Nicht auf einen Retter warten

Während Afrika bislang die am wenigsten von Covid-19 betroffene Region war, steigen jetzt die bestätigten Infektionszahlen und Todesfälle schnell. Ungeachtet der enormen Herausforderungen, mit denen viele afrikanische Länder weiterhin kämpfen, zeugt die afrikanische Antwort auf die Coronavirus-Pandemie von Innovativität und Einfallsreichtum.

 

Arbeiter in der Reismuehle Labana Rice Limited in Birnin Kebbi / Nigeria. © Thomas Imo, GIZ

Lidet Tadesse

Lidet Tadesse ist eine Analystin, die sich mit Frieden, Sicherheit und regionaler Integration in Afrika befasst.

Dieser Beitrag erschien erstmals in "Africa is a Country".

 

Fünf Monate sind vergangen, seit die Weltgesundheitsorganisation WHO das Coronavirus als Pandemie eingestuft hat. Während Afrika bislang die am wenigsten betroffene Region war, steigen jetzt die bestätigten Infektionszahlen und Todesfälle hier jedoch schnell. Der Kontinent hat die Marke von 1,6 Millionen bestätigten Fällen überschritten und verzeichnete zum Zeitpunkt der Verfassung dieses Textes mehr als 39.000 Todesfälle. Mehrere afrikanische Länder bereiten sich auf einen möglichen allumfassenden Gesundheitsnotstand vor und entwickeln gleichzeitig Strategien, um die katastrophalen wirtschaftlichen Auswirkungen von COVID-19 zu begrenzen, deren Konsequenzen weit mehr Menschen treffen als das Coronavirus selbst. Ungeachtet der Herausforderungen, mit denen viele Länder weiterhin zu kämpfen haben, begegnet Afrika COVID-19 mit bewundernswerter Kraft, Innovativität und Genialität und stellt ganz deutlich unter Beweis, dass der Kontinent nicht darauf wartet, vor dem Coronavirus gerettet zu werden.

 

Während die Kraft und Energie Afrikas in internationalen Beziehungen und der internationalen Entwicklung oftmals nicht gewürdigt wird, sind die frühzeitigen Präventionsmaßnahmen mehrerer afrikanischer Länder gegen das Coronavirus kaum zu übersehen. Viele Länder hatten Anfang März bereits frühzeitig ihre Grenzen geschlossen, neue oder vorhandene Infrastrukturen aktiviert und bestehende Kapazitäten (Maschinen, Personal, Fabriken) umfunktioniert, obwohl die Fallzahlen zunächst sehr niedrig blieben. Viele Länder des Kontinents hatten die Entwicklung des Ausbruchs in China, Europa und den USA beobachtet und erkannt, dass sie einen Wirtschaftsplan benötigen würden, um effektiv auf die Pandemie zu reagieren.

 

Afrika stellt deutlich unter Beweis, dass der Kontinent nicht darauf wartet, vor dem Coronavirus gerettet zu werden.

 

Da nur wenige Länder die Kapazitäten besaßen, Bürger zu testen und die benötigten Mittel in großer Zahl zu beschaffen und zu transportieren, vertrauten die afrikanischen Länder der Leistungsfähigkeit der African Union (AU) und des African Centre for Disease Control (Africa CDC), um ihre gemeinsamen Schwächen anzugehen. Anstatt sich voneinander zu distanzieren, rückten die afrikanischen Länder zusammen, um ihre Herausforderungen, die teilweise mit dem globalen Markt für medizinische Güter verbunden waren, gemeinsam zu bewältigen. Sie richteten eine gemeinsame Beschaffungsplattform ein, um afrikanischen Ländern zu helfen, den stark wettbewerbsgeprägten Markt für persönliche Schutzausrüstung (PSA) und medizinische Geräte zu umgehen, da dieses System immer durch Preistreiberei und Protektionismus der Regierungen geprägt ist. Die Entscheidung des Kontinents für kollektive und koordinierte Maßnahmen gegen COVID-19 demonstriert die wahre Kraft der Solidarität - nicht nur als ein dem Multilateralismus zugrundeliegendes konzeptionelles Ideal, sondern als Hauptelement einer wirksamen Reaktion auf eine Pandemie oder andere nationale Krisen.

 

Doch die Reaktion auf COVID-19 in Afrika geht über staatliche Aufgaben hinaus. Afrikanische Forscher, die Zivilgesellschaft und einfache Bürger haben ihr Wissen, ihr Geld, ihr Sozialkapital und ihren Einfallsreichtum eingesetzt, um ihre Bedürfnisse zu erfüllen. Bürger in Kenia, Südafrika und Nigeria haben sich gemeinsam organisiert und Lebensmittelspenden und Tafeln eingerichtet, um den sozial schwächsten Mitbürgern zu helfen, die besonders stark von dem wirtschaftlichen Abschwung betroffen sind. In sozialen Netzwerken verbreiten sich Beispiele afrikanischer Innovativität und Genialität von Hilfsmitteln vom kontaktlosen Händewaschen, Eigenbau-Ventilator-Prototypen in Somalia über die Herstellung von Test-Kits für einen Preis unter einem Dollar im Senegal und der Nutzung von Drohnen zur Verteilung von Test-Kits in unzugänglichen Regionen in Ghana bis hin zur Umfunktionierung von Fertigungsstraßen zur Herstellung von PSA in Marokko, Äthiopien und Kenia.

