Auf die Seuche darf kein Hunger folgen!

Auch wenn COVID-19 die Gesundheit der Menschheit bedroht, darf die Reaktion auf die Pandemie nicht mehr Leid verursachen als die Krankheit selbst. Das gilt besonders in armen Entwicklungsländern!

 

Burkina-Faso. © Michael Jooß, GIZ

Michael Brüntrup

Dr. Michael Brüntrup ist Senior Researcher am German Development Institute / Deutsches Institut für Entwicklungspolitik (DIE) im Bereich Agrar- und Ernährungssicherung mit Fokus auf Sub-Sahara Afrika

 

Deutsches Institut für Entwicklungspolitik (DIE)

Deutsches Institut für Entwicklungspolitik

Die gegenwärtige Pandemie ist für Länder mit hohem Einkommen in erster Linie eine Krise des Gesundheitswesens. Zusätzlich ist es auch eine Krise der Wirtschaft, des Arbeitsmarktes, des sozialen Lebens, der Schulen und Kinderbetreuung sowie dem Verhältnis von Bürgern und Staat. Eines jedoch ist es (bisher) kaum: Eine Krise der Ernährungssicherheit und damit eine Krise für Leib und Leben.

Mindesteinkommen werden in diesen Ländern bei Arbeits-, Erwerbs- und Einkommenslosigkeit meistens vom Staat gewährleistet. Die Preise für Nahrungsmittel sind und bleiben niedrig, insbesondere im Verhältnis zum Einkommen. Allerdings gibt es selbst in diesen reichen Ländern durchaus erste Anzeichen für ein Überschwappen aus dem Gesundheits- in den Ernährungsbereich. Dies lässt sich an langen Schlangen vor Tafeln, Verteuerung von lokalem Obst und Gemüse wegen des Mangels an Erntehelfern, Lieferengpässen an Grenzen und steigenden Preisen für Produkte aus Corona-sensiblen Lieferketten festmachen. Auch der Rückgang des Verzehrs von hochwertigen Nahrungsmitteln zugunsten von billigen Saatmachern in ärmeren und selbst Mittel-Einkommenshaushalten und der Fortfall von Schulkantinenessen sind Anzeichen für den Stress der Ernährungssysteme – sogar bei uns!

 

In armen Ländern gibt es all diese Probleme ebenfalls, aber die Bedeutung der Coronakrise für die Ernährungssicherung dort ist deutlich gravierender. Die (immer vorläufigen) Schätzungen verschiedener Organisationen sind erschreckend: Der Bericht State of Food Security and Nutrition in the World (SOFI) mehrerer UN-Organisationen unter Führung der FAO schätzt, dass die Pandemie zusätzlich zwischen 83 und 132 Mio. Menschen in den Hunger treiben könnte. OXFAM warnt in seinem Bericht „The Hunger Virus“, dass bis Ende 2020 täglich zusätzlich bis zu 12.000 Menschen an Hunger sterben könnten. UNICEF und Save the Children befürchten, dass die Zahl der Kinder, die weltweit in armen Haushalten leben, bis Ende des Jahres um 117 Mio. auf 700 Mio. Kinder ansteigen wird. Die Lockdown-Maßnahmen und ihre wirtschaftlichen Auswirkungen haben schlimme Folgen, insbesondere für die Ärmsten und Verletzlichsten.

 

Marktszenen in Addis Abeba/Äthiopien: Lockdown-Maßnahmen treffen am stärksten die auf informelle Arbeit angewiesene urbane Bevölkerung. © Thomas Imo, GIZ

