Kontinent im Aufwärtstrend

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Partnerschaften für Afrikas Jahrhundert: Innovation und Führung als Treiber für Wachstum und Produktivität in ländlichen Gebieten.

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Arbeit mit dem Handtraktor: Der afrikanische Agrarsektor ist noch weitgehend unterentwickelt. © Jörg Böthling/GIZ

Von Agnes Kalibata

(c) Dennis Williamson

Dr. Agnes Kalibata ist seit 2014 Präsidentin der AGRA. Als ehemalige Ministerin für Landwirtschaft und Wildbestände in Ruanda gilt sie südlich der Sahara als eine der erfolgreichsten Personen, die je dieses Ressort bekleideten. Dr. Kalibata war auch für das International Institute of tropical agriculture in Uganda sowie für mehrere andere Organisationen im Bereich Agrarentwicklung tätig.

 

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Es besteht kein Zweifel daran, dass sich Afrika bereits im Aufwärtstrend befindet. Das Pro-Kopf-Einkommen südlich der Sahara wuchs zwischen 2000 und 2014 um 35 Prozent. Die Armutsraten sinken. Dabei ist der Prozentsatz der Menschen, die von weniger als 1,60 Euro pro Tag leben, von 54 Prozent im Jahr 1990 auf 41 Prozent im Jahr 2013 zurückgegangen.

 

Der größte Teil dieses Wachstums entfällt auf Länder, die der Landwirtschaft Priorität eingeräumt haben. So hat beispielsweise das 25-jährige stetige Wachstum des äthiopischen Agrarsektors die ländliche Armut halbiert, und in Ruanda hat sich die Armut im selben Zeitraum, angetrieben durch einen wachsenden Agrarsektor, um 25 Prozent verringert. Das Ergebnis dieser Fortschritte sind Arbeitsplätze und eine bessere Lebensgrundlage für Millionen afrikanischer Familien.

 

Aber natürlich herrscht nicht nur eitel Sonnenschein. Trotz der erzielten Fortschritte ist der Agrarsektor noch weitgehend unterentwickelt. Die Produktivität bleibt unter ihrem Potenzial, was auf die unzureichende Verwendung von ertragssteigernden Technologien wie hochwertigem Saatgut, den limitierten Zugang zu Finanzmitteln, ineffiziente Märkte, die begrenzte ländliche Infrastruktur und Lücken – insbesondere beim Zugang von Frauen zu Ressourcen wie Betriebsmitteln, Land, Arbeit und Beratungsdiensten – zurückzuführen ist.

 

Diese Herausforderungen werden durch ein suboptimales politisches Umfeld und die Unfähigkeit, sich auf Schocks und Stress einzustellen und zu reagieren, noch verschärft. Infolgedessen bleibt die Jahresrechnung für Nahrungsmittelimporte – derzeit bei 40 Milliarden US-Dollar – nicht nur hoch, sondern wächst weiter.

 

Es gibt zahlreiche Belege dafür, dass Afrika seine Landwirtschaft ausbauen und die Lebensgrundlagen verbessern kann. 

Damit sich der Kontinent entwickeln kann, müssen wir das Potenzial von Millionen von Afrikanern – größtenteils Kleinbauern – ausschöpfen, die ihren Lebensunterhalt mit Landwirtschaft und Agrarbetrieben verdienen und etwa 80 Prozent der auf dem gesamten Kontinent verbrauchten Lebensmittel und landwirtschaftlichen Erzeugnisse bereitstellen.

 

Es gibt zahlreiche Belege dafür, dass Afrika seine Landwirtschaft ausbauen und die ländlichen Lebensgrundlagen verbessern kann, wie man es in anderen Regionen sehen kann, die moderne Volkswirtschaften aufgebaut haben, indem sie zunächst ihren Agrarsektor für integratives Wirtschaftswachstum und die Schaffung von Arbeitsplätzen gestärkt haben. Nehmen Sie zum Beispiel China. Die landwirtschaftliche Transformation führte dort zu einem raschen Rückgang der ländlichen Armut von 53 Prozent im Jahr 1981 auf acht Prozent im Jahr 2001. Vietnam, das andere Beispiel, reduzierte die Armut durch gezielte Investitionen in den Agrarsektor von 56 Prozent im Jahr 1986 auf drei Prozent im Jahr 2018.

