Die menschliche Finca

Im Osten El Salvadors kultivieren Campesinos ein Selbstbild, das auch die Jugend auf dem Land halten soll. Mit Hilfe der Caritas haben sie die Anbaumethoden ihren Böden und Traditionen angepasst - die beste Versicherung gegen Landflucht und Kriminalität, sagt Marvin Antonio Garcia Otero, der stellvertretende Direktor der Caritas in der Diözese San Miguel, im Gespräch mit Tilman Wörtz.

Stolz, ein Bauer sein: Vielen Landwirten in El Salvador fehlt es an Selbstachtung. Photo: Caritas San Miguel
Stolz, ein Bauer sein: Vielen Landwirten in El Salvador fehlt es an Selbstachtung. Photo: Caritas San Miguel

Marvin Antonio Garcia Otero

Marvin Antonio Garcia Otero ist selbst auf einer Finca in der Nähe von San Miguel im Osten El Salvadors aufgewachsen. Er bewirtschaftet sie noch heute, hatte aber auch die Möglichkeit, Agronomie zu studieren und sein Wissen im Rahmen seiner Tätigkeit als stellvertretender Direktor der Caritas in San Miguel einzubringen und weiterzuentwickeln.

MISEREOR

GIZ

El Salvador hat die dritthöchste Mordrate der Welt, viele Menschen flüchten gen Norden. Schwierige Voraussetzungen, um die Landwirtschaft in einem Land zu entwickeln.

Dazu kommen zunehmende Dürren. Früher konnten wir zwei Mal im Jahr aussähen: im Mai und im August, denn in diesem Zeitraum war die Regenzeit. Durch den Klimawandel gibt es heute eine neue Hitzezeit im Juni und Juli und macht die erste Ernte unsicher. Mit den zunehmenden Problemen haben wir aber auch verstanden, wie all diese Dinge zusammenhängen.

 

Was hat der Klimawandel mit steigender Kriminalität zu tun?

Dürren, Umweltverschmutzung und Kriminalität sind Folgen eines Wirtschaftssystems, das Zerstörung fördert. Wir setzen dagegen die Vision einer ökologischen Landwirtschaft, die bei der Kultivierung von uns selbst beginnt. Zum einen, was das Erlernen neuer Anbaumethoden betrifft. Seit 2006 organisieren wir aber auch Kurse, in denen wir über eine breitere politische und soziale Vision sprechen.

 

Nachhaltige Landwirtschaft erhält die Natur, statt sie zu zerstören. Photo: Caritas San Miguel
Nachhaltige Landwirtschaft erhält die Natur, statt sie zu zerstören. Photo: Caritas San Miguel

Interessieren sich junge Menschen für so was?

Wir konzentrieren uns zuerst auf Führungspersönlichkeiten unter den jungen Leuten, die dann die anderen mitziehen. Gerade junge Menschen sind offen für neue Ideen. Zuerst muss ihre Selbstachtung wieder hergestellt werden. In El Salvador drohen die Eltern gern ihren Kinder: "Te va a tocar vida de campesino!", was übersetzt heißt: "Du wirst als Landwirt enden!" Sie wollen, dass ihre Kinder etwas anderes, "besseres" machen. Bauer sein ist stigmatisiert. Wir dagegen sagen den jungen Menschen: "Die Bauern von El Salvador produzieren 80 Prozent unserer Nahrungsmittel. Ihr habt eine unglaublich große Bedeutung für dieses Land!" Und wir schaffen das, ohne unsere Lebensgrundlagen zu zerstören.

 

Was macht Ihrer Ansicht nach eine nachhaltige Landwirtschaft aus?

Seit den 60iger Jahren kamen studierte Agronomen von den Universitäten, die eine "Grüne Revolution" propagierten: Ihr braucht neues Saatgut aus dem Ausland, Düngemittel und Traktoren - dann erzielt ihr viel höhere Erträge. Diese Agronomen haben aber nicht die Beschränkungen berücksichtigt, mit denen die Menschen hier zurecht kommen müssen.

 

Welche sind das?

Ein Campesino in unserer Diözese besitzt im Schnitt nicht mal einen Hektar Land. Der Boden ist schlecht, eigentlich nicht besonders für Landwirtschaft geeignet, eher für Bäume und Wald. Aber es ist nun mal dieser Boden, den sie besitzen. Die Experten der "Grünen Revolution" empfahlen, dass die Bauern Mais für den Export anbauten. Aber dafür müssen sie viel Geld für spezielles Saatgut, Unkrautvernichtungsmittel und Dünger ausgeben.  Zu viel Geld.