Dabei sind dies nur die eher kurzfristigen Folgen der Pandemie. Sie treffen am stärksten die unteren Einkommensschichten im urbanen Umfeld, durch Verlust von Arbeitsplätzen, von Rücküberweisungen und vor allem durch Rückgang von Gelegenheitsarbeiten im informellen Sektor. Diese Haushalte haben wenig Rücklagen, leben oft von der Hand in den Mund und sind nun auf Nachbarschafts- und Familiensolidarität oder – sofern vorhanden – auf staatliche Transfers angewiesen. Glücklicherweise ist die Produktion der wichtigsten Grundnahrungsmittel weltweit nach mehreren Schätzungen robust. Da die Nachfrage insbesondere nach höherwertigen Nahrungsmitteln zurückgeht, sind die Weltagrarpreise bisher eher gesunken. Allerdings sind lokal auch stark steigende Preise zu verzeichnen, insbesondere, wenn Corona-bedingt die lokalen, regionalen und globalen Nahrungsketten behindert oder gar unterbrochen werden. Es ist also meist genug Nahrung vorhanden, aber durch politisch verfügte Lieferkettenunterbrechungen stauen sich Produkte auf dem Markt. Dies lässt bei den Produzenten die Preise verfallen, während bei den Konsumenten nicht genug ankommt und dort Preise steigen. Menschen im ländlichen Raum mit eigener Landwirtschaft oder kurzen Wegen zu Produzenten sind kurzfristig zumindest bei dieser Krise besser aufgestellt. Doch auch die meisten chronisch Armen leben auf dem Land und sind Kleinstbauern, die oft Nahrung zukaufen müssen um zu überleben.

 

Längerfristig droht eine Verschiebung der Folgen der Krise in den ländlichen Raum. Die niedrigen Preise und gestörten Agrar-Lieferketten reduzieren die Produktionsanreize und schmälern ländliche Einkommen. Bleiben die Corona-bedingten Marktbeschränkungen bestehen, wird die Versorgung der Konsumenten dann auch durch Angebotsmangel stärker leiden. Wo im Moment noch staatliche Transfer- und Investitionsprogramme die Not lindern, werden sinkende Steuereinnahmen die Regierungen dazu zwingen die Hilfsmaßnahmen vermutlich eher auf die politisch relevanteren städtischen Regionen zu konzentrieren.

 

Die EZ sollte Resilienz explizit in ihre Programme einbauen und Übergänge zwischen Entwicklungs- und Krisenmodi planen.

 

Im schlimmsten Fall könnten sich die negativen „Nebeneffekte“ von Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie als eigentliche Haupteffekte für die Ernährungssicherheit entpuppen. Um diese abzufedern sollten Regierungen und Entwicklungszusammenarbeit (EZ) bei der Corona-Bekämpfung in diesen Ländern Folgendes berücksichtigen:

 

  1. Jeder Lockdown sollte sorgfältig auf die Auswirkungen auf die Ernährungssicherheit analysiert werden. Sie müssen von zielgerichteten ernährungsunterstützenden Maßnahmen begleitet werden. Viel öfter als im globalen Norden wird man zu dem Schluss kommen, dass einzelne Maßnahmen (selbst mit realistischen Begleitmaßnahmen) zu größeren Ernährungs- und Gesundheitsschäden führen als die zusätzliche Ausbreitung des Coronavirus. Sie sollten dann verworfen oder möglichst begrenzt angewandt werden.
  2. Beiträge der EZ sollten kurzfristig vor allem Aufklärung, Gesundheit und Hygiene adressieren und gegebenenfalls Geld- und Nahrungsmitteltransfers sowie Sozial- und Beschäftigungsprogramme umfassen. Wirtschaftsstrukturen und -akteure sollten soweit wie möglich geschützt und gestützt werden. Dies kann beispielsweise über den Aufbau von produktionssteigernden oder -stabilisierenden lokalen Strukturen oder durch die Erhaltung und den Ausbau von Marktstrukturen geschehen.
  3. Die Bedeutung der Landwirtschaft als Fall-Back-Option in der Corona-Krise, für andere Epidemien, aber auch für viele andere kollektive und individuelle Risiken sollte klarer anerkannt werden. Die Resilienz eines Großteils der Haushalte kann durch die Förderung nachhaltiger Landwirtschaftssysteme gestärkt werden, die unterschiedlichen Haushaltstypen angepasst sein müssen, beispielsweise durch kitchen gardening, Low-Input-Landwirtschaft und semi-professionelle Anbausysteme. Breitenwirksames Wirtschaftswachstum bleibt ein weiterer Schwerpunkt der Resilienzstärkung. Auch die Ernährungswirtschaft als wichtigster Wirtschaftszweig armer Länder mit großen quantitativen und qualitativen Wachstumsaussichten ist als Förderbereich unverzichtbar.

