Die Zukunft gehört dem Land

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Das Bevölkerungswachstum in Afrikas macht die ländlichen Zonen zum Zentrum der Entwicklungsstrategie. Doch um die Landwirtschaft zu fördern, ist ein tiefgehendes Umdenken nötig - und Reformen der staatlichen Politik

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Ibrahim Mayaki, 67, ist Generalsekretär der Neuen Partnerschaft für die Entwicklung Afrikas, NEPAD: "Es ist von zentraler Bedeutung, dass wir unseren Jugendlichen erklären, dass der Landwirt ein Unternehmer wie jeder andere ist."

Von Ibrahim Assane Mayaki

(c) Dennis Williamson
Dr. Ibrahim Assane Mayaki war Professor für Öffentliche Verwaltung in Niger und Venezuela und unterrichtete an der Universität Paris XI Internationale Beziehungen. 1997 wurde er zuerst Außenminister des Niger, im Jahr 2000 Premierminister.  Er berief im gleichen Jahr die erste „Kommission für sozialen Dialog“ für sein Land ein - die erste in Afrika. Seit 2009 ist er CEO der Agentur „Neue Partnerschaft für Afrikas Entwicklung“ (NEPAD), die für die Afrikanische Union das gleichnamige Entwicklungsprogramm umsetzt.
 
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Es vergeht keine Woche, ohne dass eine Fachmesse oder ein Zeitungsartikel der afrikanischen Landwirtschaft gewidmet ist. Die behandelten Themen reichen von ihrem ungenutzten Potenzial bis zum Nutzen der Einführung einer Landwirtschaft, die an den Klimawandel angepasst ist, über die Herausforderungen der ländlichen Entwicklung. Dies ist ein willkommener und maßgeblicher Perspektivenwechsel. Schließlich litt die afrikanische Landwirtschaft lange Zeit und leidet noch immer unter dem Bild des Stillstands und der Rückständigkeit. Die Stärkung der Bedeutung der städtischen Eliten und die in den 70er- bis 80er-Jahren beginnende Landflucht haben stark zu dieser Vision des der Vergangenheit zugewandten afrikanischen Landwirts beigetragen und ließen annehmen, dass die Zukunft des Kontinents in den Städten läge.

 

Heutzutage sprechen jedoch die Zahlen für sich, was die Bedeutung und das Potenzial der afrikanischen Landwirtschaft betrifft. Der Agrarsektor stellt auf dem afrikanischen Kontinent ungefähr 60 Prozent der Arbeitsplätze und macht 25 Prozent seines BIP aus. Gleichzeitig verfügt Afrika über 600 Millionen Hektar Agrarland, was 65 Prozent der nicht kultivierten Anbauflächen der Welt entspricht. Es wird viel vom Land Grabbing und dem Gewicht der großen agroindustriellen Konzerne gesprochen, die sicher nicht unterschätzt werden dürfen. Allerdings wird in diesem Zusammenhang oft vergessen, dass in Afrika noch mehr als 80 Prozent der 51 Millionen Landwirtschaftsbetriebe weniger als zwei Hektar groß sind.

 

Das Bevölkerungswachstum zwingt uns, die ländlichen Zonen zum zentralen Aspekt der Entwicklungsstrategie unseres Kontinents zu erheben.

 

Die Umwandlung dieses Potenzials ist umso dringender, als Afrika 2016 noch Lebensmittel im Wert von 35 Milliarden Dollar importierte. Jeder vierte Afrikaner leidet an chronischer Unterernährung. Eine wirklich paradoxale Situation angesichts der Ressourcen, über die unser Kontinent verfügt. Außerdem zwingt uns das Bevölkerungswachstum, die ländlichen Zonen zum zentralen Aspekt der Entwicklungsstrategie unseres Kontinents zu erheben. Schätzungen zufolge treten jedes Jahr ungefähr 20 Millionen Menschen in den Arbeitsmarkt ein, davon 12 Millionen in ländlichen Gegenden. Deshalb müssen die Landwirtschaft und die ländliche Entwicklung eine Priorität sein, um dieses Arbeitskräftepotenzial aufzunehmen und auf diese Weise die ländlichen Gebiete in wirtschaftlich wohlhabende Gebiete umzuwandeln.

 

Die Herausforderung besteht darin, Wertschöpfungsketten zu schaffen, die es den Kleinbauern und landwirtschaftlichen Betrieben ermöglichen, ein wettbewerbsfähiges und nachhaltiges Ökosystem aufzubauen, um die Grundlagen für ein integratives Wirtschaftswachstum in Afrika zu schaffen. In meinem Buch „L’Afrique à l’heure des choix“ (nicht auf Deutsch erschienen, in etwa „Weichenstellungen für die Zukunft Afrikas“) spreche ich mehrere Möglichkeiten an, um die afrikanische Landwirtschaft zu verändern und modernisieren, und betone dabei die Bedeutung, die dem landwirtschaftlichen Unternehmertum beigemessen werden muss.

