"Die grüne Revolution stößt an ihre Grenzen"

Stig Tanzmann ist Landwirt und Referent für landwirtschaftliche Fragen bei „Brot für die Welt“. Jan Rübel hat mit ihm über seine Vorbehalte gegenüber der Strategie von AGRA gesprochen.

Ich bin ein Alternativtext
Was hilft den Kleinbauern in Afrika? "Hybridsaatgut ist nach unserer Sicht für Kleinbetriebe nicht zielführend", sagt Stig Tanzmann. © Jörg Böthling/GIZ

Von Stig Tanzmann

Stig Tanzmann ist Landwirt und Agrarwissenschaftler und arbeitet seit 2010 als Referent für Landwirtschaftsfragen bei Brot für die Welt.

Stig Tanzmann ist Landwirt und Agrarwissenschaftler und arbeitet seit 2010 als Referent für Landwirtschaftsfragen bei Brot für die Welt – Evangelischer Entwicklungsdienst.

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Von Jan Rübel

Jan Rübel ist Autor bei Zeitenspiegel Reportagen, Kolumnist bei Yahoo und Reporter für überregionale Zeitungen und Zeitschriften. Er studierte Islamwissenschaft und Nahostgeschichte.

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JOERG BOETHLING /GIZ
Er ist selbst Landwirt: Stig Tanzmann, Referent für landwirtschaftliche Fragen bei "Brot für die Welt". © Hermann Bredehorst/ Brot für die Welt

 

"Programme im Bereich ökologischer Landbau werden eingeschränkt."

 

Herr Tanzmann, warum sehen Sie in AGRA eine „unheilvolle Allianz“?

Stig Tanzmann: Wir sehen große Probleme mit AGRA, weil dort schwierige politische Ansätze vertreten werden. In einer „Grünen Revolution“ sehen wir kein Zukunftsmodell, sondern Probleme, die sich immer weiter manifestieren.

 

 

Mit der „Grünen Revolution“ in Afrika oder allgemein?

Im Allgemeinen. Wir und unsere Partner arbeiten nach anderen Grundsätzen und sehen in verschiedenen Weltregionen, wie die „Grüne Revolution“ an ihre Grenzen stößt oder schon vor Jahrzehnten gescheitert ist. In Indien, ein Land, das sich sehr stark der „Grünen Revolution“ verschrieben hat, lässt sich zum Beispiel gerade das fortschreitende Scheitern intensiv beobachten. Leider wird in Deutschland viel zu wenig über die verheerende Lage im indischen ländlichen Raum berichtet. Erst Ende November hat es wieder große Bauernmärsche auf Delhi gegeben. Da stellt sich natürlich die Frage, wieso steigt das BMZ jetzt in Afrika in die Förderung der „Grünen Revolution“ ein, wo es im ersten Versuch schon nicht geklappt hat? Und es global viele bekannte Probleme mit dem Ansatz gibt.

 

 

Wann gab es den ersten Versuch?

Die „Grüne Revolution“ ist seit den 1950er und 1960er Jahren ein umfassendes Programm, welches man auch ab den 1970ern versucht hat in Afrika zu realisieren. Es konnte aber in Afrika nicht Fuß fassen. Geht es heute von neuem los, werden Alternativen unter Druck gesetzt. Mit AGRA gehen Förderprogramme und Politikansätze einher, welche in Afrika alternative Programme im Bereich Agrarökologie und ökologischer Landbau, welche das BMZ ja auch unterstützt, einschränken.

 

 

Wird den Bauern denn dadurch eine Wahlfreiheit genommen?

Ein Beispiel: AGRA nimmt in seiner politischen Arbeit gezielt Einfluss auf nationale und regionale Saatgesetzgebungen. Diese Gesetze laufen meist darauf hinaus, dass nur noch zertifiziertes und zugelassenes Saatgut vertrieben werden darf. Und dies bedeutet, dass bäuerliches Saatgut aus diesem Rahmen herausfällt, weil es gewisse Zulassungsbedingungen, wie die sogenannten DUS Kriterien zu Homogenität und Stabilität nicht erfüllt. Diese bäuerlichen Zuchtsysteme werden in der Folge diskriminiert. Aus unserer Sicht brauchen wir aber vielmehr eine Diversität von züchterischen Ansätzen. Wir haben nichts gegen zertifiziertes Saatgut und auch den Schutz der Interessen von Züchtern. Es dürfen aber die bäuerlichen Systeme nicht ausgeschlossen werden. 2015 haben BMZ und GIZ einmal eine wegweisende Studie zu diesen Problematiken veröffentlicht. Würden die Ergebnisse dieser Studie im Rahmen von AGRA implementiert, würde dies viele unserer Bedenken abmildern oder ausräumen.

