Insekten sind das neue Rind

Insekten lassen sich klima- und unweltfreundlich züchten, sind reich an Proteinen und Aminosäuren und ernähren sich von Agrarabfällen. Marwa Abdel Hamid Shumo glaubt: Sie sind die perfekt Waffe gegen den globalen Hunger

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Essbare Insekten am Stand von Insektenkoch Frank Ochmann auf der Grünen Woche in Berlin. © Gudrun Barenbrock/GIZ

Marwa Shumo

(c) Dennis Williamson

Marwa Shumo ist Umweltbiotechnologin. Ihre Ausbildung absolvierte sie an der Universität Nizwa, Oman. Sie ist Expertin für schwarze Soldatenfliegen und deren Bedeutung für die Tierfutterproduktion und die künftige Ernährungssicherheit.

 

Knapp siebeneinhalb Milliarden Menschen leben auf der Erde. Bis 2050 wird diese Zahl auf zehn Milliarden klettern und die Nachfrage nach Lebensmitteln um 60 Prozent steigern. Die wachsende Bevölkerung, gepaart mit wirtschaftlichem Wachstum in aufsteigenden Märkten, Klimawandel, begrenzten Ressourcen, Verschwendung und Mangelernährung und anhaltender Armut, zwingen uns dazu, unser System zur Lebensmittelproduktion zu hinterfragen.

 

Hausgrillen haben kurze Lebensspannen, vermehren sich schnell und beinhalten viele Proteine, Mineralien und Vitamine

 

Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) stellte 2015 in ihrem Bericht „The State of Food Insecurity in the World” fest: zwischen 2014 und 2016 war ein Neuntel der Weltbevölkerung unterernährt. In Subsahara-Afrika ist die Zahl noch dramatischer. Dort ist ein Viertel der Menschen unterernährt.

 
In diesen Gegenden können Insekten einen wichtigen Beitrag zur Ernährungssicherheit leisten. Mehlwürmer und Hausgrillen zum Beispiel haben kurze Lebensspannen, vermehren sich schnell und beinhalten viele Proteine, Mineralien und Vitamine, die für die menschliche Gesundheit wichtig sind.

 

Eine Antwort auf schrumpfende Anbauflächen und Überfischung

 
Kürzlich erschienene Studien zeigen, dass die Proteine in essbaren Insekten von hoher Qualität sind. Außerdem enthalten sie viele Aminosäuren wie Lysin, Threonin und Methionin, die in Getreide und Hülsenfrüchten nur begrenzt vorkommen.


Darüber hinaus eignen sich Insekten für die Tierzucht, was aus zwei Gründen wichtig ist: Zum einen sind Geflügel-, Fisch- und Schweinezucht die am schnellsten wachsenden Landwirtschaftszweige in vielen Entwicklungsländern, zum anderen sind Proteinzusätze wie Sojabohnen, Fischöl, Fischmehl und Presskuchen teuer. Es wird geschätzt, dass sie sechzig Prozent der Herstellungskosten ausmachen. Außerdem sind sie nur begrenzt verfügbar und nicht nachhaltig. Sie zu verwenden, kann sogar zu Hunger führen, da sie auch geeignet sind, vom Menschen konsumiert zu werden. Zusätzlich gehen Anbauflächen zurück, Überfischung bedroht die Bestände entsprechender Fische. Aus diesen Gründen können Insekten eine wichtige Rolle spielen, um Vieh mit den benötigten Proteinen und Aminosäuren zu versorgen.

 

Hausgrillen brauchen zwölfmal weniger Nahrung als ein Rind, um gleich viel essbares Gewicht aufzubauen

 
Im Vergleich zu anderen Tieren setzen Insekten organische Stoffe effizienter in Proteine um, was den Ausstoß von Treibhausgasen senkt. Hausgrillen brauchen zwölfmal weniger Nahrung als ein Rind, um gleich viel essbares Gewicht aufzubauen. 2,4 Kilogramm Viehfutter werden benötigt, um 100 Gramm Rind zu züchten, gegenüber 200 Gramm Hausgrillen-Nahrung für 100 Gramm Grille.

 

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Essbare Insekten am Stand von Insektenkoch Frank Ochmann auf der Grünen Woche in Berlin.

Insektenzucht ist eine umweltfreundliche Technologie

Außerdem können landwirtschaftliche Abfälle als Nahrungsquelle für Insekten genutzt werden. Das ist von entscheidender Bedeutung, da jährlich 27 Prozent aller Agrarprodukte weggeworfen werden. Es wird geschätzt, dass 80 Prozent einer Hausgrille gegessen werden können, aber nur 40 Prozent eines Rinds. Das kann damit in Beziehung gesetzt werden, dass Insekten Kaltblüter sind und daher keine Nahrung aufnehmen müssen, um ihre Körpertemperatur aufrechtzuerhalten. Es gibt weitere Vorteile: Um 100 Gramm Rindfleisch zu produzieren, braucht es 2200 Liter Wasser, Hausgrillen brauchen dagegen 2000 Mal weniger! Vieh ist laut der FAO für 18 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich. 100 Gramm Rindfleisch produzieren 750 Gramm Treibhausgase (CO2-äquivalent), die Produktion von Hausgrillen verursacht 100 Mal weniger.

