Das Gesicht der afrikanischen Landwirtschaft ist weiblich

/

Afrika hat hervorragende Voraussetzungen, Landwirtschaft zu seinem Wirtschaftsmotor zu entwickeln. Doch das Potential dafür wird bei weitem nicht ausgeschöpft, unter anderem weil Frauen bei der Ausübung ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit auf erhebliche Hindernisse treffen. Die Organisation AWAN Afrika will diesen Umstand ändern.

 

Teilnehmerin des CARI Training-Projets in Suru/Nigeria. Foto: GIZ / Thomas Imo

Beatrice Gakuba

Beatrice Gakuba ist die Geschäftsführerin des African Women Agribusiness Network Afrika (AWAN-AFRIKA), einer gemeinnützigen Organisation, mit dem Ziel, von Frauen geführten Agrarunternehmen Zugang zu nachhaltigen Märkten, Handelsinformationen, innovativen Finanzierungslösungen und Technologien zu verschaffen. Beatrice Gakuba gründete 2004 eines der erfolgreichsten Gartenbauunternehmen Ruandas und wurde von internationalen Führungspersönlichkeiten als Vorbild für den potenziellen Erfolg des Unternehmertums bei der wirtschaftlichen Wiederbelebung der Wirtschaft in afrikanischen Ländern gepriesen. Beatrice Gakuba ist Expertin für Nahrungsmittelsicherheit und Ernährung, Senior Content Adviser in der Agrarindustrie, soziale Innovatorin und eine erfahrene Unternehmerin.

AWAN

Dieser Artikel erschien zuerst in Rural21 Vol. 54 No. 2/2020 zum Thema: Employment for rural Africa und ist Teil einer Medienkooperation zwischen weltohnehunger.org und Rural 21.

 

Wenn Sie auf einer der großen Fernstraßen Afrikas unterwegs sind, wird Ihnen nicht entgehen, wie sich Frauen an Bushaltestellen drängen, ihre landwirtschaftlichen Erzeugnisse in den Händen halten und mögliche Käufer für ihre Waren suchen. Unübersehbar kontrollieren Frauen einen beträchtlichen Teil des Handels mit Agrarprodukten in Afrika, etwa in der Produktion, wo nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) 50 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Arbeitskräfte Frauen sind, die fast 70 Prozent der afrikanischen Nahrungsmittel anbauen und damit etwa 21 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) der afrikanischen Länder südlich der Sahara erwirtschaften.

 

Diese Zahlen belegen eindeutig, dass Frauen wesentlich zur Wirtschafts- und Ernährungssicherheit Afrikas beitragen. Dennoch verwehrt die Politik in den afrikanischen Ländern Frauen nach wie vor die vollen Rechte über das Land, das sie bewirtschaften, oder sogar den Verdienst, den sie mit ihren Produkten erzielen. Nach Angaben des Center For Women's Land Rights unterliegen 65 Prozent des Landes in Kenia dem Gewohnheitsrecht, wonach Männer beim Landbesitz Vorrang vor Frauen haben und das in verschiedenen Formen in ganz Afrika Anwendung findet. Demnach können die Frauen, die das Land bewirtschaften, dieses nicht als Sicherheit verwenden, falls sie einen Bankkredit benötigen.

 

 

Frauen wird ein Platz am Verhandlungstisch verweigert, an dem über Landrechte und die Agrarpolitik entschieden wird.

 

Darüber hinaus wird Frauen ein Platz am Verhandlungstisch verweigert, an dem sowohl über Landrechte als auch über die Agrarpolitik entschieden wird. Zahlreiche Forschungsprogramme haben jedoch gezeigt, dass die landwirtschaftlichen Erträge in Afrika um bis zu 4 Prozent steigen würden, wenn Frauen den gleichen Zugang zu Ressourcen wie Männer hätten, was wiederum die Zahl der hungernden Menschen um 17 Prozent reduzieren würde. Obwohl Afrika über 20 Prozent des globalen Agrarlandes verfügt, betragen die aktuellen Kosten für Nahrungsmittelimporte in Afrika 35 Milliarden US-Dollar und werden bis 2030 voraussichtlich auf 110 Milliarden ansteigen. In dieser Dekade des Handelns hat Afrika eine enorme Chance, die Landwirtschaft zu seinem wirtschaftlichen Motor auszubauen.

