Bauern sind schlau

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Aus dem Labor für die Massen: Maria Andrade züchtete neue biofortifizierte Süßkartoffeln, welche in Afrika breit angebaut werden. Sie setzt ihre Hoffnung auf eine Transformation afrikanischer Landwirtschaften.

Ich bin ein Alternativtext
Süßkartoffeln mit hochgezüchtetem Nährstoffgehalt werden in Afrika bereits angebaut. © Klaus Wohlmann/GIZ

Von Jan Rübel

Jan Rübel ist Autor bei Zeitenspiegel Reportagen, Kolumnist bei Yahoo und Reporter für überregionale Zeitungen und Zeitschriften. Er studierte Islamwissenschaft und Nahostgeschichte.

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Dr. Andrade, Sie tragen heute ein orangefarbenes Kleid. Betreiben Sie Marketing für Süßkartoffeln?

Maria Andrade: Natürlich, wir sind auf einer täglichen Mission. Und ich setze mich für Süßkartoffeln mittels ihrer Farbe ein. Der Anbau dieses Gemüses ist ein machtvolles Instrument gegen den Hunger. Die Leute fragen mich, ob ich krank bin, wenn ich nicht orangefarben gekleidet bin.

 

 

Die Süßkartoffel machte Sie berühmt. 2016 haben Sie den World Food Prize gewonnen – für die Entwicklung des erfolgreichsten Beispiels nährstoff- und vitaminbezogener Biofortifikation – der orangenen Süßkartoffel. Warum hatten Sie sich als Agrarwissenschaftlerin für dieses Gemüse entschieden?

Als ich ein Kind war, hatte mein Vater einen kleinen Bauernhof in Cap Verde, wo wir ein paar Süßkartoffeln anpflanzten – sie sind sehr resistent gegen Trockenheit. Als ich also nach meinem Masterstudium in den USA in meine Heimat zurückkehrte und ein Pflanzprogramm für Gemüse starten wollte, wollte mein Vorgesetzter, dass ich mich auf Mais konzentriere. Ich schaute mich auf der Insel um und sagte: ‚Das hier ist eine Wüste, mit Mais werden Sie hier nichts erreichen.‘ Dann schlugen sie vor, dass ich mit Tomaten arbeite – aber wie macht man Leute satt mit Tomaten? Also kam mir die Idee mit der Zucht von Süßkartoffeln, weil sie sehr reichhaltig an komplexen Kohlenhydraten sind. Sie füllen den Bauch.

 

 

Machtvolles Instrument gegen den Hunger

Was fanden Sie heraus?

Sofort bemerkte ich, dass sie schnell wachsen, und dass sie leicht anzubauen sind; ich hatte mein Dissertationsprojekt entdeckt. Auch war ich tief beeinflusst von der amerikanischen Kultur gewesen: In den USA wird eine Menge mit Süßkartoffeln angestellt, es gibt sogar Festivals. In Afrika aber spielten Süßkartoffeln eine Nebenrolle.

 

 

Und was sagten die Leute, als Sie mit Ihren Süßkartoffeln ankamen?

Ich startete im Jahr 2001 ein Projekt in Mosambik. Kinder und Frauen waren mangelernährt, es fehlte ihnen an Vitaminen, und die UN verteilten dagegen Pillen. Und die Leute wussten nicht, dass die orangene Süßkartoffel viel Vitamin A in sich trägt. Wir begannen mit einer Marketing-Strategie, um die Menschen von den Vorteilen dieses Gemüses zu überzeugen. Wir kleideten uns in orangefarbenen Kleidern, erfanden Slogans und Theaterstücke – selbst mein Auto war in orange. Denn Bauern sind gegenüber Neuem zurückhaltend. Aber wir hatten Erfolg bei der Implantierung der Pflanze im Land und retteten viele Leben. Wir hatten sie biofortifiziert: Sie war noch resistenter gegenüber Trockenheit als sonst und beinhaltete mehr Vitamine als die traditionellen Sorten.

 

 

In vielen Fällen verlassen Ideen nicht die Labore. Warum ist es so schwierig sie zu realisieren?

Süßkartoffeln sind ein bescheidenes Gemüse. Die Menschen in Mosambik versteckten gemeinhin Süßkartoffeln, wenn sie sie aßen, weil die Knollen einen schlechten Ruf hatten: Ein Zeichen für Armut. Als Wissenschaftlerin hatte ich meine neu gezüchtete Pflanze bereitgestellt. Aber es war viel schwieriger andere davon zu überzeugen, dass sie die Süßkartoffel auch nutzen. Als ich in Mosambik ankam, sprach niemand über Süßkartoffeln. Heute gehören sie zum alltäglichen Essen.

 

 

Hintergrund: Biofortifikation

 
Biofortifikation ist die Anreicherung des Nährstoffgehalts von Nahrungsmitteln durch Pflanzenzucht. Wichtige Ziele sind die Erhöhung des Gehalts unter anderem an Mineralstoffen (Eisen, Zink und Calcium), essentiellen Fettsäuren, essentiellen Aminosäuren und Vitaminen. Die Biofortifikation kann mit klassischen Züchtungsmethoden oder mit grüner Gentechnik erreicht werden. Biofortifikation unterscheidet sich von herkömmlicher Fortifikation, weil die Anreicherung während des Wachstumsprozesses realisiert wird – und nicht nachträglich ins Essen gegeben wird.
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Dr. Maria Isabel Andrade während einer Festveranstaltung zur AGRA-Tagung in Berlin. © Frank Schultze/GIZ

Warum machen Sie bei AGRA mit?