 

"Bäuerliches Saatgut wird in die Illegalität gedrückt"

 

Würden die Regeln so strikt sein, dass dies geschieht?

In Malawi und anderen Ländern bedeuten die verabschiedeten Gesetze, dass bei deren Umsetzung bäuerliches Saatgut in die Illegalität gedrückt wird. In Tansania darf bäuerliches Saatgut nur noch lokal im jeweiligen Distrikt gehandelt werden. Mit solchen Problemen müsste sich das BMZ mehr beschäftigen. Denn auch in den vom Ministerium angeschobenen „Grünen Innovationszentren“ der SEWOH gibt es immer auch eine Feldfrucht , bei der es keinen kommerziellen Saatgutsektor gibt. Da darf man doch nicht das Kind mit dem Bade ausschütten.

 

 

Nun wird ja ein großer Teil des bäuerlichen Saatguts für den Eigenbedarf angebaut. Vor Ort würde sich dann nicht viel ändern.

Wir unterstützen den Austausch von Saatgut. Wenn sich bäuerliches Saatgut besonders gut bewährt, muss es auch durch Tausch und Verkauf weitergegeben werden können. Wir fordern bestimmt nicht eine absolute Subsistenzwirtschaft: Wenn die Kleinbauern ihr eigenes Saatgut nicht verkaufen können, schränkt dies sie ein.

 

 

Aber gegen Kommerzialisierung an sich spricht nichts?

Nein, dagegen wenden wir uns nicht. Aber der Rahmen muss stimmen, damit Kleinbauern davon profitieren. Der FAO-Saatgutvertrag garantiert unter Artikel 9 unter anderem die so genannten farmers` rights: to save, use, exchange and sell farm-saved seed. Also ihr bäuerliches Saatgut zu verkaufen. Dies ist natürlich ein kommerzieller Akt. Unsere Partnerorganisation Navdanya in Indien, die ein Netzwerk von weit über hundert lokalen Saatgutbanken aufgebaut hat und weltweit für ihre Arbeit zum Erhalt von traditionellem und bäuerlichen Saatgut bekannt ist, ermuntert natürlich, die beteiligten Bäuerinnen ihr Saatgut auch zu verkaufen. Ich könnte hier viele Beispiele aus unserem Partnerspektrum nennen.

 

"Programme, die die Rechte der Farmer außer Kraft setzen"

 

AGRA behauptet, gerade die Kleinbauern im Fokus zu haben.

Ja, das möchte ich AGRA auch nicht absprechen. Aber die Förderung sollte so aussehen, dass auch andere Ansätze daneben bestehen können – und da habe ich meine Zweifel. In der politischen Arbeit zu Saatgut setzt sich AGRA häufig für politische Prozesse ein, die dann Saatgut- und Sortenschutzgesetze zur Folge haben, die Farmers` Rights praktisch außer kraftsetzen. Also faktisch eine Kommerzialisierung von bäuerlichen Saatgut unmöglich machen und nur Zuchtunternehmen und Konzernen und nicht Bauern dienen.

 

 

Position von AGRA ist ja, dass die bestehenden Systeme nebeneinander weiter bestehen sollen…

…dann darf man aber nicht auf eine ausschließende Gesetzgebung setzen, wie bei Saatgut.

 

 

AGRA arbeitet auf lokaler Ebene mit den kleinen und mittleren Saatgutherstellern zusammen. Die großen Multis sind also nicht da.