 

Allerdings gibt es mehrere Hürden, die den Erfolg von Frauen im Agribusiness behindern, obwohl sie 70 Prozent der landwirtschaftlichen Aktivitäten Afrikas ausmachen. Frauen fehlt der Zugang zu Kapital, landwirtschaftlichen Produktionsmitteln und Wissen über neue Technologien für nachhaltige landwirtschaftliche Praktiken und lokale, regionale und globale Markttrends, um nur einige Einschränkungen zu nennen. Wertschöpfung wird auf dem Kontinent immer noch nicht voll ausgeschöpft - die meisten afrikanischen Länder exportieren ihre Nahrungsmittel, zum Beispiel Kakao, Tee und Kaffee, weiterhin als Rohstoffe und importieren sie anschließend als veredelte Endprodukte. Afrikanische Märkte sind nach wie vor stationäre Gebilde, zu denen die Bauern nur über ein schlecht ausgebautes Straßennetz gelangen können, wobei die Mobilität wetterabhängig ist, so dass viele Lebensmittel nicht auf die Märkte gelangen und in Betrieben mit schlechter Infrastruktur und schlechten Lagermöglichkeiten verderben. Während der elektronische Handel auf dem Kontinent langsam an Bedeutung gewinnt, ist er nach wie vor einigen wenigen technisch versierten Bauern vorbehalten, vor allem der Jugend, die leider keinen Zugang zu Land und Kapital hat, um Unternehmen zu gründen.

 

Rückenwind für Frauen und junge Agrarunternehmen

Als gemeinnütziges Netzwerk mit begrenzter Garantie wurde das Africa Women Agribusiness Network (AWAN) mit der Vision gegründet, eine Plattform für afrikanische Frauen und Jugendliche im Agribusiness zu schaffen, um ihnen Zugang zu Finanzmitteln, Märkten und Handelsinformationen zu verschaffen. Ziel ist es, ihre Unternehmen zu fördern und voranzutreiben, indem sie die Möglichkeiten regionaler Märkte nutzen und die neu geschaffene Kontinentalafrikanische Freihandelszone Afrikas (AfCFTA) sowie globale Märkte erschließen. Es handelt sich um ein Netzwerk, das die Einzelunternehmen der Mitglieder bestehend aus Erzeugern, Verarbeitern, Aggregatoren, Exportunternehmen und Inputlieferanten aus 38 afrikanischen Ländern umfasst.

 

Um Landwirtschaft profitabel zu machen, müssen wir uns Technologie zunutze machen. AWAN stellt den von Frauen und Jugendlichen geführten Agrarunternehmen ein E-Hub zur Verfügung, in dem Informationen über landwirtschaftliche Tätigkeiten entlang der Wertschöpfungs- und Lieferketten gespeichert werden und das gleichzeitig den Zugang zu neuen landwirtschaftlichen Technologien erleichtert. #AWANAfrikaUnder30 - Sieger sind afrikanische Jugendliche jeden Geschlechts, die im Agrobusiness tätig sind. Seit unserer Gründung haben wir in 42 Ländern 1.500 Unternehmen und Gruppen im Besitz von Frauen und Jugendlichen in unserem Netzwerk registriert, wobei wir über eine Million kleine Agrarunternehmen (mama fish, mama mboga) im Besitz von Frauen durch regelmäßiges Coaching beeinflusst haben.

 

African Cashew Initiative in Ghana. Foto: Michael Drexler, GIZ

Einige der erwähnten wesentlichen Hindernisse für Afrikas Agrarindustrie wären gelöst, wenn Frauen und Jugendliche Zugang zu Finanzmitteln und Finanzdienstleistungen hätten. Doch für die meisten Banken und Kreditgeber sind Frauen in der Landwirtschaft nach wie vor ein riskantes Geschäft, weshalb sie ihnen keine Kredite für landwirtschaftliche Aktivitäten gewähren. Bei AWAN Afrika arbeiten wir mit Finanzinstitutionen zusammen, die sich für innovative Finanzierungsmodelle für unsere Mitglieder einsetzen, sei es durch digitale Kredite oder die Nutzung anderer Sicherheiten anstelle von Grund und Boden. Außerdem setzen wir uns bei Regierungen dafür ein, eine Strategie zu erarbeiten, die es ihnen erleichtert, Kreditgeber zu unterstützen, die Frauen und Jugendlichen im Agrarsektor den Vorrang geben.

 

Weiterhin schulen wir unsere Mitglieder hinsichtlich der Notwendigkeit einer marktorientierten Landwirtschaft, wodurch ihnen Absatzmärkte für ihre Produkte gesichert werden. Dies knüpft nahtlos an unsere beiden weiteren Schwerpunkte Technologie und Handelserleichterung an - hier sorgen wir dafür, dass unsere Mitglieder über unser E-Hub-Repository für Agrarinformationen über Handel, einschließlich Vereinbarungen zwischen Handelsblöcken, sowie Normen und Zertifizierungen auf dem Laufenden gehalten werden. Zurzeit engagieren wir uns für die Gewährleistung, dass unsere Mitglieder nicht von der Afrikanischen Kontinentalen Freihandelszone ausgeschlossen werden, die einen größeren Markt und die Chance für Afrikaner*innen bieten wird, mehr Handel untereinander zu treiben.