Ich begann mein Engagement im Jahr 2011, weil ich an die landwirtschaftliche Transformation in Afrika glaube. AGRA ist eine afrikanische Organisation, geführt von Afrikanern. Da passiert eine Menge in Sachen Transformation…

 

 

… warum gibt es einen Bedarf an Transformation?

Die Landwirtschaft in Afrika liegt hauptsächlich in den Händen von Kleinbauern, ihre Produktivität ist sehr niedrig. Sie brauchen zum Beispiel gute Saat, welche aus der Forschung stammt. Und wenn Sie sich die so genannten Grünen Revolutionen anschauen, die es in Indien und in Fernasien gab, dann stoßen Sie auf den Einsatz von Düngemitteln, Bewässerung und Traktoren. Daran mangelt es in Afrika. Also greift AGRA ein, betrachtet das Saatgut, die Nachernteverluste, den Gebrauch von Dünger und die Finanzierungsmittel: Wir müssen unsere Wertschöpfungskette verbessern, um uns im Kontinent selbst ernähren zu können. Ist es nicht eine Schande, dass wir so viel Nahrung importieren müssen? Wir sind der Kontinent mit dem meisten anbaubaren Land und mit großen Massen arbeitsloser junger Leute.

 

 

Sie haben den Markt, das Land, die Jugend. Was fehlt?

Unsere Bauern sind keine Unternehmer. Wenn sich diese Mentalität ändert, wird Agribusiness Arbeitsplätze schaffen – und zwar durch Kleinbauern realisiert.

 

 

"Bauern wollen Unternehmer werden"

 

Was ist das Problem mit traditioneller Landwirtschaft?

Nehmen sie zum Beispiel den Klimawandel. Wegen immer selteneren Regenfällen brauchen die Bauern ein Saatgut, welches sich den neuen Bedingungen anpasst. Dafür ist ein breiterer Ansatz vonnöten: und zwar eine Kooperation zwischen Bauern, welche Zugang zu den Früchten von Forschung finden. All dies soll Teil einer Revolution sein, um eine wachsende Bevölkerung zu ernähren. Wir finden keinen anderen Planeten. Also müssen wir nachdenken und Dinge ändern.

 

 

Das ist keine exklusive Herausforderung allein für Afrika …

… nein, aber andere Kontinente können auch von uns lernen. Da wäre das Beispiel der Fleischproduktion, in Südamerika, in den USA oder in Europa: Viel Land wurde für dieses teure Ziel abgeholzt. Mit dem Wasser, welches man für die Produktion eines Kilogramms Fleisch braucht, lassen sich 300 Kilogramm Süßkartoffeln produzieren.

 

 

AGRA setzt auch auf den Gebrauch von Chemiedünger und Hybridsaatgut. Sehen Sie darin ein Problem?

Hybridsaatgut verursachte kein Problem, es vergrößerte nur die Produktivität. Und Chemiedünger bildete eine der Grundlagen für die Grünen Revolutionen in Indien und in Fernasien. Afrika ist der Kontinent mit dem geringsten Gebrauch von Düngemitteln. Bevor dies ökologische Bedenken auslöste, wäre ein langer Weg zu gehen. Dies könnte bei einem späteren Abschnitt passieren.

 

 

Wenn sich ein Bauer für Hybridsaatgut entscheidet, muss er es von Saison zu Saison neu kaufen. Begründet dies nicht die Bedrohung einer finanziellen Abhängigkeit, die vorher nicht existierte?

Vom neuen Saatgut kann der Bauer mehr Nutzen ziehen. Und wenn der Bauer es sich nicht leisten kann, macht er mit seinem alten Saatgut weiter.

 

 

AGRA fördert die Formalisierung von Saatgut in Gesetzesschrift. Ist dies nicht ein Risiko, dass Bauern von Märkten ausgeschlossen werden, wenn sie nicht mit dem neuen und formalisierten Gut arbeiten?

AGRA agiert nicht allein, sondern in Kooperation mit den Regierungen. Also wird nichts aus dem Nichts heraus geschehen. Und das System ist nicht so rigide. Wenn lokales Saatgut eine gute Qualität erbringt, wird es niemals ein Problem mit dem Verkauf geben. Bauern sind schlau. Sie übernehmen, was ihnen hilft. Sie wollen überleben. Nun wollen sie Unternehmer werden.

 

 

Frank Schultze / Agentur_ZS
Helfershelfer im Kampf gegen den Hunger: Kartoffeln auf einem afrikanischen Markt. © Klaus Wohlmann/GIZ

 

 

Über den Autoren

Jan Rübel

Jan Rübel ist Autor bei Zeitenspiegel Reportagen, Kolumnist bei Yahoo und Reporter für überregionale Zeitungen und Zeitschriften. Er studierte Islamwissenschaft und Nahostgeschichte.

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