 

 

Afrika ist für seine eigene Zukunft verantwortlich

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Die Parabolspiegel dieser Reismühle in Burkina Faso erzeugen Dampf – gut für die Rohstoffverarbeitung. © Jörg Böthling/GIZ

Die Alliance for a Green Revolution in Africa (AGRA) – eine auf den Bauern ausgerichtete, von Afrika geführte Institution – hat sich zur Transformation der Landwirtschaft des Kontinents als sicherster Weg zu einem integrativen Wirtschaftswachstum verpflichtet.

Wir sehen den Schlüssel in innovationsgetriebenen und nachhaltigen Produktivitätssteigerungen sowie dem Zugang zu innovativen Finanzmitteln und Märkten. In unserer Strategie für 2017 bis 2021 unterstützen wir gemeinsam mit unseren Partnern 11 afrikanische Länder und 30 Millionen Kleinbauernhaushalte bei der Steigerung ihres Einkommens und der Verbesserung ihrer Ernährungssicherheit. 

Wir versuchen nicht, Strategien zur Nahrungsmittelproduktion aus Asien, Lateinamerika oder anderen Ländern nachzuahmen. Wir verfolgen eine einzigartige afrikanische grüne Revolution, die auf die Bedürfnisse und Wünsche unserer Bevölkerung, die Vielfalt unseres Kontinents und die Herausforderungen für die afrikanischen Landwirte, von denen die meisten Kleinbauern sind, zugeschnitten ist.

 

Hat das funktioniert? Schauen wir uns die Beweise an.

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Dr. Agnes Kalibata bei der Festveranstaltung mit Podiumsdikussion zur AGRA Tagung in Berlin. © Frank Schultze/GIZ

Seit unserer Gründung im Jahr 2006 arbeiten wir mit Regierungen und Partnern in 18 Ländern zusammen, um den Landwirten Zugang zu ertragssteigernden Technologien wie lokal angepasstes Saatgut, gezielte und gerechte Düngung und Zugang zu Märkten zu ermöglichen. Durch diese Arbeit haben heute über 15 Millionen Bauernfamilien Zugang zu Inputs, Ausbildung, Finanzierung und Märkten, sodass sie ihre Betriebe nutzen können, um ein besseres Leben für ihre Familien zu ermöglichen. 

 

Wir haben in die Ausbildung und den Aufbau von rund 700 Wissenschaftlern in den Bereichen Pflanzenzüchtung, Bodenfruchtbarkeitsmanagement und Politikgestaltung an afrikanischen Universitäten auf MSc- und PhD-Ebene investiert. Die Forschung dieser Wissenschaftler in Kombination mit derjenigen ihrer Kollegen in den nationalen Forschungsinstituten und an den afrikanischen Universitäten hat in den letzten zehn Jahren mehr als 650 neue Pflanzensorten hervorgebracht, deren Merkmale speziell auf die lokalen Anbaubedingungen abgestimmt sind und die den Bedürfnissen der lokalen Landwirte einschließlich Dürre- und Schädlingsresistenz, höherer Erträge und höheren Nährstoffgehalts entsprechen.

 

Diese Wissenschaftler, die unter den lokalen Bedingungen aufgewachsen sind, wissen am besten, was die Landwirte brauchen. Eine solche Wissenschaftlerin aus Uganda hat zum Beispiel eine Bohnensorte entwickelt, die nahrhafter ist und vor allem schneller kocht. Dies basierte auf ihrer Erfahrung, die sie in der Kindheit gesammelt hatte, als sie auf der Suche nach Brennholz über weite Strecken laufen musste und viel Zeit damit verbrachte, den Topf ihrer Mutter zu bewachen, während die Bohnen kochten, und sie so die Schule versäumte.

 

Wissenschaftler, die unter lokalen Bedingungen aufgewachsen sind, wissen am besten, was die Landwirte brauchen.

 

Die Arbeiten zur Verbesserung der Bodengesundheit haben fast 6 Millionen Kleinbauern erreicht und 1,6 Millionen Hektar stark dezimierter Anbauflächen durch unser integriertes Programm zur Verbesserung der Bodengesundheit wiederbelebt.

