„Sie haben gesagt: Du kannst das“

Als Präsidentin der Kooperative IABM in Muhanga hat Alphonsine Mukankusi nicht nur die Zahlen im Blick. Sie hat gelernt, mit Menschen umzugehen und Verantwortung zu übernehmen. Gleichzeitig ist die Arbeit für sie auch ein Stück Vergangenheitsbewältigung

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Alphonsine Mukankusi, 54, ist die Präsidentin der landwirtschaftlichen Kooperative IABM in Ruanda. © Karin Desmarowitz/Brot für die Welt

Von Martina Hahn

(c) Dennis Williamson
Porträt Martina Hahn

Martina Hahn ist Journalistin, Buchautorin und Politikwissenschaftlerin mit den Schwerpunkten Fairer Handel , Ernährungssicherheit und Entwicklungszusammenarbeit. Sie arbeitet als Redakteurin bei Brot für die Welt und als freie Autorin für Tageszeitungen und Magazine. Ihr Buch „Fair einkaufen – aber wie?“ (Verlag Brandes & Apsel) erscheint 2019 in 6. Auflage. Martina Hahn arbeitete zudem als Journalistenausbilderin zum Thema Konfliktberichterstattung und berichtete als Korrespondentin aus Peru, Kolumbien, Guatemala oder Washington DC.

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Brot für die Welt (BfdW) ist ein Hilfswerk der evangelischen Landeskirchen und Freikirchen in Deutschland. Es leistet Hilfe zur Selbsthilfe für die Arbeit von kirchlichen, kirchennahen und säkularen Partnerorganisationen.

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Wenn Alphonsine Mukankusi lacht – und das tut sie oft – dann ist sie zu sehen, die kleine Lücke zwischen den Vorderzähnen. Doch nicht nur ihr Lächeln nimmt die Menschen sofort für Alphonsine ein, sondern auch ihre Stimme, tief und ruhig, sowie ihr Blick, fest, klar, warm. Mit diesem Blick studiert sie die Besucher in ihrem kargen, sonnendurchfluteten Büro ebenso wie die Einträge in den dicken Ordnern neben sich auf dem Tisch. Einnahmen und Ausgaben, Bilanzen, Mitgliederdaten – Alphonsine hat Zahlen und Namen präsent. Sie muss es, denn die 54-Jährige ist Präsidentin der land wirtschaftlichen Kooperative IABM.

 

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Fortinue Uwizeyimana hält eine Schulung über Maisschädlinge für die Mitglieder der Kooperative.

In den vergangenen fünf Jahren ist nicht nur Alphonsine an ihrer Aufgabe gewachsen, sondern auch die Mais-Kooperative, die sie leitet: Sie zählt heute rund 800 Mitglieder, 100 davon sind Frauen. Unterstützt wird Alphonsines Kooperative von UGAMA, einer lokalen Partnerorganisation von Brot für die Welt in Ruanda. UGAMA hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Aufbau von Kooperativen zu stärken, um so möglichst effektiv das Leben der Bauernfamilien zu verbessern. Mit ihrer Arbeit erreicht die Organisation rund 220.000 Menschen.

 

 

„Es ist ein gutes Leben heute“, sagt Alphonsine. „Ein großer Unterschied zu früher.“

 

Gemeinsam bewirtschaften die Mitglieder von Alphonsines Kooperative das von der Regierung gepachtete Land, bauen darauf Mais und Soja an. Einen Teil der Ernte verkaufen sie, den Rest verteilen sie unter sich. Von ihrem Anteil hat Alphonsine zuletzt auf dem Markt Reis, Zucker, Öl, Früchte und ein bisschen Fleisch gekauft sowie ihre erste Stromrechnung bezahlt – ihr Haus hat seit Kurzem Elektrizität. „Es ist ein gutes Leben heute“, sagt Alphonsine. „Ein großer Unterschied zu früher.“

 

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Die Frauen unterstützen sich und arbeiten eng zusammen, hier beim Säubern ihrer Maisernte.

