Police gegen Katastrophen

Versicherungen könnten in Afrika Schutz während Dürren bieten. Wie genau, versucht die Branche herauszufinden. Erste Erfahrungen liegen vor. Ein Interview mit dem Geschäftsführer der Münchner Rück Stiftung, Thomas Loster

(c) Christoph Püschner/Diakonie Katastrophenhilfe
Kenia: Viehzüchterin Elizabeth Kiilu nimmt an einem Zuchtprogramm für Milchziegen teil. Jedes Land muss eine Vorsorgestrategie für Hungersnöte entwickeln, fordert Loster.© Christoph Püschner/Brot für die Welt

Thomas Loster

Thomas Loster ist Geograph und Geschäftsführer der Münchener Rück Stiftung. Die Stiftung beschäftigt sich mit großen globalen Herausforderungen: Armutsbekämpfung, Umwelt- und Klimaveränderung, Wasser als Ressource und Risikofaktor, Bevölkerungsentwicklung und  Katastrophenvorsorge – und unterstützt Menschen in Risikosituationen.

Münchener Rück Stiftung

Tilman Wörtz

(c) Dennis Williamson

Tilman Wörtz hat Politikwissenschaft und VWL in Erlangen, Paris und Mexiko-City studiert. Er arbeitet seit 2000 als Reporter bei Zeitenspiegel Reportagen. Er interessiert sich für die wirtschaftliche und politische Entwicklung von Krisenländern.

Tilman Wörtz: Herr Loster, wie können Versicherungen einem Bauern in Afrika bei der Anpassung an den Klimawandel helfen?

 

Thomas Loster: Versicherungen können die Probleme sicher nicht beseitigen, aber etwas Linderung verschaffen. In einigen Fällen haben sie das getan. Aber wir stehen vielerorts erst ganz am Anfang dieser Entwicklung und können keine Wunder erwarten. Versicherungsprodukte in Afrika müssen ganz anders gestrickt werden, als in Europa oder den USA. Wir sind in diesem Prozess auch Ansprechpartner.

 

Das läuft im ländlichen Afrika nicht so, dass ein Vertreter im Anzug über die Felder stapft und Versicherungen verkauft.

 

Wo liegen die Unterschiede?

 

Kostenaufwand und Prämien sind in vielen afrikanischen Ländern komplett anders. Wenn sie in den USA einen Großfarmer gegen Ernteausfälle versichern, haben Sie mit einer einzigen Verhandlung vielleicht mehrere 10.000 US-Dollar Prämie gesichert. In Afrika hingegen sind es oftmals nur ein paar Dollar pro Kleinbauer. Individuallösungen machen da häufig keinen Sinn. Man muss den Bedarf der Leute erst mal herausfinden und gemeinsam mit ihnen das passende Produkt entwickeln. Das läuft im ländlichen Afrika nicht so, dass ein Vertreter im Anzug über die Felder stapft und Versicherungen verkauft.

 
Welche konkreten Erfahrungen gibt es denn bisher?

 

Ein interessantes Beispiel ist die Rural Resilience Initiative R4 in Ostafrika. Oxfam hat 2009 in Äthiopien 200 Bauern trainiert. Dabei ging es um Anbaumethoden,  die ihnen die Anpassung an extreme Wetterbedingungen erleichtern sollen, die immer häufiger auftreten. Teil des Projekts war eine Versicherung gegen die Auswirkungen von extremen Dürren. Mittlerweile ist auch das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) in das Projekt eingestiegen und arbeitet mit 57.000 Farmern in fünf Ländern zusammen. Es wurden bereits 125.000 US-Dollar an Versicherungssummen ausbezahlt. Die Versicherung läuft oft über Bauernverbände, in denen hunderte oder auch tausende Bauern Mitglieder sind. Es hilft dem Verband und den Betroffenen natürlich, wenn jemand nach einer Dürre mit einem 20.000 Dollar-Scheck kommt und sagt: ´So, verteilt das mal unter den am härtesten Betroffenen.´ Das ausbezahlte Geld hilft den Menschen, die Krisenzeiten besser zu überwinden. Die Landwirte müssen dann nicht ihre Werkzeuge, Vieh oder sonstige produktiven Güter verkaufen, um ihre Familien zu ernähren.

 

Die Auszahlung wird nicht nach dem individuellen Schaden ermittelt?

 

Nein, das wäre bei den geringen Versicherungssummen viel zu aufwändig. Es handelt sich um eine sogenannte Indexversicherung. Die greift, wenn beispielsweise ein bestimmter Temperatur- oder Dürrewert in einer Region überschritten wird. Ein einfaches Kriterium wäre etwa: ´Wenn es einen Monat lang über dreißig Grad C heiß ist, kommt es zur Auszahlung`. Das ist eine elegante und gleichzeitig unkomplizierte Methode. Sie hat nur eine Schwierigkeit: Ein Bauer kann Einbußen haben, obwohl die Temperatur in der Region knapp unterhalb des definierten Wertes lag. Das muss man ihm dann gut erklären. Die Menschen dort kennen bisher meist nur das Sparen als Absicherung, bei dem immer was zurückkommt. Bei einer Versicherung dagegen gibt es nur im Härtefall Geld. Das ist neu für sie.