 

Um die landwirtschaftlichen Gemeinschaften mit diesen Technologien zu versorgen, haben wir die Gründung von Tausenden lokaler afrikanischer Landwirtschaftsunternehmen unterstützt, einschließlich der Förderung von 114 afrikanischen Saatgutunternehmen, welche die lokale Saatgutproduktion von 2.000 Tonnen im Jahr 2007 auf fast 800.000 Tonnen im Jahr 2017 für etwa 15 Kulturen, die für afrikanische Landwirte wichtig sind, deutlich gesteigert haben.

 

Diese Saatgutfirmen und andere Betriebsmittelunternehmen arbeiten mit Agrarhändlern – kleinen Läden in ländlichen Gebieten – zusammen, die den „Last Mile“-Kontakt zu den Landwirten herstellen. AGRA hat beim Aufbau von mehr als 35.000 solcher Geschäfte in den Ländern, in denen sie tätig ist, geholfen. Zusammen mit den Investitionen unserer Partner hat diese Arbeit die Entfernung, die der Landwirt zum Geschäft zurücklegt, in den letzten 10 Jahren von über 50 km auf durchschnittlich 11 km reduziert.

 

Partnerschaften mit Bauernverbänden, Finanzinstituten sowie kleinen und mittleren afrikanischen Agrarunternehmen haben afrikanischen Landwirten geholfen, rund 750.000 Tonnen Produkte zu einem Preisaufschlag von 10 bis 50 Prozent zu verkaufen. 

 

Staatlich gelenkte Transformation

 

Basierend auf den Lehren, die wir aus unserem ersten Jahrzehnt des Bestehens gezogen haben, glauben wir, dass die Regierungen entscheidend daran beteiligt sind, die nationale und regionale Transformation der Landwirtschaft voranzutreiben. Die Zukunft Afrikas wird von einer engagierten und innovativen Führung sowie regelmäßigen und rigorosen Messungen abhängen, um das für die landwirtschaftliche Transformation erforderliche Wachstum voranzutreiben. Wie der Vorsitzende des Vorstands meiner Organisation Herr Strive Masiyiwa kürzlich auf einer hochrangigen Veranstaltung im Bundesministerium für Entwicklung mit der deutschen Vordenkerrolle im öffentlichen und privaten Sektor in Berlin sagte, wird weder Geld noch ausländische Hilfe Afrika verändern. Die Entwicklung des Kontinents wird – wenn auch mit ein wenig Hilfe von Freunden und Partnern – durch Afrikaner geleitet und durchgeführt.

 

Vor diesem Hintergrund haben wir beschlossen, mit Regierungen und anderen wichtigen Akteuren zusammenzuarbeiten, um Kapazitätslücken zu identifizieren und zu artikulieren, evidenzbasierte Interventionen vorzuschlagen und Investitionen zur Stärkung der staatlichen Leistungsfähigkeit der Länder für ihre Bürger zu tätigen. 

 

Die Entwicklung Afrikas liegt in den Händen der afrikanischen Führungspersonen.

 

Es steht außer Zweifel, dass die Entwicklung Afrikas in den Händen der afrikanischen Führungspersonen liegt. In Fällen, in denen die Regierungen die Verantwortung übernehmen, folgen Fortschritte. Ghana, ein Schwerpunktland für AGRA, ist ein Beispiel für Länder, die sich weiterentwickelt haben. Sein bekanntes Programm „Planting for Food and Jobs“ erzielte einen Erntewert von 1,2 Milliarden GH¢ (208.488.267 Euro) und führte zur Schaffung von 745.000 Arbeitsplätzen allein in seinem ersten Jahr.

 

Daher setzt sich die AGRA für einen Ansatz ein, bei dem alle Maßnahmen – von uns, unseren Partnern und allen anderen Beteiligten der Branche – durch die Prioritäten und Visionen der Regierung für den Agrarsektor geleitet werden und sich an diesen ausrichten. Der Beweis, den wir sehen, besteht darin, dass sich die Länder verpflichten, das zu tun, was für ihre Bürger richtig ist. Die einzige Einschränkung, der sie ausgesetzt sind, ist die unzureichende Kapazität in einem Bereich, in dem Wissenschaft und Erkenntnisse entscheidend für den Fortschritt sind.

