Der Kommunikator

Was haben Elektrotechnik, Telekommunikation und Landwirtschaft gemeinsam? Sie wecken die Leidenschaft von Strive Masiyiwa: Vor 30 Jahren startete er mit 75 Dollar eine Elektroinstallationsfirma, surfte später als Pionier auf der Telekommunikationswelle – und engagiert sich heute für die Transformation afrikanischer Landwirtschaften.

Ich bin ein Alternativtext
Strive Masiyiwa engagiert sich für AGRA und die Transformation afrikanischer Landwirtschaften. © Frank Schultze/GIZ

Jan Rübel

Jan Rübel ist Autor bei Zeitenspiegel Reportagen, Kolumnist bei Yahoo und Reporter für überregionale Zeitungen und Zeitschriften. Er studierte Islamwissenschaft und Nahostgeschichte.

Wie Glühwürmchen leuchten Dutzende Handys matt auf, als ein kleiner Mann in schwarzem Hemd und dunkler Cordhose den Saal betritt. Während er nach vorne geht und sich in die erste Reihe setzt, setzen die kleinen Apparate Nachrichten ab. „#StriveInBerlin“ ist das Hashtag bei Twitter, unter dem sie alle wieder zusammenkommen.

 

Dann beginnt eine Show. Der Mann schreitet zu einem Pult auf der Bühne und ruft: „Afrika ist in Bewegung, die Zeichen sind überall. Die Zukunft kann nur glänzend sein!“ Die Handys und ihre Besitzer scheinen jedes Wort aufzusaugen, hier im Senatssaal der Berliner Humboldt-Universität, wo die Gemälde von Nobelpreisträgern hängen und Wissenschaftler wie Albert Einstein einst lehrten.

 

Heute steht am Eingang auf Pappe geschrieben: „Youth Townhall with Strive Masiyiwa“. Der Mann soll Fragen beantworten, viele Arme gehen in die Höhe, er aber sagt zu einer Studentin, die ihn um Ratschläge bat: „Setz dich nicht hin. Wie kommt es, dass du mir so viele Fragen stellst. Du bist das Beste, was wir haben. Frage nicht, antworte selbst!“

 

 Agrobusiness ist das nächste große Ding.

Strive Masiyiwa, 57, ist kein Prediger und kein Guru. Er ist Unternehmer. Und doch nimmt er sein Publikum mit, als wollte er jeden Einzelnen mit allem ausstatten, was es braucht, um die afrikanische Landwirtschaft zu revolutionieren: „Ich will nicht, dass Ihr alle Bauern werdet, aber wir sehen uns zurück in Afrika.“ Die Zuhörer: Mehrheitlich Promovierende aus Afrika, die an deutschen Universitäten forschen. Und Masiyiwa: Milliardär, Philanthrop und Vorsitzender von AGRA, der „Alliance for a Green Revolution in Africa“. Masiyiwa ist reich geworden mit der Telekommunikation. Aber an diesem Abend redet er über Landwirtschaft.

 

„Als Unternehmer will ich den Kunden kennen“, sagt er. „Diesmal ist es der Kleinbauer.“ Landwirtschaft in Afrika ist stark durch sie geprägt. „Agrobusiness ist das nächste große Ding“, ruft er aus. AGRA ist eine Organisation, welche die Transformation der afrikanischen Landwirtschaften vorantreiben will. 2006 gegründet, setzt sie sich für mehr Produktivität und mehr Unternehmertum im Agrarsektor ein, mit dem Ziel: Der Kontinent soll sich selbst ernähren, teure Lebensmittelimporte reduzieren und Jobs schaffen; letzteres sei bei einer stark wachsenden Bevölkerung dringend nötig. Kein Wunder, dass AGRA und Masiyiwa gut zusammenpassen, beide denken groß. „Wenn Bauern den Boden mit einer Hacke bearbeiten, dann ist das nicht romantisch, sondern eine Tragödie“, sagt er zornig. „Hacken gehören ins Museum!“

 