Aber diese Gesetze funktionieren gut für die Multis. Es gibt zunehmend Kooperationen von Multis in Afrika. Und die mittleren bis großen Saatguthersteller in Afrika sind entweder von den Multis aufgekauft worden oder betreiben enge Kooperationen. Das wird sicherlich zunehmen. Wo bleibt der Spielraum für die Bauern? Bäuerliches Saatgut ist vielerorts das relevante, es macht 80 Prozent aus und hat eine große kulturelle Bedeutung. Und dieses erhält fast keine staatliche Unterstützung, arbeitet seit 30 Jahren und länger erfolgreich. Warum nicht da ansetzen?

 

 

Warum nicht den Kleinbauern die Wahlfreiheit bringen, dass sie sich zwischen ihrem und anderen Saatgut entscheiden können?

Darin sehen wir nicht das Hauptproblem. Mehr Angebote sind immer gut. Aber andere Optionen werden nicht gleichzeitig gefördert, sondern über die politische Arbeit von AGRA gegen bäuerliche Saatgutsysteme praktisch eingeschränkt, wie ich eben erst erläutert habe. Da muss man als BMZ einfach auch mal wirklich genau hinschauen, welche Gesetzesänderungen welche Konsequenzen haben und wie man wirklich Wahlfreiheit herstellt. Ich kann hier nur sui generis Gesetzgebungen empfehlen. Es gibt bedeutende Studien, wie man genau solche Gesetze entwickelt. Die genannte Studie von APBREBES wurde sogar auf einer Veranstaltung der GIZ, als Beispiel dafür, wie man die vorher genannte BMZ/GIZ-Studie implementieren könnte, vorgestellt. Wenn AGRA sich wirklich ernsthaft mit den Problemen und Erfolgen der „Grünen Revolution“ in anderen Erdteilen befasst hätte, hätte man sich in der politischen Saatgutarbeit zum Beispiel an den wegweisenden indischen Gesetzen dazu orientieren müssen. Nicht umsonst können die Bäuerinnen von Navdanya so erfolgreich ihr Saatgut verkaufen, dies funktioniert nur auf Grund eines vernünftigen gesetzlichen Rahmens.

 

 

Letzten Ende spricht nichts dagegen, auch auf Hybrid-Saatgut zu setzen, oder?

Wir setzen nicht darauf, weil wir es im kleinbäuerlichen Kontext und besonders in Afrika extrem schwierig finden. Jedes Jahr muss es neu gekauft werden und kann für kleine Betriebe finanziell gefährlich werden. Selbst wenn es drei, vier Jahre gut läuft – eine schlechte Ernte kann rasch in die Verschuldungsfalle führen.

 

 

Es birgt Risiken, aber auch große Potenziale durch die höhere Produktivität.

Dem widerspreche ich. Es gibt auch Nicht-Hybridsaatgut, das ähnlich produktiv ist und keine Abhängigkeiten schafft. Die Flächen sind meist wirklich klein: Was man mit einem Mehrertrag kommerzialisieren und monetarisieren kann, ist häufig nicht ausreichend, um mittel- oder langfristig ohne Subventionen für Hybrid-Saatgut und chemischen Dünger wirtschaften zu können.

 

Im internationalen Vergleich ist Hybridsaatgut ein Standard. Wir sind in Deutschland von Hybridsaatgut umgeben. Warum sollte Afrika einen Sonderweg gehen?

Es gibt viele Bäuerinnen und Bauern, aber auch Züchterinnen und Züchter, die einen Sonderweg gehen. Hybridsaatgut ist nach unserer Sicht für Kleinbetriebe nicht zielführend, weil es die Verletzbarkeit erhöht. Auch entziehen sich die für die Hybridzüchtung notwenigen Inzuchtlinien den öffentlichen Saatgutbanken, schon mittelfristig werden so die genetischen Ressourcen privatisiert. Unabhängig von den Bauern sollte sich jeder Staat, jede Gesellschaft sehr gut überlegen, ob sie dieses Risiko der Abhängigkeit eingehen wollen.

 

 

Auch, wenn diese Betriebe erst einmal begleitet werden, durch Schutzmechanismen?

