebedarf bei schwer arbeitenden Kleinbäuerinnen außer Acht.

 

Hunger hat oft strukturelle Ursachen, die im Zusammenhang mit Ungleichheit auf globaler Ebene stehen. Hier ist beispielsweise ein starkes Machtgefälle im Ernährungssystem zu nennen, dass Naomi Hossain (Institute of Development Studies) in ihrem Essay im Welthunger-Index 2017 bildhaft mit einer Sanduhr beschreibt: Am Anfang steht die breite Menge an Nahrungsmittelproduzierenden, von denen Kleinbäuerinnen und Kleinbauern einen großen Anteil ausmachen. Am Ende die breite Menge an Konsumierenden weltweit. Dazwischen muss die produzierte Nahrung ihren Weg durch das enge und exklusive System der Ernährungspolitik finden. Die Macht konzentriert sich an diesem Punkt unter anderem in den Händen weniger Großkonzerne, die letztlich maßgeblich Einfluss auf die Ernährungssouveränität der Konsumierenden nehmen können. Den Kleinbäuerinnen und Kleinbauern bleiben oftmals das Mitspracherecht und die Möglichkeit zur Partizipation und Teilhabe an ernährungspolitischen Debatten verwehrt.

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Dass sich diese unterschiedlichen Formen und Ebenen der Ungleichheit massiv auf die Ernährungssituation eines Menschen auswirken, spiegeln auch die Ergebnisse des Welthunger-Index 2017 wieder.

 

Deutlich wird: Der Hunger in der Welt ist ungleich verteilt. Die Hungerwerte wurden für 119 Länder berechnet und in Schweregradkategorien von „niedrig“ bis „gravierend“ eingeteilt. 14 Länder, darunter Kenia, Kambodscha, Myanmar oder Nepal, konnten ihre Werte und damit ihre Ernährungssituation um mindestens 50 Prozent verbessern. Dennoch ist und bleibt die Ernährungssicherheit in vielen Regionen der Welt bedroht. Die höchsten WHI-Werte und somit „ernste“ Hungersituationen finden sich in Südasien und in Afrika südlich der Sahara. Für weltweit 44 Länder ist die Hungersituation der Schweregradkategorie „ernst“ zuzuordnen und in sieben Ländern gilt die Situation als „sehr ernst“. Erstmalig ist die Situation in einem Land, der Zentralafrikanischen Republik, wieder als „gravierend“ einzustufen. Für 13 Länder konnten keine WHI-Werte berechnet werden, da für sie keine ausreichenden Daten vorliegen. Die Situation in neun dieser Länder gibt Anlass zu erheblicher Sorge. Daten und Informationen von internationalen Organisationen lassen vermuten, dass die Menschen gerade in diesen Ländern besonders unter Hunger und Mangelernährung leiden müssen – dazu gehören Somalia, Syrien und der Südsudan.

 

Aber auch innerhalb der Länder ist der Hunger ungleich verteilt. Neben gewalttätigen Konflikten trifft der Klimawandel manche Teile der Welt besonders hart und hat vor allem für bereits benachteiligte und gefährdete Bevölkerungsgruppen Hunger und Mangelernährung zur Folge. Die Untersuchung der Daten innerhalb der Länder enthüllt dementsprechend deutliche Unterschiede – ein Beispiel ist Nepal. Hier reichen die Werte für Wachstumsverzögerung, ein Hinweis auf chronische Unterernährung und einer der Indikatoren für die Bemessung des WHIs, von 25 Prozent in einem Distrikt bis hin zu 64 Prozent in einem anderen.

 

Damit Hunger für alle Menschen überwunden werden kann, gilt es, Ungleichheit in ihren verschiedenen Formen und Ausprägungen gleichermaßen zu bekämpfen. Dafür müssen nationale Ernährungssysteme demokratisiert und zivilgesellschaftliche Teilhabe garantiert werden. Kleinbauern müssen weiterhin verstärkt im Fokus nationaler und internationaler Ernährungsstrategien stehen. Standards im Handel und der Wirtschaft müssen sichergestellt werden, um BürgerInnen vor negativen Auswirkungen internationaler Abkommen sowie vor Landnahme, Umweltzerstörung, Lohndumping und weiterer vergleichbarer Aktivitäten privater Unternehmen schützen. Um sicher zu stellen, dass alle Menschen ihr Recht auf Nahrung in Anspruch nehmen können, müssen zudem Bildungs- und Informationschancen sowie die Teilhabe an sozialen Sicherungsnetzen garantiert werden. Eine besondere Verantwortung kommt hier auch der neuen Bundesregierung zu. In den letzten Monaten hat sie angekündigt, mit mehreren Initiativen die Lage der betroffenen Menschen auf dem afrikanischen Kontinent verbessern zu wollen. Hier bedarf es ganz besonderer Anstrengungen und finanzieller Mittel, damit dies gelingen kann. Der diesjährige WHI zeigt, dass die Werte in sieben Ländern sehr ernst sind: Tschad, Liberia, Madagaskar, Sierra Leone, Sudan, Sambia und Jemen. Wenn das Motto der Agenda 2030 „leaving no one behind“ ernstgenommen werden soll, müssen diese Länder ins Blickfeld gerückt werden.

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