Das Publikum tippt mit. Masiyiwa ist nicht irgendein Reicher, der nun der Welt etwas zurückgeben will. Er ist nach Angaben von Facebook der Unternehmensführer mit der größten „Follower“-Schar weltweit. Wie macht er das? „Ich spreche auf der Plattform nicht über mein Business von oben herab – ich erzähle einfach Geschichten.“

 

Mit einem Startkapital von 75 Euro zur eigenen Firma

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Begehrter Gesprächspartner: Diese Zuhörerin in der Berliner Humbold-Universität hat eine Menge Fragen an Masiyiwa. © Frank Schultze/GIZ

Seine eigene hört sich an wie die eines ungeduldigen und visionären Jungen. In Zimbabwe geboren, heuerte er als Mittzwanziger bei der staatlichen Telefongesellschaft an, verließ sie jedoch bald. „Die einfachsten Fragen kriegte ich nicht beantwortet“, wird er später bei einer Kaffeepause zwischen zwei Terminen sagen, „die Bürokratie war unbeweglich“. Masiyiwa war jung, ledig und frei. Er lieh sich Geld von der Familie und Freunden, mit einem Startkapital von 75 Dollar eröffnete der studierte Elektrotechniker seine eigene Firma.

„Unternehmerisches Denken kannte ich bereits, meine Mutter führte ein Möbelgeschäft.“ Es war die Zeit, in der in Zimbabwe ein Bauboom begann, und Masiyiwas Firma mit ihren Elektroinstallationsarbeiten wuchs mit. Er sagt: Nie habe er zum Ziel gehabt, „ein Business groß zu machen“ sondern sei den beiden Fragen nachgegangen: „Was ist möglich? Und was sind die Bedürfnisse der Menschen?“

Rasch hatte er erkannt: In den 1990ern verfügte gerade einmal ein Prozent aller Afrikaner über ein Telefon. In Zimbabwe wartete man damals 20 Jahre lang auf einen Anschluss. Masiyiwa bewarb sich um Lizenzen, klagte über Jahre hinweg gegen Monopole und erkannte frühzeitig die Potenziale der Mobiltechnologie für die ländlich geprägten Länder Afrikas. Der Rest ist Geschichte. Heute regiert er über Unternehmen, die in Telekommunikation, aber auch in Finanzdienstleistungen, erneuerbare Energien, Fernsehen und andere Medien in 20 Ländern investieren.

40.000 Kinder erhalten Bildungsstipendien durch seine Stiftung, schon 1998 nannte die „World Junior Chamber of Commerce“ ihn einen von „10 most outstanding young leaders of the world", 2014 zählte ihn das „Fortune Magazine“ zu den 50 einflussreichsten Unternehmensführern weltweit. Und nun AGRA. Dessen Mitgründer, der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan, hatte ihn dafür gewonnen; von ihm erzählt er oft, hier in Berlin.

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Strive Masiyiwa bei der Pressekonferenz des BMZ.© Frank Schultze/GIZ

Es ist später Abend, die Rede und die Fragerunde sind vorbei. Aber noch umringen junge Leute Masiyiwa, Studentinnen stehen vor ihm und stellen Fragen, Studenten stehen hinter ihm und staunen, wollen nicht weichen. Harren aus für ein Selfie. Doch der nächste Termin steht an. Er sagt, noch einmal: „Wir sehen uns zuhause!“

Am nächsten Tag steht mittags eine Pressekonferenz auf der Agenda, gemeinsam mit der Parlamentarischen Staatssekretärin Maria Flachsbarth aus dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Alle warten auf – Masiyiwa. Der hetzt herein, aber mit einem Gesicht, das Stress nicht zeigt. „Es gibt viele fruchtbare Böden in Afrika“, beginnt Flachsbarth, „und Afrika exportiert Jobs“. Sie arbeite gern mit AGRA zusammen, fügt sie hinzu. Dann beginnt Masiyiwa eine seiner Anekdoten mit Kofi Annan. „2007 war ich mit ihm in Mali unterwegs, die Bauern zeigten uns ihre Ernte, die eigentlich gut war, aber sie sagten auch: ‚Das Wetter ändert sich.‘ Das Wort Klimawandel kannten sie nicht, aber seine Folgen. Außerdem sahen wir auf den Feldern nur die Frauen arbeiten, während die jungen Männer im Dorf herumlungerten. Da sagte Kofi zu mir: ‚Wenn wir nichts für die jungen Männer unternehmen, gibt das Probleme.‘ Sechs Monate später brachen in Mali schwere Unruhen aus.“

 

AGRA ist ein Beschleuniger, kein Verdränger.