 

Es liegt auf der Hand, dass die Landwirtschaft der nächste Jugend-Arbeitgeber sein wird.

 

Wir arbeiten gerade an der Vollendung einer Plattform, die unsere kontinentale digitale Plattform anknüpfen wird mit dem Ziel, weibliche Agrarunternehmen mit Käufern, Exporteuren, Investoren, Agritech-Unternehmen und anderen Akteuren der Wertschöpfungskette zu verbinden, um eine integrative Teilnahme an den kontinentalen und globalen Märkten zu erleichtern.

 

Fortschritte erzielen

Wir haben bislang nur an der Oberfläche gekratzt, und es muss noch viel mehr getan werden, wenn Frauen von ihrer landwirtschaftlichen Arbeit profitieren sollen. Gemeinsam mit Entwicklungspartnern müssen afrikanische Regierungen bewusst Schulungen entlang der gesamten landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette einführen, die sich gezielt an Frauen und Jugendliche richten. Es liegt auf der Hand, dass die Landwirtschaft der nächste Jugend-Arbeitgeber sein wird. Doch von den elf Millionen Jugendlichen, die jedes Jahr in Afrika in den Arbeitsmarkt drängen, finden nur drei Millionen eine Erwerbstätigkeit. Regierungen und Entwicklungspartner sollten Initiativen wie AWAN Afrika fördern, damit unsere Aktivitäten ausgeweitet werden können und mehr Frauen und Jugendliche erreicht werden.

 

Welche Bedeutung hat COVID-19?

Angesichts der ersten afrikanischen Rezession seit 25 Jahren, verursacht durch die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie, ist internationale Solidarität mit dem Kontinent erforderlich, um die Wirtschaft über Wasser zu halten. Die ersten Opfer der anhaltenden Lockdowns und Restriktionen der Bewegungsfreiheit, die ergriffen wurden, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen, sind Kleinbäuerinnen und junge Agrarunternehmerinnen. Frauen werden durch die zusätzliche Arbeit infolge der Abriegelung bis auf die Haushaltsebene betroffen sein.

 

Frauen verwenden ihre Mobiltelefone um Wetterdaten per Sms zu erhalten. Foto: Klaus Wohlmann, GIZ

Nach COVID-19 liegt die internationale Gemeinschaft am Boden, und die traditionellen Kreditgeber werden sich mit ihren eigenen innenpolitischen Herausforderungen auseinandersetzen müssen. Während Großunternehmen einen Mangel an Konjunkturpaketen beklagen werden, stellen diese Pakete für informelle Händler und Kleinbauern womöglich keine Lösung dar. Wir müssen vielmehr nach Lösungen suchen, die das Leben von Millionen gefährdeter Bauernfamilien verbessern werden.

 

AWAN Afrika arbeitet zurzeit an einer Umfrage über die Auswirkungen von COVID-19 auf kleine und mittlere Unternehmen. Unser Ziel ist es, ihre Bewältigungsmechanismen zu verstehen und herauszufinden, wie ihre Geschäftstätigkeit in acht Monaten aussehen wird. Frauen werden doppelt betroffen sein, weil sie neben den Einkommensverlusten nun auch noch für ihre Kinder sorgen müssen, die aufgrund von Schulschließungen zu Hause sind, es ihnen an Arbeitskräften für die Bewirtschaftung ihrer Betriebe mangelt und häusliche Gewalt zunimmt.

 

Wir von der AWAN-Afrika-Initiative rufen zur Unterstützung unseres Projekts auf, dessen Geschäftsmodell auf einer flexiblen Finanzierung beruht, um unseren kleinen und mittleren Unternehmen beim Überleben der wirtschaftlichen Schocks von COVID-19 zu helfen. Die Betriebe brauchen Barmittel, und unsere Frauen haben keinen Zugang zu Finanzquellen. Wie uns viele dieser Frauen berichtet haben, ist für sie der Hunger näher und gefährlicher als COVID-19.

 

Dieser Artikel erschien zuerst in Rural21 Vol. 54 No. 2/2020 zum Thema: Employment for rural Africa und ist Teil einer Medienkooperation zwischen weltohnehunger.org und Rural 21.

Zurück