Es gibt jetzt in Afrika wieder viele Agrarprogramme, das ist auch ein Verdienst von AGRA, die afrikanischen Staaten investieren endlich wieder mehr in ihre Landwirtschaften. Wenn dann aber Subventionen, wie im Rahmen der Farm Input Subsidy Programms (FISPs) zur Unterstützung der Höfe fließen, stellt sich die Frage: Warum sind da gerade vom Finanzvolumen her vor allem Hybridsaaten und chemischer Dünger drin – und kaum agrarökologische Agrarberatung, keine verbesserte Verteilung von bäuerlichem Saatgut oder verbesserte Zuchtbegleitung drin? Diese Frage stellen nicht wenige bäuerliche und ländliche Bewegungen in Afrika. Mit den Alternativen Ansätzen ließe sich die Produktivität auch steigern, wie man an anderen Staaten sieht.

 

 

Zum Beispiel?

In Brasilien, da nahm man Abstand von Hybridsaatgut und setzte auf ökologisches und bäuerliches. So erreichte die bäuerliche Zucht neue Niveaus. Wir finden ja die Prekarität, in der bäuerliche Züchtung, Erhaltung und Vermehrung derzeit stattfinden muss, nicht gut. Es ist vielmehr ein Wunder, dass sie in dieser Prekarität und ohne staatliche Hilfe so gut funktioniert. Wenn dies nun endlich gefördert würde, hätte das großes Potenzial – eben mittelfristig ein sich selbst tragendes System zu etablieren, das nicht dauerhaft von Subventionen aus dem Agrarbudget abhängt. Die auch von AGRA politisch beeinflussten FISPs-Programme sind aus der Sicht unserer Partner ineffektiv und kostenintensiv.

 

 

"Warum die Fehler wiederholen, die in Indien und Asien gemacht wurden?"

 

Bauern werden halt unternehmerischer. Das ist der natürliche Gang der Dinge, wenn sich Landwirtschaft kommerzialisiert – wogegen Sie im Prinzip ja nichts haben.

Einspruch. Es ist doch nicht unternehmerisch und nachhaltig, wenn man langfristig Saatgut und Dünger subventionieren muss, damit dies erst gekauft werden kann. Ein Unternehmer strebt nach Unabhängigkeit und nicht nach Abhängigkeit von Subventionen. Ich denke, hier wird von AGRA, aber auch vom BMZ, etwas völlig durch einandergebracht. Agrarökologie würde viel mehr unternehmerische Unabhängigkeit bringen als die Ansätze von AGRA.

 

 

Die Bevölkerungen in Afrika wachsen rasant. Da muss doch begleitend auch bei der Produktivität geklotzt werden – um sich selbst zu ernähren und um die Nahrungsmittelimporte zu reduzieren, oder? Ginge das alles ohne Hybrid und Dünger?

Natürlich. Mit einer Förderung von agrarökologischen Methoden lässt sich auch kurzfristig die Produktivität massiv steigern. Anders als bei der „Grünen Revolution“ bleiben diese Erfolge aber langfristig erhalten, und man hat eigentlich keine negativen Umweltfolgen. In Indien haben nun die Väter der „Grünen Revolution“ Bilanz gezogen und drastische Probleme für Mensch und Natur festgestellt. Ich empfehle hier „Modern technologies for sustainable food and nutrition security“ von P. C. Kesavan and M. S. Swaminathan zu lesen. Auch die FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen) sagt: Die „Grüne Revolution“ steigerte kurzfristig die Erträge, hat aber den Hunger nicht überwunden und riesige ökologische Probleme geschaffen, die vollkommen außer Kontrolle geraten sind. Warum dann all dies wiederholen?

 

 

Nun sagt AGRA, man habe durchaus aus den Fehlern der grünen Revolution in Indien und Asien gelernt, wo massenhafter Einsatz von Chemiedünger notwendig geworden ist. In Afrika soll es lokaler zugehen, in enger Kooperation mit den Bauern – auch mit traditionellem Saatgut, damit nicht so viel Dünger eingesetzt werden muss. Nehmen Sie denen das ab?

Dieses Bewusstsein spreche ich AGRA nicht komplett ab. Wobei AGRA insbesondere bei Saatgutpolitik nicht davon gelernt hat, oder das berücksichtigt hat, was Indien in diesem Bereich richtig gemacht hat. Aber insgesamt ist der ganze Ansatz nicht mehr zielführend. Das Konzept ist einfach antiquiert. Nicht umsonst setzt gerade die FAO auf Agrarökologie. Das BMZ sollte einfach andere modernere Ansätze als den von AGRA fördern. Okay, AGRA ist diverser aufgestellt als bei früheren grünen Revolutionen. Aber es wäre auch schrecklich, wenn dem nicht so wäre. Bei Regenfeldbau, wie er überwiegend in Afrika betrieben wird, ist auch kritisch zu fragen, ob der Einsatz von Stickstoffdünger Sinn macht.