 

Vielfalt statt Monokultur. Photo: Caritas San Miguel
Vielfalt statt Monokultur. Photo: Caritas San Miguel

Was machen Sie anders?

Auf den gleichen Feldern, wo vorher Mais gebaut wurde, lässt sich auch Papaya anpflanzen - ein Obstbaum, der viel besser an diese Art von Boden angepasst ist. Und um die Papaya-Bäume herum wachsen Bohnen oder Bananen und etwas Mais für den Eigenverbrauch. Im Endeffekt verdienen die Bauern mit der Papaya-Ernte mehr, müssen weniger für Chemie ausgeben und haben zusätzlich selbst etwas zu essen. Klar, die Setzlinge müssen gewässert werden und es braucht genügend Bienen in der Region für deren Bestäubung - weshalb wir junge Menschen in der Bienenzucht ausbilden. Das ist nachhaltige Landwirtschaft. Entwicklung auf lange Sicht. Dahinter steckt auch die Idee einer "finca humana".

 

Also der Kultivierung des Menschen selbst, nicht nur des Ackers?

Genau. Wir lernen gemeinsam mit den Campesinos neue Anbaumethoden. Ich bin selbst auf einer Finca aufgewachsen. Meine Großeltern hatten noch eine Vielzahl von Gemüse- und Obstsorten angebaut. Meine Eltern nicht mehr. Ich hatte zwar das Glück, Agronomie studieren zu können. Viel wichtiger war aber für mich, den Bauern zuzuhören und alte Traditionen neu zu entdecken und weiterzuentwickeln. Heute bauen wir in der Region wieder viel mehr Bohnen, Rettich, Minze, Frühlingszwiebel, Brombeeren, Cashew-Nüsse an. Statt chemische Herbizide und Dünger zu kaufen, sammeln wir in den Bergen Schimmelpilze auf verwesenden Bäumen, Büschen und Laub. Man erkennt sie an der grauen, weißen oder gelben Farbe. Wir kultivieren sie in Wasser und bespritzen damit die Erde. Diese Mikroorganismen schützen dann die Saat. Die Wurzeln der Bohnen lockern das Erdreich und sie geben Nitrat wieder an den Boden zurück, das ihm von anderen Pflanzen entzogen wurde. Bohnen-Blätter machen außerdem Unkraut den Platz streitig. So ergänzen sich Pflanzen gegenseitig. Das ist nachhaltige Landwirtschaft. Sie erhält die Lebensgrundlagen, statt sie zu zerstören.

 

Ermöglicht sie auch jungen Menschen ein besseres Leben - denn darauf kommt´s doch letztlich an, oder?

Klar, junge Menschen brauchen Geld, um sich ein Hemd, Schuhe oder eine Hose zu kaufen. Oder ein Handy. Ich garantiere ihnen: manch ein Jugendlicher auf dem Land hat ein besseres als ich. Wir erschließen zusätzliche Einnahmequellen. Wir bringen ihnen zum Beispiel bei, Ziegel zu brennen und zu verkaufen, die ein angenehmeres Raumklima als die üblichen Wellblechdächer erzeugen. Oder wir machen aus tropischen Früchten Süßigkeiten und Marmelade.

 

Früher, als auf die Regenzeit Verlass war, konnten die Bauern in El Salvador zwei Mal im Jahr aussähen. Durch den Klimawandel ist darauf kein Verlass mehr. Photo: Caritas San Miguel
Früher, als auf die Regenzeit Verlass war, konnten die Bauern in El Salvador zwei Mal im Jahr aussähen. Durch den Klimawandel ist darauf kein Verlass mehr. Photo: Caritas San Miguel

Wie groß ist Ihr Team und wie viele Familien betreuen Sie?

Zu uns gehören fünf Agronomen, ein Bauingenieur und ein Sozialarbeiter. Gemeinsam betreuen wir 300 Familien in insgesamt vier Gemeinden. Besonders eng arbeiten wir mit acht Jugendgruppen zusammen. Denn sie haben einen besonderen Einfluss auf ihr Umfeld und die Zukunft des Projekts.

 

Um sich auf dem Land wohl zu fühlen braucht es sicher mehr als eine gute Ernte.