 

Wichtig ist aber, jetzt nicht nur auf Corona, sondern gleichzeitig auch auf andere Krisen zu schauen, die in Entwicklungsländern ebenfalls grassieren. So schädigen klimabedingte Krisen (zum Beispiel Dürren) oder die aktuelle Heuschreckenplage in Ostafrika gerade die lokale Landwirtschaft und damit die Ernährungssicherheit; Nicht-landwirtschaftliche Einkommen und der Zugang zum Weltagrarmarkt sind dann wichtige Optionen. Solche Marktzugänge müssen langfristig wachsen können; Sie nur bei einer Notlage zu nutzen funktioniert nicht – schon deshalb sind offene und aktive Agrarmärkte auch jenseits der Pandemie wichtig. Die Forschung lehrt, dass umfassende Resilienz am besten über Diversität (gerade auch bei Einkommen und der Versorgung mit Nahrungsmitteln aus lokalen und globalen Lieferketten), Rücklagenbildung, soziale Sicherungssysteme und Versicherungen erzielt werden kann. Die EZ sollte Resilienz gegen verschiedene Risiken explizit in ihre Programme einbauen und Übergänge zwischen Entwicklungs- und Krisenmodi planen (contingency planning).

 

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Interview mit Dirk Schattschneider (BMZ)

Seit rund einem Jahr ist Dirk Schattschneider Beauftragter für die Sonderinitiative "EINEWELT ohne Hunger" (SEWOH) des BMZ. Im Interview blickt er auf die Herausforderungen des vergangenen Jahres zurück und wirft gleichzeitig einen Blick in die Zukunft.

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Geschlechtergerechtigkeit: Eine Bedingung für Ernährungssicherheit

Ein Beitrag von Carsta Neuenroth (BfdW)

Die Mehrheit der Produzierenden in Entwicklungsländern sind Frauen. Obwohl sie maßgeblich zur Ernährungssicherheit ihrer Familien beitragen, sind sie in der männerdominierten Landwirtschaft nach wie vor chronisch benachteiligt beim Zugang zu Land, Krediten, Technologien und Bildung.

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Erfolgsmodell Hausgarten: Nahrung und Frauen Empowerment

Ein Beitrag von Nadine Babatounde und Anne Floquet (MISEREOR)

Um Mangelernährung bei Kleinkindern vorzubeugen und die Rolle der Frauen in ihren Gemeinschaften zu stärken, setzt Misereor gemeinsam mit der lokalen Nichtregierungsorganisation CEBEDES ein Programm zu integrierten Hausgärten in Benin um - eine Bilderstrecke.

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(c) Michael Bruentrup/DIE

Ein Stabwechsel

Ein Bericht von Michael Brüntrup (DIE)

Subsahara-Afrika steht vor Entwicklungsschüben in der Landwirtschaft, ganze technologischen Entwicklungen könnten übersprungen werden. Doch wie sollen diese gelingen?  Über mögliche Rollen digitaler Dienste und ihre Potenziale.

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JOERG BOETHLING / GIZ

Kontinent im Aufwärtstrend

Ein Bericht von Dr. Agnes Kalibata (AGRA)

Partnerschaften für Afrikas Jahrhundert: Innovation und Führung als Treiber für Wachstum und Produktivität in ländlichen Gebieten.

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(c) Christoph Püschner/Brot für die Welt

Extreme is the New Normal

Ein Bericht von Alexander Müller und Jes Weigelt (TMG)

Während sich das Klima wandelt, wächst die Bevölkerung in Afrika, werden fruchtbares Land und Arbeitsplätze knapper. Neue Wege führen zur Landwirtschaft in der Stadt und einem neuen Mittelstand auf dem Land.

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© GIZ / Angelika Jacob

So passen sich Entwicklungsländer besser an Dürren an

Ein Beitrag von Michael Brüntrup (DIE) und Daniel Tsegai (UNCCD)

Dürren sind die Naturkatastrophen mit den weitreichendsten negativen Folgen. Während auch reiche Länder von Dürre noch empfindlich getroffen werden, sind Hungersnöte dort nicht mehr anzutreffen.

