5 Fragen an Jann Lay: Was macht Corona mit der Wirtschaft?

Corona trifft die Volkswirtschaften weltweit - doch die Entwicklung in afrikanischen Ländern ist divers. Woran liegt das? Apl. Prof. Jann Lay vom GIGA-Institut gibt Antworten.

Jann Lay

Jann Lay ist Leiter des Forschungsschwerpunkts "Wachstum und Entwicklung" am GIGA Leipniz-Institut für Globale und Regionale Studien in Hamburg. Als Außerplanmäßiger Professor lehrt er Entwicklungsökonomie an der Universität Göttingen. In seiner Forschung untersucht er verschiedene Aspekte wirtschaftlicher Entwicklung im Globalen Süden mit einem Schwerpunkt auf Afrika.

 

Die Entwicklung des Wirtschaftswachstums in diesem Jahr auf dem afrikanischen Kontinent scheint heterogener zu sein als in Europa oder in Südamerika. Warum?

Grundsätzlich ist das Wirtschaftswachstum in Afrika oft heterogener als in den genannten Weltregionen. Hinzu kommen in diesem Jahr offensichtlich die Effekte der Pandemie, die sich erheblich unterscheiden zwischen einzelnen Ländern. Die Ursachen hierfür sind vielfältig, lassen sich aber in drei Faktoren gruppieren: Zum einen unterscheiden sich die direkten wirtschaftlichen Effekte der Pandemie aufgrund von Unterschieden in der Länge und Intensität von Lock-Down Maßnahmen. Fast alle afrikanischen Länder ergriffen schon früh, also gegen Ende März, harte Maßnahmen, die in Westafrika im Juli/August gelockert wurden. Im südlichen Afrika wurden die Maßnahmen einen bis zwei Monate länger aufrechterhalten. Dieses Vorgehen spiegelt natürlich auch das tatsächliche Infektionsgeschehen wider.

 

Zum anderen unterscheiden sich die indirekten Effekte der Krise deutlich. Stark betroffen sind etwa die ölabhängigen Volkswirtschaften, die unter einem doppelten Schock der Lockdown-Politik und deutlich niedrigeren Ölpreisen leiden. Im Gegensatz dazu steigt der Goldpreis, was beispielsweise Ghana zugutekommt. Starke negative Effekte des Nachfragerückgangs in Europa und den USA sind bei Textil- (Äthiopien) und Baumwollexporten (Mali, Burkina, Senegal) zu sehen. Und drittens: Schwächelnde Volkswirtschaften sind besonders verwundbar. Südafrika erlebte einen besonders starken Rückgang um 51 Prozent des BIP vom ersten zum zweiten Quartal 2020. Diese starke Rezession ist auch Folge einer schwachen vorherigen Wirtschaftsleistung mit einer Rekordarbeitslosigkeit von 30 Prozent bereits vor der Pandemie. Diese Schwäche Südafrikas scheint auf die Nachbarn wie Botswana und Namibia übergreifen.

 

Dabei heißt es, Corona würde die Volkswirtschaften afrikanischer Länder besonders hart treffen. Woran sieht man das?

Es stimmt nicht, dass die Ökonomien Afrikas besonders hart von der Pandemie betroffen wären. Dies gilt nur für wenige Länder mit bestimmten Voraussetzungen, die sie besonders verwundbar für diese Krise machen – also Rohstoffexporteure oder eben Südafrika wegen der vorherigen schlechten Performance.

 

Welche Auswirkungen hat dies für die breite Bevölkerung?

