Jemen

Durch den Krieg ist die humanitäre Lage im Jemen katastrophal: Nach aktuellen Schätzungen sind rund 17 Millionen Menschen auf Nahrungsmittelnotlieferungen angewiesen, um zu überleben.

 

 

Karte vom Jemen

Hauptstadt

Sanaa

Amtssprache

Arabisch

Fläche

527.970 qkm

Einwohnerzahl

ca. 27,5 Mio. (27.584.213)

Bevölkerungswachstum

2,5 % (667.996 Personen Zuwachs)

Ländliche Bevölkerung

65 % der Gesamtbevölkerung (17,9 Mio.)

Bruttoinlandsprodukt

27,3 Milliarden US-Dollar

Pro-Kopf- Jahreseinkommen

990 US-Dollar

Anteil der Landwirtschaft am BIP

9,8 %

Schweregrad des Hungers laut Welthunger-Index

sehr ernst (Wert: 36,1 / Trend: -1,1)

Anteil der Unterernährten an der Gesamtbevölkerung

28,8 %

Human Development Index

Index: 0,482 / Rang: 168 von 188

Anteil der Bevölkerung, der von weniger als 1,25 US-Dollar am Tag lebt

Keine aktuellen Angaben vorhanden
(laut BMZ 2014: 18,8%) 

 

Das ärmste Land der arabischen Halbinsel

Die Römer bezeichneten den Süden der arabischen Halbinsel als glückliches und fruchtbares Arabien – Arabia Felix. Mit seiner Lage am Arabischen Meer und dem Golf von Aden, den Bergen, der Wüste und grünen Regionen im Zentrum könnte die Wirtschaft des Jemen weiter gedeihen. Doch 2004 brach mit dem Huthi-Konflikt ein Bürgerkrieg aus und der Handel kam zum Erliegen. Seit 2015 geht Saudi-Arabien militärisch gegen die Huthi-Rebellen vor und führt dort bis heute einen Stellvertreterkrieg mit dem Iran. Dadurch sind derzeit zwei Drittel der Bevölkerung auf humanitäre Hilfe angewiesen.

 

Der Großteil der Staatseinnahmen kam ursprünglich aus der Öl- und Erdgasförderung. Heute sind durch die anhaltende Bombardierung nicht nur die Förderanlagen, sondern auch viele Straßen, Häfen und Krankenhäuser zerstört. Durch den Rückgang der wirtschaftlichen Aktivität, das starke Bevölkerungswachstum und eine zusätzliche Wasserknappheit, gelingt es den Familien nur noch an wenigen Orten, sich selbst zu ernähren. Das Überleben vieler Menschen hängt davon ab, ob internationale Hilfe zu ihnen vordringen kann.

 

Anbau- und Essgewohnheiten

Die Voraussetzungen für landwirtschaftliche Produktion sind im Jemen schwierig: Durch einen hohen Gebirgs- und Wüstenanteil sowie sehr geringe Niederschläge beträgt die landwirtschaftliche Anbaufläche des Jemen weniger als fünf Prozent der Gesamtfläche. Aufgrund der vielfältigen Geografie ernten die Bauern je nach Region ganz unterschiedliche Produkte. Am verlässlichsten gelingt der Anbau in den Mittelgebirgen rund um die Hauptstadt. In der „grünen Provinz" im südlichen Jemen wachsen auf den Terrassenfeldern beispielsweise Hirse, Weizen, Gerste, Hülsenfrüchte, Baumwolle, Kaffee und Tabak. Schwieriger ist der Anbau von Feldfrüchten im Hochgebirge, wo die Temperaturen stark schwanken. Nur in den tief eingeschnittenen Tälern wächst Obst wie Mangos, Papayas und Zitrusfrüchte. In der Wüste im östlichen Teil sorgen ausgedehnte Oasen mit ihren Dattelpalmen für die Grundversorgung. Zudem wird dort Honig produziert.

 

In allen Regionen versuchen sich familienbetriebene Kleinstbetriebe größtenteils selbst zu versorgen. Morgens – und oft auch abends – kommt die landestypische Bohnenpaste „Ful" mit Fladenbrot auf den Tisch. Das Mittagessen ist im Jemen die Hauptmahlzeit des Tages: Wer es sich leisten kann, bereitet sich Fleischgerichte aus Lamm, Ziege, Rind oder Huhn zu. Alle anderen kombinieren Reis und Linsen mit Salat und Gemüse. Zu den regionalen Spezialitäten zählt im Hochland beispielsweise „Salta", ein Eintopf aus Fleischbrühe, Linsen und Bohnen.