 

Daher unterstützt AGRA eine Transformation der Landwirtschaft, „die Erforschung der alten Saaten wie Kassave, Sorghum und Millet, sie sind resilienter im Schatten des Klimawandels“, sagt er. Flachsbarth erinnert daran, wie die Ernteerträge in Deutschland vor 100 Jahren ausgesehen hätten, „nämlich 20 Tonnen Weizen pro Hektar, heute sind es 80 Tonnen“. Masiyiwa nimmt den Ball auf und zum ersten Mal wird seine sonst leise, ruhige und selbstbewusst wirkende Stimme hier in Berlin etwas laut. „Es gibt da einige Mythen über AGRA“, brummt er. „Wir arbeiten aber mit keiner einzigen großen Firma im Saatgutbereich, sondern nur mit kleinen Produzenten. AGRA ist ein Beschleuniger, kein Verdränger.“

Flachsbarth und Masiyiwa laufen sich ein zweites Mal über den Weg, und zwar am Abend. Das BMZ lädt zu einer Diskussion, und die Staatssekretärin spricht im Saal vor rund 200 Gästen über die gemeinsamen Ziele, über den Bedarf an Innovationen in der Landwirtschaft, „Afrika hat einen Anteil am Welthandel von zwei Prozent“. Als Masiyiwa seinen Vortrag beginnt, hat er den Saal mit dem ersten Satz auf seiner Seite. „Haben Sie meine Rede genommen?“, fragt er Flachsbarth. Und erzählt wieder die Anekdote mit Annan in Mali, sie nimmt ihn gefangen. „Wenn das Wasser wegen dem Wetter ausbleibt, die Männer nicht arbeiten – dann kommen die Extremisten“, fasst der Geschäftsmann politische Lagen zusammen.

 

Eine Kultfigur für die junge Männer in Afrika

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Hashtag #StriveInBerlin: Der Unternehmer Strive Masiyiwa begeistert das Publikum.© Frank Schultze/GIZ

Masiyiwa bricht auf, schon geht es zum Flughafen. Mit den Machthabern in Zimbabwe hat er sich überworfen, er lebt in London. Oder eher überall. Und bleibt dabei seltsam entspannt. Für ihn ist das, was er seit Jahren betreibt, mehr als ein Payback.

Seit Jahren ist er eine Art Kultfigur für die vielen jungen Afrikaner, über die digitalen Medien erreicht er sie mit seinen Aufrufen zum Handeln, zur Selbstermächtigung. Sein Charisma, sein Reichtum, sein politischer Einfluss – all dies weckt Begehrlichkeiten und Versuche ihn vor diverse Wagen zu spannen. Doch den von AGRA zieht er gern; die Relevanz für den Kontinent, die Notwendigkeit und die Chancen. Als zöge es vielmehr ihn, den Kommunikationsdienstleister, auf die Äcker: Was derzeit mit der Landwirtschaft in Afrika geschehe, sagt er, „erinnert mich an den Beginn des Mobilfunkbooms.“

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Sklaven stellen keine Qualität her

Von Tilman Wörtz

Ritter Sport kennt jedes Kind in Deutschland. Die meisten Kinder, die auf westafri-kanischen Plantagen Kakao ernten, haben dagegen noch nie Schokolade gegessen. Kann ein Schokoladenfabrikant die Welt ändern? Ein Gespräch mit Alfred Ritter über Macht und Ohnmacht eines Unternehmers.

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