 
Insektenzucht ist also eine umweltfreundliche Technologie, die helfen kann, den Klimawandel zu verlangsamen und Hunger zu bekämpfen. Doch es gibt auch Herausforderungen.
Bis jetzt wurden mehr als 1900 Insekten als essbar identifiziert, dazu gehören Käfer, Wespen, Bienen, Ameisen, Heuschrecken, Zikaden. Und obwohl sie für rund zwei Milliarden Menschen Teil des Ernährungsplans sind, fehlt das Bewusstsein dafür, dass sie die Nahrungssicherheit verbessern können.
Darüber hinaus werden essbare Insekten meistens in der Natur gesammelt oder in teilweise domestizierten, informellen Systemen gezüchtet, wodurch weder die Produktionsmethoden noch -systeme kontrolliert werden. Das zerstört Lebensräume und Artenvielfalt. Nicht zu vergessen, dass ein institutioneller Rahmen fehlt, um die Aufzucht essbare Insekten zu regulieren und zu dokumentieren.

 

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Da die Dürre den Gemüseanbau unmöglich macht, werden im Tschad Heuschrecken zum Hauptnahrungsmittel. © Christoph Püschner/Diakonie Katastrophenhilfe

Unternehmer und Investoren müssen Möglichkeiten finden, Gewinne zu erwirtschaften, um Massenzucht erfolgreich zu machen

 

Um ein tiefgreifendes Verständnis zu erlangen, muss untersucht werden, welche essbaren Insekten sich für die Zucht eignen. Die Untersuchungen müssen ihren Brutzyklus, das Produktionsmanagement und Methoden zu Krankheitsbekämpfung umfassen. Darüber hinaus müssen Unternehmer und Investoren Möglichkeiten finden, in diesem Bereich Gewinne zu erwirtschaften, um Massenzucht erfolgreich zu machen. Die Forschungsergebnisse werden auch dazu beitragen, Rahmenbedingungen für die Lebensmittelsicherheit und Handelsangelegenheiten auf nationalem und internationalem Level zu schaffen.

 
Das International Centre of Insect Physiology and Ecology (icipe) ist ein internationales wissenschaftliches Institut mit Hauptsitz in Nairobi. Seit 1970 beobachtet es entstehende Entwicklungshindernisse in Afrika und untersucht, welche Chancen Insekten bieten. Einzelne Programme des icipe werden vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) finanziert und in Kooperation mit dem Center for Development Research (ZEF) der Universität Bonn und dem Food Security Center in Hohenheim umgesetzt.

 
Unsere Teilnahme auf der Internationalen Grünen Wochen (IGW) in Berlin 2018 war die Antwort auf das wachsende Interesse an der Verwendung von Insekten als Nahrung und Futter. Wir präsentierten unsere Ergebnisse an einem Esstisch, an dem sich die Messebesucher hinsetzen und essbare Insekten probieren konnten, während sie gleichzeitig einem Vortrag von uns zuhörten.

 

Kleine Leckerbissen in Olivenöl und Zitronensaft

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Insektenkoch Frank Ochmann aus Wilmersdorf hat bereits für die Teilnehmer des RTL–Dschungelcamps gekocht. In seiner Showküche auf der Grünen Woche zaubert er Schwarzkäferlarven oder Grillen mit Ingwer und Chili. © Gudrun Barenbrock/GIZ

Außerdem veranstalteten wir mehrere Kochshows vor Ort mit dem Starkoch Frank Ochmann. Er briet die Insekten in Olivenöl, Seesalz, Paprika und Chili und mischte Ingwer, Zitronenschale und Knoblauch darunter, wodurch ein wundervoll geschmackvolles Gericht entstand. Während dieser Kochshow konnten die Besucher lernen, wie man Insekten zubereiten kann und konnten mit Wissenschaftlern und dem Koch diskutieren. Während dieses Austauschs merkten wir, wie groß der Wunsch in der deutschen Öffentlichkeit ist, alternative, nachhaltige und sichere Systeme für die Landwirtschaft zu finden.

 
Gleichzeitig scheint die Vorstellung, Insekten zu verzehren, mit großem Ekel verbunden zu sein. Diese Herausforderung müssen wir stemmen, um eine Welt ohne Hunger zu erreichen. Möglich wäre dies, indem man schon Kinder mit dem Gedanken vertraut macht, Insekten zu verzehren. Wir haben zum Beispiel festgestellt, dass jugendliche Besucher dem Thema offener gegenüberstanden als ältere. Dies liegt wahrscheinlich daran, dass ältere Menschen bereits gefestigte Weltbilder haben, während jünger gewillter sind, unbekanntes auszuprobieren.

 

 

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