Jede unserer Versammlung beginnt mit einem Gedicht oder einem Lied. In unserer Gegend sind Gesänge mit Gitarre und Violine populär, die während des Bürgerkriegs entstanden sind. Wir halten den Stil lebendig und unterstützen begabte Komponisten, die neue Lieder schreiben. Die Texte handeln von der Verbundenheit mit der Erde, von besonderen Menschen oder der Verteidigung einheimischen Saatguts. Einmal im Jahr gibt es auch eine Art Erntedankfest. Es ist natürlich nicht leicht, die Jugend für diese Traditionen zu begeistern. Aber wir müssen die Generationen verbinden, wenn es hier in der Region weitergehen soll.

 

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Fairer Handel und Klimagerechtigkeit: Alles hängt zusammen

Ein Beitrag der Initiative für nachhaltige Agrarlieferketten (INA)

Organisationen des Fairen Handels und die Initiative für nachhaltige Agrarlieferketten (INA) haben zur Cop 26 die #ichwillfair-Kampagne gestartet, um die Verbindung von globalen Lieferketten und dem Klimawandel aufzuzeigen.

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"Keine der drei Ampelparteien ist nahe am Pariser Abkommen."

Ein Interview mit Leonie Bremer (FFF)

Bei der Klimakonferenz in Glasgow demonstrierten Aktivist:innen zahlreicher Gruppen – mit dabei Leonie Bremer von „Fridays for Future“. Wie können Klimaschutz und Entwicklungszusammenarbeit zusammengehen?

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© Klaus Wohlmann/GIZ

...und was ist mit deutschen Unternehmen?

Interview mit Stefan Liebing

Stefan Liebing ist Vorsitzender des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft. Der Manager fordert eine bessere Struktur von afrikanischen Agrarbetrieben. Ein Gespräch mit Jan Rübel über Kleinbauern, die Chancen für deutsche Start-Ups und einen neuen Fonds.

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(c) Thomas Lohnes / Brot für die Welt

Hype um Urban Gardening: Landwirte oder Hobbygärtner?

Ein Beitrag von Stig Tanzmann (Brot für die Welt)

Urban Gardening findet immer mehr Anhänger. Menschen, die sich als Teil einer grünen Bewegung sehen, legen auf städtischen Flächen Nutzgärten an. In Gegenden großer Armut im globalen Süden ist urbane Landwirtschaft Teil einer Ernährungsstrategie.

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5 Fragen an Gunther Beger (BMZ): Was ist zu tun?

Interview mit Gunther Beger (BMZ)

Was kostet es, den Hunger in der Welt bis 2030 nachhaltig zu beenden? Diese Frage stellte das Bundesentwicklungsministerium (BMZ) und beauftragte zwei Forschungsteams, eine Antwort zu finden. Die Ergebnisse der Studien wurden am 13. Oktober im Vorfeld des Welternährungstages vorgestellt.

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Schranken wegen der Pandemie: Antworten der Kleinbauern

Eine Studie des SLE

Der Lockdown wegen COVID-19 traf die Wirtschaft stark - darunter besonders die Landwirtschaft mit ihren Lieferketten und Absatzmärkten. Welche kreativen Umgangsstrategien haben die Betroffenen dabei gefunden? Das Seminar für ländliche Entwicklung hat hierzu eine Forschungsstudie begonnen.

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5 Fragen an Jann Lay: Was macht Corona mit der Wirtschaft?

Interview mit Jann Lay (GIGA)

Die Corona-Pandemie trifft die Volkswirtschaften weltweit sehr hart - doch die Entwicklung in afrikanischen Ländern ist durchaus divers. Es gibt unterschiedliche Geschwindigkeiten, Resilienzen und Verwundbarkeiten. Woran liegt das? Apl. Prof. Jann Lay vom GIGA-Institut gibt Antworten.

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5 Fragen an den SEWOH-Beauftragten Dirk Schattschneider

Interview mit Dirk Schattschneider (BMZ)

Seit rund einem Jahr ist Dirk Schattschneider Beauftragter für die Sonderinitiative "EINEWELT ohne Hunger" (SEWOH) des BMZ. Im Interview blickt er auf die Herausforderungen des vergangenen Jahres zurück und wirft gleichzeitig einen Blick in die Zukunft.

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Nicht auf einen Retter warten

Ein Beitrag von Lidet Tadesse

Während Afrika bislang die am wenigsten von Covid-19 betroffene Region war, steigen jetzt die bestätigten Infektionszahlen und Todesfälle schnell. Ungeachtet der enormen Herausforderungen, mit denen viele afrikanische Länder weiterhin kämpfen, zeugt die afrikanische Antwort auf die Coronavirus-Pandemie von Innovativität und Einfallsreichtum.

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