 

Ein massives Investitionsprogramm zur Eröffnung neuer Landwirtschaftsschulen ist notwendig.

 

Es ist von zentraler Bedeutung, dass wir unseren Jugendlichen erklären, dass der Landwirt ein Unternehmer wie jeder andere ist. Wie jeder Unternehmer muss er sich um das Workflow-Management kümmern, um seine Finanzverwaltung, die Rolle der neuen Technologien, die Sicherung und Diversifizierung seiner Vermögenswerte (Zeiten mit Stilllegungsflächen, Nutzung der Parzellen etc.). Um jedoch diese Berufe zu fördern, ist ein massives Investitionsprogramm zur Eröffnung neuer Landwirtschaftsschulen notwendig. Die Ausbildungsprogramme müssen verstärkt werden, so wie wir dies auch für das „normale“ Unternehmertum tun.

 

Allerdings hätte die Förderung des landwirtschaftlichen Unternehmertums keinen Sinn, wenn nicht gleichzeitig Schutzmaßnahmen und Anreize, unter anderem gesetzlicher und steuerlicher Art, gesetzt werden, die die Landwirte dazu bewegen, Mehrwert zu schaffen. Ganz allgemein müssen wir die traditionellen Finanzierungs- und Investitionsquellen des Landwirtschaftssektors hinterfragen und alternative, innovative Finanzierungsmethoden des Privatsektors einführen. Aufgrund ihres ganzheitlichen, kollaborativen und strategischen Ansatzes sowie ihrer multilateralen Verwaltung tragen diese innovativen Finanzierungen zu einer höheren Produktivität und zur landwirtschaftlichen Entwicklung bei: Privatinvestitionen werden mobilisiert und Schwächen des Marktes ausgeglichen.

 

Gleichzeitig bietet der kometenhafte Anstieg der Mobiltelefonie in Afrika zahlreiche Möglichkeiten für Innovationen, welche die Finanzierung der ländlichen Entwicklung verändern und verbessern können. So waren Nigeria und Kenia die ersten Länder, die ein System einführten, bei dem Subventionen für den Kauf von Düngemittel direkt an die Landwirte verteilt werden. Dies war dank der Partnerschaft mit Mobiltechnologieunternehmen und Netzanbietern möglich.

 

Die Förderung des landwirtschaftlichen Unternehmertums erfordert ein tiefgehendes Umdenken und wichtige Reformen unserer staatlichen Politik.

 

Schließlich ist eine Reform des Grundbuchs und der Bodenrechte unerlässlich. Grundstücksurkunden, die im Rahmen einer Grundeigentumsregelung gewährt werden, sind für einen Großteil der afrikanischen Landwirte noch allzu oft ein Luxus und zudem Frauen gegenüber diskriminierend. Dabei stellt die korrekte Einführung dieser Systeme einen Anreiz für die Landwirte dar, in ihre Produktionsmittel zu investieren und gute Betriebspraktiken einzuführen. Der Grundbesitz ist stets ein brennendes Thema in Afrika und deshalb ist der Schutz der Bodenrechte vorrangig, um integrative, widerstandsfähige und nachhaltige Gemeinschaften aufzubauen.

 

Die Förderung des landwirtschaftlichen Unternehmertums erfordert ein tiefgehendes Umdenken und wichtige Reformen unserer staatlichen Politik hinsichtlich der Aus- und Weiterbildung der jungen Landwirte, der Reform des Grundbuchs, des Zugangs zu neuen Finanzierungsmethoden und des vermehrten Einsatzes der NIKT im Agrarsektor. Dies ist das landwirtschaftliche und innovative Afrika, das wir uns für die Zukunft wünschen.

 

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Ibrahim Assane Mayaki

(c) Dennis Williamson
Dr. Ibrahim Assane Mayaki war Professor für Öffentliche Verwaltung in Niger und Venezuela und unterrichtete an der Universität Paris XI Internationale Beziehungen. 1997 wurde er zuerst Außenminister des Niger, im Jahr 2000 Premierminister.  Er berief im gleichen Jahr die erste „Kommission für sozialen Dialog“ für sein Land ein - die erste in Afrika. Seit 2009 ist er CEO der Agentur „Neue Partnerschaft für Afrikas Entwicklung“ (NEPAD), die für die Afrikanische Union das gleichnamige Entwicklungsprogramm umsetzt.
 
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