 

AGRA wurde als eine afrikanische Institution gegründet mit einer der größten Gruppierungen von zum großen Teil vom Kontinent stammenden afrikanischen Landwirtschaftsexperten, welche die Herausforderungen ihrer Länder verstehen und sich verpflichten, mit anderen aus der ganzen Welt zusammenzuarbeiten, um Lösungen für die dringendsten Herausforderungen Afrikas zu finden und Regierungen bei der Beseitigung ihrer Kapazitätsengpässe zu unterstützen.

 

Partnerschaften

 

Um das ehrgeizige Ziel eines ernährungssicheren Afrikas zu erreichen, das von einem florierenden Agrarsektor getragen wird, muss man mit starken und engagierten Partnern aus Regierungen und Privatwirtschaft zusammenarbeiten.

 

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) ist einer dieser Partner. Im Rahmen der Initiative EINEWELT ohne Hunger investiert es jährlich rund 1,5 Milliarden Euro in die Ernährungssicherheit und die ländliche Entwicklung. Hierunter fallen 10 Millionen Euro zur Mitfinanzierung der Fünfjahresstrategie der AGRA zur Steigerung der Produktivität, zur Bekämpfung des Hungers, zur Schaffung von Arbeitsplätzen und zur Erhöhung der Einkommen von 1,2 Millionen Kleinbauern in Burkina Faso und Ghana.

 

Diese Partnerschaft mit dem BMZ trägt zusammen mit ihren Investitionen in die GIZ und die KfW dazu bei, den Einsatz nachhaltiger, produktivitätssteigernder Technologien zu stärken, die Verluste nach der Ernte zu reduzieren, die Landwirte an stabile Märkte anzubinden und das Umfeld zu verbessern – auch durch die Zusammenarbeit mit Finanzinstituten, um den Zugang der Landwirte zu Finanzierungen zu verbessern.

 

Die Investition des BMZ im Rahmen dieser Partnerschaft unterstützt die Stärkung der afrikanischen Regierungen und fördert KMU und öffentliche Einrichtungen, die den Landwirten bessere Dienstleistungen für mehr Produktivität, Wirtschaftswachstum und Beschäftigung bieten.

 

 

Frank Schultze / Agentur_ZS
Dr. Agnes Kalibata ist die Präsidentin der Alliance for a Green Revolution in Africa (AGRA). © Frank Schultze/GIZ

Schlussfolgerung

Es gibt keinen Grund, warum dies nicht Afrikas Jahrhundert sein sollte. Engagierte Regierungen, ein günstiges Umfeld für das Engagement des Privatsektors und starke Partnerschaften werden entscheidend sein, um diesen Moment zum Zwecke der Förderung eines integrativen Wirtschaftswachstums sowie zur Schaffung von Arbeitsplätzen und Chancen in den ländlichen Gebieten zu nutzen.

 

Wir begrüßen und schätzen die Führungsrolle des BMZ und insbesondere die Arbeit im Rahmen der Initiative EINEWELT ohne Hunger sowie des „Compact with Africa“, die beide auf Grundlage einer gegenseitigen Partnerschaft im Gegensatz zur traditionellen, projektbezogenen Zusammenarbeit eine Beziehung zu Afrika gefördert haben. Insgesamt erkennen wir die bedeutende Führungsrolle an, welche die Bundesregierung, die Privatwirtschaft, die Durchführungsorganisationen und die Zivilgesellschaft in den letzten Jahren bei der Unterstützung der landwirtschaftlichen und ländlichen Entwicklung Afrikas gespielt haben.

Über den Autoren

Agnes Kalibata

(c) Dennis Williamson

Dr. Agnes Kalibata ist seit 2014 Präsidentin der AGRA. Als ehemalige Ministerin für Landwirtschaft und Wildbestände in Ruanda gilt sie südlich der Sahara als eine der erfolgreichsten Personen, die je dieses Ressort bekleideten. Dr. Kalibata war auch für das International Institute of tropical agriculture in Uganda sowie für mehrere andere Organisationen im Bereich Agrarentwicklung tätig.

 

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