Der Mensch verursacht Hunger, nicht das Klima

Eine Studie der Weltbank sagt voraus, dass Millionen Menschen in Subsahara-Afrika wegen des Klimawandels ihre Heimat verlassen müssen. Wir haben darüber mit Jacob Schewe gesprochen, einem der Autoren vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK)

(c) Christoph Püschner/Diakonie Katastrophenhilfe
Tschad: Eine Frau pflegt im Flüchtlingscamp Goz Amer ein kleines Gemüsebeet. © Christoph Püschner/Diakonie Katastrophenhilfe

Jacob Schewe

(c) Dennis Williamson

Jacob Schewe ist Physiker am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Er ist einer der Leiter des Projekts "Climate Change Impacts on Migration and Urbanization", das von der Leibniz Gemeinschaft finanziert wird. Seine Forschungsaufenthalte führten ihn unter anderem in die USA, nach Israel und Palästina, nach Spanien und Indien.

 

Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK)

Sie haben an der kürzlich erschienen Weltbank-Studie „Groundswell: Preparing for Internal Climate Migration“ mitgearbeitet. Worum geht es?

 

Wir haben berechnet, welche Folgen der Klimawandel auf Migrationsbewegungen innerhalb einer Region haben könnte und dafür Modelle aus den Bereichen Klima, landwirtschaftliche Produktivität, Wasserressourcen und Bevölkerungsentwicklung kombiniert.

 

Was haben Sie herausgefunden?

 

Wir haben Südasien, Lateinamerika und Subsahara-Afrika betrachtet und verschiedene Szenarien für das Jahr 2050 durchgespielt. Im besten Szenario – mit ambitioniertem Klimaschutz und einer inklusiven sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung – kommen wir auf einen Anstieg der Binnenmigration in diesen drei Regionen um etwa 30 Millionen Menschen, verglichen mit einer Welt ohne Klimawandel. Im schlechtesten Szenario, also mit ungebremstem Klimawandel und großer gesellschaftlicher Ungleichheit, steigt diese Zahl auf etwa 143 Millionen Menschen.

 

Für die Landwirtschaft werden die Bedingungen in einer wärmeren Welt immer schwieriger

 
Wie wird sich der Klimawandel im Afrika südlich der Sahara auswirken?

 

Für die Landwirtschaft werden die Bedingungen in einer wärmeren Welt immer schwieriger. Besonders die jetzt schon trockenen Regionen der Welt wie Subsahara-Afrika werden extremeres Wetter erleben. Was Wasserressourcen angeht, ist es relativ schwierig Prognosen zu machen.

 

Wieso?

 

Wir können noch keine verlässlichen Prognosen machen, weil wir die Atmosphärenzirkulation in den Tropen in manchen Regionen noch nicht gut genug simulieren können. Auch der Kohlendioxid-Gehalt der Luft hat zwiespältige Folgen: Er ist einerseits wichtig für den Stoffwechsel der Pflanzen. Ein höherer CO2-Gehalt in der Luft kann den Wasserbedarf reduzieren und dadurch den Pflanzen zunächst sogar helfen. Andererseits ist ein höherer Kohlendioxidgehalt der größte Treiber des Klimawandels, woraus sich weitaus mehr negative Auswirkungen ergeben, zum Beispiel Dürren.

 

Gibt es auch Regionen, die mehr Niederschlag erleben werden?

 

Wir sehen in einigen Klimamodellen, dass als Folge des Klimawandels der westafrikanische Monsun nach Norden ins Inland wandert und die Sahelzone mehr Niederschlag bekommt. Deswegen muss man sich auch stärker Gedanken machen, wie man mit diesem Niederschlag gegebenenfalls umgeht: ob es zu mehr Überflutungen kommt, wie man die Wasserspeicher ausbaut. Eine wärmere Atmosphäre kann mehr Feuchtigkeit halten. Wenn es dann also regnet, werden die Niederschläge extremer. Die Dürren entwickeln sich dennoch schneller und dauern länger, weil das Wasser auch schneller wieder verdunstet.

 

Welche Folgen sind noch zu erwarten?

 

Erhöhter Niederschlag verändert die landwirtschaftliche Produktivität. Wir haben Modelle eingesetzt, die das Pflanzenwachstum der wichtigsten Feldfrüchte über das Jahr hinweg simulieren. Je nach Wachstumsstadium kann eine Pflanze von Niederschlag profitieren oder daran kaputtgehen.

 
Lassen sich die Veränderungen im Klima Subsahara-Afrikas jetzt schon feststellen?