 

Lassen sich denn die Daten für eine Indexversicherung genau genug erheben?

 

Die Datenerhebung ist natürlich ein Problem in vielen armen Ländern, in denen Messstationen hunderte Kilometer entfernt voneinander liegen und die Werte dazwischen geschätzt werden müssen. Der einzelne Bauer hat vielleicht das Gefühl, dass es furchtbar heiß war und er nun Anspruch auf eine Auszahlung hat - auch wenn sich dieser Wert nicht objektiv nachweisen lässt. Das Kriterium muss jedenfalls so einfach und nachvollziehbar wie möglich sein, da wurden bereits viele Fehler gemacht.

 

Wir befinden uns in einem Lernprozess, bei dem sich alle Seiten besser kennenlernen müssen: Regierungen, Hilfsorganisationen, Versicherungen und die Menschen, die im Risiko leben

 

Nennen Sie uns ein Beispiel.

 

Das WFP hat mit der Afrikanischen Union gemeinsam eine große Versicherung namens "African Risk Capacity" (ARC) aufgesetzt, die auf Länderebene funktioniert. Die einzelnen Regierungen müssen eine Vorsorgestrategie für extreme Dürren und Hungersnöte entwickeln. Die ARC entwickelt dann ein passendes Versicherungsangebot. Wenn die Probleme auftauchen, werden Zahlungen aus dem ARC-Programm geleistet. Allerdings wurde beispielsweise zuletzt in Malawi ein komplizierter "Feuchtigkeits-Index" definiert, der aus mehreren Werten ermittelt, wie viel Wasser die Pflanzen abbekommen müssen. Den Indikator versteht kein einfacher Mensch und es kam zu großem Streit, ob Auszahlungen zu leisten sind oder nicht.

 
Versicherungen können sich nur Bauern leisten, die zumindest minimale Einkommen haben. Vom Klimawandel betroffen sind aber oft vor allem die Ärmsten.

 

Die lassen sich in manchen Fällen durch Arbeitsleistung einbinden. Die bereits geschilderte R4-Initiative in Ostafrika bietet armen Helfern auch Versicherungsschutz, wenn sie etwa bei Vorkehrungen gegen die Erosion der Böden unterstützen. Sie müssen dann keine Prämien zahlen und sind trotzdem mit abgedeckt, weil ihre Arbeitsleistung gewertet wird.

 

Der Oxford-Ökonom Stefan Dercon sagt: "Unsere Katastrophenhilfe ist mittelalterlich". Sie komme meist zu spät, weil Hilfsorganisationen erst Gelder über Kampagnen sammeln müssten, bevor den Betroffen geholfen werden könne. Versicherungen schafften schneller Abhilfe. Dem Volumen der derzeitigen Angebote nach zu schließen sind wir aber noch sehr weit von so einer Form der Vorsorge in Afrika entfernt.

 
Ich habe öfter mit Dercon diskutiert. Ich denke, wir brauchen beides: Aufbauhilfen und Absicherung gegen schwere Schläge. Solche Ansätze werden erst seit etwas mehr als fünf Jahren umgesetzt und haben Laufzeiten von bis zu zehn Jahren und mehr. Da kann man keine Wunder erwarten. Wir befinden uns in einem Lernprozess, bei dem sich alle Seiten besser kennenlernen müssen: Regierungen, Hilfsorganisationen, Versicherungen und die Menschen, die im Risiko leben.

 
Unterstützen Hilfsorganisationen die Versicherungen darin, Klimarisiken abzufedern?

 

Die Zusammenarbeit zwischen privatem und staatlichem Sektor ist eine Voraussetzung für das Gelingen von Entwicklungszusammenarbeit - die so genannte Public Private Partnerships (PPP). Versicherungen haben durch die Diskussion in den vergangenen Jahren einen ganz neuen Stellenwert erhalten.

 

Sieht ihre Stifterin Munich Re Gewinnchancen aus Agrarversicherungen in Afrika?

 

Ja. Munich Re ist bereits in einigen entwickelteren Versicherungsmärkten in Afrika, beispielsweise in Südafrika und Sambia aktiv. Und sie ist als Rückversicherer beispielsweise bei ARC aufgetreten. Das Volumen des Geschäfts ist in vielen Ländern Afrikas aber noch nicht ausreichend vorhanden und oft sind die richtigen Produkte noch nicht entwickelt. Vorerst sind da vor allem wir von der Münchener Rück Stiftung als Gesprächspartner.

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