Sehr viele Menschen, insbesondere jene, die ihren Lebensunterhalt aus einer Beschäftigung im städtischen informellen Sektor bestreiten, sind sehr stark durch die Lock-Downs betroffen gewesen. In Ermangelung staatlicher Unterstützung mussten viele Menschen auf die oft spärlichen Ersparnisse oder die Unterstützung durch familiäre und soziale – teilweise ländliche – Netzwerke zurückgreifen oder schlicht ihren Konsum einschränken. Die Einnahmen vieler Unternehmer*innen im informellen Sektor, der den Großteil der Beschäftigung in fast allen afrikanischen Ländern ausmacht, sind oft komplett ausgefallen. Trotz harter Lock-Down Maßnahmen gewährten viele afrikanische Regierungen ihren Bürger*innen und Unternehmen viel weniger wirtschaftliche Unterstützung als Regierungen in anderen Weltregionen. Zugegebenermaßen ungenauen Schätzungen zufolge liegen die angekündigten zusätzlichen, nicht gesundheitsbezogenen Staatsausgaben in den meisten afrikanischen Ländern unter zwei Prozent des BIP, verglichen mit mehr als zehn Prozent des BIP in Deutschland.

 

Die Abdeckung mit sozialer Sicherung bleibt gering in Subsahara-Afrika: Solche Programme erreichen nur fünf Prozent der Bevölkerung in Subsahara-Afrika durch Geld- oder Sachtransfers, verglichen mit einem weltweiten Durchschnitt von 22 Prozent. Dies gilt unbenommen jüngerer Fortschritte beim Aufbau sozialer Sicherheitsnetze in Afrika. Die meisten afrikanischen Länder verfügen heute über mindestens ein Programm sozialer Sicherung – und es wurden auch zusätzliche Programme anlässlich der Krise aufgesetzt, etwa in Nigeria und Togo.

 

Die gute Nachricht der Krise in Bezug auf Afrika ist ja, das einige Volkswirtschaften sich als recht widerstandsfähig gezeigt haben.

Was kann die afrikanischen Volkswirtschaften widerstandsfähiger machen?

Die gute Nachricht der Krise in Bezug auf Afrika ist ja, das einige Volkswirtschaften sich als recht widerstandsfähig gezeigt haben. Dies gilt sowohl für das Management der Gesundheitskrise als auch für die makroökonomische Resilienz, teilweise unterstützt durch den Internationalen Währungsfonds, die Weltbank und andere Geber. Exportdiversifizierung und die Einbindung in internationale Wertschöpfungsketten – eine Möglichkeit zur Reduzierung solcher Risiken - können ein zweischneidiges Schwert sein: Während die Bekleidungsindustrie wie in Äthiopien stark negativ betroffen ist, haben sich andere Wertschöpfungsketten etwa in der Lebensmittelindustrie als recht resilient erwiesen. Die Krise hat klar die Notwendigkeit des Aufbaus von Sozialtransfersystemen gezeigt, die negative Einkommenseffekte breitenwirksam abmildern können. Abzuwarten bleiben mittelfristige Auswirkungen der gestiegenen Verschuldung in einigen Ländern. Diese wurden teilweise bereits durch Entschuldungsinitiativen abgeschwächt, aber hier müssten Instrumente her, die in Krisen automatisch greifen und nicht nur ad-hoc und für die ärmsten Länder.

 

Ist die Zeit des steten und starken Wirtschaftswachstums in Afrika vorbei?

Aus meiner Sicht gab es noch nie Zeiten eines universellen steten und starken Wirtschaftswachstums in Afrika. Allerdings ist robustes Wirtschaftswachstum über einen längeren Zeitraum in den letzten 15 Jahren für eine bedeutende Anzahl an Ländern, insbesondere in West- und Ostafrika, zu beobachten. Für diese Länder sehe ich nicht notwendigerweise eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Aussichten, obwohl sie sich kurzfristigen negativen Einflüssen nicht werden vollständig entziehen können. Die wirtschaftlichen Probleme für Länder in Schwierigkeiten von Südafrika über Kamerun nach Nigeria haben sich oft noch verschärft. Schließlich überlappt die Pandemie in einigen wirtschaftlichen „Erfolgsgeschichten“ der vergangenen Jahre, etwa in Äthiopien und Uganda, mit politischen Krisen, die den erreichten und erst recht den weiteren Fortschritt in Frage stellen. Wie so oft ist also ein differenzierter Blick auf die „wirtschaftliche Situation Afrikas“ vonnöten.

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