 

Ja, nur ist bis jetzt schwierig zu unterscheiden, ob sie durch den menschengemachten Klimawandel verursacht worden sind oder auf natürliche Schwankungen zurückgehen. Zum Beispiel hatten wir in den 1970ern und 1980ern die großen Dürren in der Sahelzone. Seit einiger Zeit wird es dort nun durchschnittlich feuchter. Das ist natürlich erst mal eine gute Nachricht. Ob das Teil der natürlichen Schwankungen ist und ob sich das System zukünftig weiter Richtung mehr Niederschlag entwickelt, wissen wir noch nicht mit Sicherheit.

 

Wir müssen zwei Faktoren unterscheiden: den Klimawandel einerseits und die Verwundbarkeit der Bevölkerungen und ihrer Länder andererseits

 

Aber es gibt doch einen menschengemachten Klimawandel?

 

Ganz sicher, ja. In den vergangenen 100 Jahren haben wir eine Erwärmung von knapp einem Grad weltweit gesehen. Das Problem ist, dass unsere Messreihen nicht so sonderlich weit zurückgehen, gerade in vielen afrikanischen Ländern. Es ist daher für manche Regionen und Variablen schwierig, allein aufgrund der vorhandenen Daten den Klimawandel von den natürlichen lokalen Schwankungen zu trennen. Trotzdem wissen wir, dass wir mehr Hitzeextreme bekommen, dass die Extremniederschläge zunehmen – unabhängig davon, ob wir das jetzt schon beobachten oder nicht, weil wir die Zusammenhänge dahinter kennen.

 
Welche Regionen in Subsahara-Afrika sind besonders vom Klimawandel und der daraus folgenden Ernährungsunsicherheit betroffen?

 

Wir müssen zwei Faktoren unterscheiden: den Klimawandel einerseits und die Verwundbarkeit der Bevölkerungen und ihrer Länder andererseits. Das Klima wird sich in allen Tropenstaaten ändern, aber um die Konsequenzen einschätzen zu können, muss man schauen, welche Länder relativ arme Bevölkerungen haben oder stark von der Landwirtschaft abhängen. Die Länder in der Sahelzone haben jetzt schon schwierige klimatische und auch soziale und politische Bedingungen. Länder wie Sudan, Tschad, Niger und Mali werden wahrscheinlich nicht in der Lage sein, sich ohne Weiteres an die neuen Bedingungen anzupassen.

 

Wird der Klimawandel in dieser Region den Hunger verstärken?

 

Das lässt sich nicht so leicht beantworten. Um das zu sagen, muss man sich viele Faktoren anschauen: vom Klima über die landwirtschaftliche Produktivität bis zum politischen Management. Denn Hunger ist letztlich nicht allein klimagemacht, sondern geht mitunter auch auf schlechte Planung und schlechtes Management zurück, ist also auch vom Menschen gemacht.

 

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Vitaminarme Ernährung muss teurer werden, In-Vitro-Fleisch ist kein Allheilmittel und Agrarsysteme sollten dezentraler aufgestellt werden. Bioland Präsident Jan Plagge im Interview über die Herausforderung der (zukünftigen) Welternährung.

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Der Umbau des Ernährungssystems beginnt und endet mit Vielfalt

Ein Beitrag von Emile Frison und Nick Jacobs (IPES-Food)

Die industrielle Landwirtschaft hat es bisher nicht geschafft, Probleme wie Hunger oder Mangelernährung zu lösen. Sie scheint vielmehr weitere Probleme zu verursachen. Emile Frison und Nick Jacobs fordern einen Umbau des Ernährungssystems und betonen die Schlüsselrolle der Vielfalt.

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© GIZ

One Health – Was wir aus der Corona-Krise lernen

Ein Beitrag von Dr. May Hokan und Dr. Arnulf Köhncke (WWF)

Durch die Corona-Krise erlangt die Verbindung von Mensch-Tier-Gesundheit neue Aufmerksamkeit. Politik und Wissenschaft propagieren nun die Lösung: One Health. Was steckt hinter dem Konzept? Und kann man damit auch die Ernährungssicherheit für alle Menschen weltweit garantieren?

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Nicht auf einen Retter warten

Ein Beitrag von Lidet Tadesse

Während Afrika bislang die am wenigsten von Covid-19 betroffene Region war, steigen jetzt die bestätigten Infektionszahlen und Todesfälle schnell. Ungeachtet der enormen Herausforderungen, mit denen viele afrikanische Länder weiterhin kämpfen, zeugt die afrikanische Antwort auf die Coronavirus-Pandemie von Innovativität und Einfallsreichtum.

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