 

 

In Afrika wird im internationalen Vergleich wenig chemischer Dünger eingesetzt. Seine Befürworter sehen einen Zusammenhang mit der ebenfalls im Vergleich geringen Produktivität.

Ein Großteil der afrikanischen Agrarsysteme leidet darunter, dass diese Jahrzehnte systematisch nicht gefördert wurden. Wissenschaftlich setzt sich immer mehr durch, dass agrarökologische Landwirtschaft die Zukunft sein wird. AGRA ist ein bisschen antiquiert und aus der Zeit gefallen. Heute und insbesondere in Afrika muss man gar nicht ins System des Düngens mit Chemie einsteigen, wenn man die Erträge steigern will. Zum Potenzial agrarökologischer Produktionsmethoden in Afrika gibt es aus den letzten Jahren eine Reihe von wichtigen Studien.

 

 

Dennoch wäre solch eine Transformation der afrikanischen Landwirtschaften auf konventionelle Art nichts anderes als das, was in Europa und in Amerika gelebter Alltag und Standard ist. Würde Afrika nicht etwas vorenthalten?

Ich verstehe die Frage nicht. Die Agrarsysteme in den USA haben katastrophale Probleme…

 

 

…aber noch sind sie konventionell.

Das Agrarsystem der USA ist definitiv nicht konventionell, es baut massiv auf dem rücksichtlosen Einsatz von Grüner Gentechnik auf. Und die Probleme dort schreien zum Himmel. 2017 gab es dort auf fast 1,5 Millionen Hektar Anbaufläche massive Schäden durch die Abdrift von Dicamba, auf Feldern, auf denen gegen Dicamba resistente gentechnisch veränderte Soja wuchs. Ja, aber es gibt einen Wandel, wie hier in Deutschland. Hier entwickelt sich das Anbausystem weg von konventioneller Landwirtschaft. Die Nachfrage nach ökologischen Produkten wächst massiv und ist kaum zu befriedigen.

 

 

Das geschieht auch aus einem gewissen Luxus heraus …

… wieso soll das Luxus sein? Aus meiner Sicht geschieht es aus einem tiefen Bewusstsein über die Probleme und die langfristigen Folgen der „Grünen Revolution“.

 

 

Wir sind schon satt und haben keine Angst abends hungrig ins Bett zu gehen.

Ich verstehe dieses Argument nicht wirklich. Wir haben in Deutschland massive Probleme, und zwar einen riesigen Stickstoffüberschuss, große Grundwasserprobleme und ein massives Artensterben. Die europäische Förderung fließt in ein System, das ökologisch nicht mehr funktioniert. All dies trägt unheimliche Folgekosten mit sich, über die kaum einer spricht. Schauen Sie sich die teuren Trinkwasseraufbereitungsanlagen an, die tauchen als externalisierte Kosten nicht in den Agrarsystemen auf. Diese Liste der externalisierten Kosten, auch der sozialen, ließe sich lange fortsetzen, und hierüber sind sich viele Menschen auch außerhalb der Ministerien sehr bewusst. Warum, glauben Sie, werden am 19. Januar 2019 wieder Zehntausende mitten im Winter für ein anderes Agrarsystem auf die Straße gehen? AGRA fragt nicht nach den sozialen und ökologischen Folgekosten seiner Politik. Das BMZ sollte dies sehr wohl tun. Mit Blick auf die „Grüne Revolution“ in Indien wurden genau diese Fragen sehr früh gestellt, siehe den genannten wissenschaftlichen Artikel. Gerade an diesen Fragen hätte sich AGRA orientieren können und aus meiner Sicht auch müssen.

 

 

Macht es aber nicht doch einen Unterschied, wenn wir hier in Deutschland bei all der Auswahl, die wir haben, uns für mehr Bio entscheiden, und in Afrika die Not so groß ist, dass es einen Gewaltakt bräuchte zur Produktivitätssteigerung?