 

Die lange Küstenlinie im Süden eignet sich gut für die Fischerei, die jedoch heute, aufgrund blockierter Häfen, still liegt. Neben Öl exportierte der Jemen vor dem Krieg vor allem Fisch, Baumwolle und Kaffee. Vom einst florierenden Kaffee-Handel am Hafen in Mokka ist heute kaum noch etwas zu sehen.

 

Mehr als zwei Drittel der Bevölkerung können sich nicht selbst ernähren.

 

Krieg und Kath rauben Perspektiven

Da die Wirtschaft komplett zusammengebrochen ist, können sich mehr als zwei Drittel der Bevölkerung nicht selbst ernähren. Durch den Krieg hat sich die Abhängigkeit von Importen verstärkt und die Preise für Lebensmittel steigen. Getreide steht an der Spitze der Einfuhrliste – je nach Lage des Konflikts gelangen die Lieferungen jedoch gar nicht erst ins Land. Seit 2015 gibt zudem das Wetter Anlass zur Sorge: Mehrere Zyklone trafen die Insel Socotra und die südliche Küste mit extremen Niederschlägen, die Erdrutsche und Überschwemmungen auslösten.

 

Nur in wenigen Dörfern in den Bergen geht das normale Leben weiter; in den umkämpften Gebieten bleiben die Felder meist leer. Insgesamt zwei Millionen Menschen sind auf der Flucht. Die hohe Geburtenrate – im Schnitt vier Kinder pro Frau – und die Wasserknappheit verschlechtern die Lage noch weiter. Der Grundwasserspiegel im Jemen sinkt stetig, in Sanaa beispielsweise bis zu acht Meter pro Jahr. Durch Dieselpumpen werden die wenigen vorhandenen Wasserreserven auch aus großen Tiefen gefördert und ausgebeutet.

 

Ein großer Teil dieses Wassers fließt auf Plantagen, auf denen statt Kaffee und Getreide der Kath-Strauch wächst. Seine Blätter werden gekaut und dienen den Jemeniten als tägliches Genussmittel. Sie bringen den Kleinbauern mehr ein als andere Produkte. Was ihnen zu Gute kommt, fehlt aber an anderer Stelle: Inzwischen verbraucht der Anbau 40 Prozent des gesamten Wasserbedarfs. Darüber hinaus investieren Kath-Kauer ihr Geld eher in das süchtig machende und appetitmindernde Kraut statt in eine ausgewogene Ernährung.

 

KAUDROGE QAT Das gesellige Kauen von Qat (Kath) sichert in vielen Stämmen den sozialen Zusammenhalt. Die Jemeniten treffen sich in privater Runde und der Gastgeber sorgt für einen ausreichenden Vorrat an Kathblättern. Diese entfalten ihre Wirkung frisch besonders gut – mit der Auswahl qualitativ bester Zweige zollt der Einladende den Gästen daher besonderen Respekt.

 

Das Ziel im Jemen: Hungerkatastrophe lindern

Bereits seit 2015 warnen internationale Organisationen vor einer humanitären Katastrophe im Jemen. Inzwischen ist sie unter anderem auch durch den Ausbruch einer Cholera-Epidemie dort angekommen. Die internationale Gebergemeinschaft stellt zusätzliche Gelder für die Überwindung des Hungers bereit und finanziert zahlreiche Hilfslieferungen. Vielfach besteht die Herausforderung darin, überlebensnotwendige Nahrungsmittel und Medikamente trotz zerstörter und blockierter Flug- und Seehäfen in die Städte und Dörfer zu bringen.

 

Vor Ort sind nur noch sehr wenige Organisationen aktiv und kümmern sich um die infrastrukturelle und medizinische Grundversorgung. Die Bereitstellung von Trinkwasser gehört ebenso dazu wie die Entwicklung von Notfallplänen mit den lokalen Wasserbetrieben.

 

Ein Ende des Konflikts wäre nötig, um das vorhandene jahrhundertealte Wissen um eine schonende Bewirtschaftung der Böden wieder anwenden zu können und den Hunger zu überwinden.

 

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