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(c) Christof Krackhardt/Brot für die Welt

Vorteil Vielfalt: Ideenreich gegen den Hunger und Armut

Ein Beitrag von Brot für die Welt

Ein Blick durchs Brennglas - der weltweite Klimawandel bringt auch in Äthiopien das Klima durcheinander. Die Antwort von Kleinbauern in der nördlichen Region heißt: Diversifizieren!

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Aus vielem wird Eins: CGIAR-Netzwerk baut um

Ein Beitrag von Jan Rübel

Die internationale Agrarforschung reagiert auf neue Herausforderungen: Deren Beratungsgruppe unterzieht sich einem tiefgreifenden Reformprozess und vereint Wissen, Partnerschaften und Infrastrukturen zu OneCGIAR.

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Biodiversität und Landwirtschaft - Rivalität oder eine neue Freundschaft?

Ein Beitrag von Irene Hoffmann (FAO)

Irene Hoffmann beschreibt, was wir über die Zusammenhänge wissen, welche Rolle die Landwirtschaft bei der nachhaltigen Nutzung und Erhaltung der Biodiversität spielen muss und wie der notwendige Wandel der Agrarsysteme aussehen könnte.

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Der Waldmacher und sein Regisseur

Doppelinterview mit Tony Rinaudo und Volker Schlöndorff

Tony Rinaudo sorgt mit traditionellen Wiederaufforstungsmethoden für Abermillionen von Bäumen in Afrika – und Volker Schlöndorff dreht eine Kinodokumentation über den Australier. Ein Zwischenergebnis: Ein Lehrfilm im Auftrag des Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

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(c) Welthungerhilfe

5 Fragen an Shenggen Fan: Wo sind die neuen Wege?

Interview mit Shenggen Fan

Kurz vor dem Ausscheiden aus seinem Amt als Generaldirektor des IFPR spricht Shenggen Fan über nötige Reformen und Vorgehensweisen, um die globale Ernährungssicherheit im kommenden Jahrzehnt zu erreichen. Für SEWOH zieht der Agrarexperte Bilanz - was ist nun zu tun?

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(c) Klara Palatova/WFP

Ein Wegweiser: Wo geht es denn hier zum Markt?

Ein Beitrag des World Food Programme

Bis 2050 müssen neun Milliarden Menschen genügend zu essen haben. Als Weltbevölkerung müssen wir mehr Nahrungsmittel produzieren und weniger verschwenden. Das ist auch die oberste Priorität des UN World Food Programme (WFP).

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Ein Klima des Hungers: Wie die Klimakrise den Hunger befeuert

Eine Fotoreportage der Agentur Zeitenspiegel

Jeder Temperaturanstieg um einen Grad Celsius erhöht das Konfliktrisiko um zwei bis zehn Prozent. Die Klimakrise ist eine humanitäre Krise, wie die Fotos von Christoph Püschner und Frank Schultze zeigen.

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Was läuft bei der Ernährung in Deutschland schief, Herr Plagge?

Ein Interview mit Jan Plagge (Bioland)

Vitaminarme Ernährung muss teurer werden, In-Vitro-Fleisch ist kein Allheilmittel und Agrarsysteme sollten dezentraler aufgestellt werden. Bioland Präsident Jan Plagge im Interview über die Herausforderung der (zukünftigen) Welternährung.

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Wie gelingt Welternährung in Zeiten der Klimaveränderung?

Ein Beitrag von Jan Grossarth

Genveränderte Bakterien, die zu essbaren Proteinen werden. Kühe grasen auf dem Feld und in einer industrielle Kreislaufwirtschaft entsteht kein Abfall. Journalist Jan Grossarth sieht ein Silberstreifen am Horizont für die Zukunft der Welternährung.

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Der Umbau des Ernährungssystems beginnt und endet mit Vielfalt

Ein Beitrag von Emile Frison und Nick Jacobs (IPES-Food)

Die industrielle Landwirtschaft hat es bisher nicht geschafft, Probleme wie Hunger oder Mangelernährung zu lösen. Sie scheint vielmehr weitere Probleme zu verursachen. Emile Frison und Nick Jacobs fordern einen Umbau des Ernährungssystems und betonen die Schlüsselrolle der Vielfalt.

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