 

Diesen positiven Entwicklungen steht in vielen Ländern eine weit verbreitete Skepsis entgegen, dass das Coronavirus in Afrika existiert und eine Bedrohung für Afrikaner ist. Diese Skepsis trägt in Kombination mit der Nachlässigkeit der Bevölkerung und der Schwierigkeit, Abstand zu halten, weiterhin zu einem Anstieg der COVID-19-Infektionszahlen auf dem Kontinent bei. Nichtsdestotrotz zeigen die verschiedenen Innovationen und einfallsreichen Maßnahmen auf dem gesamten Kontinent wieder einmal, dass lokale Lösungen für lokale Probleme oftmals effektiver sind als die nach Afrika importierten Standardlösungen. Sie zeigen aber auch, dass afrikanische Lösungen manchmal die Antwort auf globale Probleme sein können.

 

Der Kampf gegen das Coronavirus beschränkt sich für viele afrikanische Länder nicht nur auf nationale Präventionsstrategien, sondern auch auf kontinentale und globale Maßnahmen. Vertreter des Kontinents beteiligen sich zunehmend an der globalen Bekämpfung von COVID-19 und verhandeln mit großen weltweiten Unternehmen, um ihre Interessen zu wahren - insbesondere bei der Entwicklung von COVID-19-Impfstoffen und dem Zugang zu globalem Kapital für die Bekämpfung der wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie.

 

Afrikanische Vertreter bei den Vereinten Nationen haben sich zu gleichgesinnten Gruppen wie der EU gesellt, um für die Gestaltung jedes zukünftigen Impfstoffs als allgemein erschwingliches und zugängliches Produkt für den globalen öffentlichen Markt einzutreten. In Zusammenarbeit mit globalen wissenschaftlichen Gemeinschaften werden Anstrengungen unternommen, um sicherzustellen, dass klinische Studien auf dem Kontinent durchgeführt werden, um die Wirksamkeit der Impfstoffe in der afrikanischen Bevölkerung zu bestätigen.

 

Afrikanische Lösungen können manchmal die Antwort auf globale Probleme sein.

 

Darüber hinaus wird prognostiziert, dass die Pandemie eine katastrophale Auswirkung auf die afrikanische Wirtschaft haben wird. Ökonomen schätzen derzeit, dass der Kontinent zwischen 100 und 150 Milliarden USD benötigen wird, um seine wirtschaftliche Erholung zu finanzieren. Angesichts dieser drohenden finanziellen Belastung sind Schuldenentlastungen und der Zugang zu Kapital eine wesentliche Voraussetzung, um die wirtschaftliche Auswirkung der Pandemie in Afrika zu mindern.

 

Die AU steht an vorderster Front in den globalen Debatten zur wirtschaftlichen Erholung und insistiert bei weltweiten Kreditgebern und Finanzregulierungsbehörden, dass die weltweite Wirtschaft einschließlich lokaler afrikanischer Wirtschaftssysteme nicht ohne Behandlung dieser kritischen Themen gerettet werden kann. Durch ihre vier Sondergesandten verhandelt die AU über Schuldenerlass und Zugang zu Kapital für die afrikanische Wirtschaft, die Probleme hat, ihre Schulden zu bedienen und gleichzeitig ihr Budget umzuwidmen, um die Kosten der Pandemie zu tragen.

 

Auf nationaler Ebene zeigt sich ein eher gemischtes Bild. Die Regierungen versuchen, auf die gesundheitlichen Herausforderungen der Pandemie ausgewogen zu reagieren und gleichzeitig ihre wirtschaftliche Auswirkung zu minimieren. Gleichzeitig hat die Pandemie ebenfalls bereits vorher bestehende staatliche Probleme wie Korruption, Gewalt gegen Frauen, staatlich sanktionierte Gewalt gegen Bürger, schwindender ziviler und politischer Raum und die Verlängerung der Regierungszeit von/Parteien und Präsidenten offenbart. Es ist daher nicht genau zu bestimmen, wie erfolgreich Afrika die Pandemie bisher bekämpft hat. Nichtsdestotrotz müssen die Innovativität und der Einfallsreichtum der Reaktion des Kontinents auf die Pandemie einen festen Platz in der Geschichte der globalen Bekämpfung von COVID-19 haben.

 

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