Da gibt es unterschiedliches Verständnis dafür, wie eine Produktionssteigerung realisiert werden könnte. Dieses ausschließliche Dogma, wonach mehr Ertrag nur mit „Grüner Revolution“ möglich ist, sehe ich nicht haltbar. Die Dogmen der „Grünen Revolution“ müssen mehr in Frage gestellt werden. Wir brauchen andere Wege, denn diese industriellen Dogmen haben unseren Planeten an und über seine Belastungsgrenze geführt. Gerade beim Stickstoff- und Phosphorkreislauf, aber auch beim Artensterben sind die Planetarischen Grenzen seit Jahren, wenn nicht seit Jahrzehnten überschritten. Ein Zusammenhang mit der „Grünen Revolution“ lässt sich hier schwer bestreiten.

Wenn wir die Menschen langfristig ernähren wollen, brauchen wir andere Systeme. Und wenn Sie die Beispiele von Europa und Amerika anführen: Diese hohe Produktivität ist doch auch problematisch, und sie führt zu den vielen Exporten nach Afrika – weil sie extrem verbilligt sind, eben durch das fehlende Einspeisen der ökologischen Folgekosten. Wie sollen Betriebe mit einer Größe von drei bis vier Hektar gegen solche Systeme bestehen, wenn man die Handelsfragen im Sinne von Außenzöllen gar nicht anspricht.

 

 

Was ist an AGRA nicht afrikanisch?

Das ist nicht die Frage. AGRA ist von der Rockefeller-Stiftung und der Gates-Stiftung gegründet worden und wird weiter vor allem von Geldern, die nicht aus Afrika kommen, finanziert. Dies hat natürlich Einfluss auf die inhaltliche Ausrichtung von AGRA. Wichtiger aber ist die Frage, ob AGRA die alleinige Antwort auf alle afrikanischen Agrarfragen hat, wie uns häufig suggeriert wird, und ob sich überhaupt ernsthaft und ehrlich mit der afrikanischen Kritik an AGRA und der „Grünen Revolution“ auseinandergesetzt wird? Aus unserem Partnerumfeld gibt es sehr viele kritische Stimmen zu AGRA, die aber aus meiner Sicht bisher nicht angehört wurden.

 

 

Aber der afrikanische Charakter von AGRA wird nicht in Frage gestellt. Das schimmerte in einem Hintergrundpapier, das Sie mit entworfen haben, durch.

Es gibt dazu immer noch Fragen. Was aber anzuerkennen ist: AGRA hat großen Einfluss auf afrikanische Landwirtschaftspolitiken. Bei aller grundsätzlichen Kritik am Ansatz von AGRA gibt es klar den positiven Einfluss, dass Landwirtschaft und Agrarpolitik mehr auf die Agenda der dortigen Politik gerückt wurden. In diesem Sinne gibt es eine Afrikanisierung.

 

 

Dieses Hintergrundpapier – ist es die offizielle Position von „Brot für die Welt“?

Brot für die Welt und seine Vorgängerorganisationen, wie der Evangelische Entwicklungsdienst (eed), haben eine lange Historie der Kritik an der „Grünen Revolution“ im Allgemeinen und von AGRA im Besonderen. Die erste kritische Publikation zu AGRA ist 2007 damals noch beim eed erschienen. Im Rahmen der Kritik an der Arbeit der Bill und Melinda Gates Stiftung hat sich Brot für die Welt 2016 wieder kritisch zu AGRA geäußert. Und natürlich erreicht uns seit der Gründung von AGRA immer wieder Kritik von unseren Partnerorganisation. Aber das von Ihnen angesprochene Papier ist von Jan Urhahn (Inkota) und mir als Autorenpapier im Auftrag der AG Landwirtschaft und Ernährung im Forum Umwelt und Entwicklung erstellt worden.

 

Ich bin ein Alternativtext
Was bringt die Zukunft? Stig Tanzmann nimmt die Arbeit der AGRA kritisch unter die Lupe. © JOERG BOETHLING /GIZ

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Jan Rübel

Jan Rübel ist Autor bei Zeitenspiegel Reportagen, Kolumnist bei Yahoo und Reporter für überregionale Zeitungen und Zeitschriften. Er studierte Islamwissenschaft und Nahostgeschichte.

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