 

Früher, das sind für Alphonsine die Jahre vor 2007, bevor sie der Kooperative beitrat. „Es war eine schlimme Zeit für mich und meine Kinder.“ Wenn die schlanke, hochgewachsene Frau von damals erzählt, dann verliert ihre Stimme an Lebendigkeit, und aus ihrem Gesicht verschwinden das Lächeln und die kleine Zahnlücke. Fünf Jungs und drei Mädchen hat Alphonsine geboren. Sie war verheiratet, aber glücklich war sie nicht. Die Familie hatte eine Ziege, doch die Ziege gehörte dem Mann, ebenso wie das Stück Land hinter ihrer Hütte – und auch seine Frau betrachtete er als Besitz. „Ich hatte keinerlei Rechte“, sagt Alphonsine. Richtig satt wurden weder sie noch ihre Kinder. „Wir bauten zwar Kartoffeln, Maniok und Bohnen an, doch gereicht hat es vorne und hinten nicht.“  

 

Die Arbeit ist wie eine Therapie

 

Inzwischen ist der Mann aus ihrem Leben verschwunden. Und auch der Hunger. Seit sie Mitglied der Kooperative ist, essen Alphonsine und ihre Kinder gesund, findet sich täglich Gemüse auf ihren Tellern. Auch reicht das Geld für Kleidung und das Schuldgeld der drei Jüngsten, die heute fast schon erwachsen sind. Doch genauso wichtig wie das Einkommen und die Aufgaben durch die Kooperative ist für Alphonsine, dass sie durch die Gruppe ihre Unabhängigkeit und ihr Lächeln zurückgewonnen hat. Denn die Arbeit dort ist auch Therapie für sie. Und die Kooperative ein Ort der Versöhnung in einem Land, in dem sich vor 20 Jahren während eines Massakers selbst Nachbarn und Verwandte mit Macheten erschlugen, in dem binnen dreieinhalb Monaten fast eine Million Menschen umgebracht wurden und viele mehr bis heute traumatisiert sind.

 

Nach dem Genozid hat die gemeinsame Arbeit in der Kooperative Alphonsine wieder Hoffnung geschenkt, sie zurück ins Leben geführt. „Die Mitarbeitenden von CSC und meine Brüder und Schwestern in den Gruppen haben mir nach dem Bürgerkrieg einen Weg aus dem Leid gezeigt“, sagt sie und hält einen Augenblick inne. Alphonsine gelang es, mit anderen Frauen über das Erlebte zu sprechen. Gemeinsam um das Verlorene zu trauern. Sie lernten, sich in diesem tief gespaltenen Land wieder zu vertrauen und eine neue Gesellschaft aufzubauen. 

 

Alphonsine soll wieder kandidieren

 

„Heute“, sagt Alphonsine, „bin ich ein zuversichtlicher Mensch“. Dieses Selbstbewusstsein hat sie in der Kooperative gewonnen, zuerst auf dem Feld, später dann in ihrem Job als Präsidentin. „Die Leute von CSC haben gesagt: Du kannst das.“ Sie sagen es auch jetzt. Alphonsine soll erneut kandidieren. Sie wird die Wahl wohl gewinnen. Damit bleibt ihr Leben anstrengend. Termine, Treffen, Besprechungen, die Suche nach neuen Mitgliedern und jeden Morgen, früh, vor dem Büro, der Weg hinaus aufs Feld. Doch all das schreckt Alphonsine nicht. Im Gegenteil: Sie würde diese Aufgabe vermissen. Wie ihre Kinder. Fünf der acht haben bereits eine eigene Familie, das Haus leert sich langsam. Auch deswegen bleibt Alphonsine bei der Kooperative. Sie ist inzwischen wie ihre Familie. „Ich habe acht Kinder großgezogen. Ein paar hundert neue Mitglieder schrecken mich da nicht“, sagt Alphonsine, wirft ihren lila Schal über die Schulter und zeigt ihre reizende kleine Zahnlücke.

Ruanda: Praesidentin Mukankusi erhielt den Preis für gute Kooperativenleitung der Africa Farmer Organisation. © Karin Desmarowitz/Brot für die Welt

Ruanda: Frauen der Kooperative "IABM" beim Auflockern des Bodens in den gemeinsamen Maisfeldern. © Karin Desmarowitz/Brot für die Welt

Die Frauen der landwirtschaftlichen Kooperative "IABM" auf dem Nachhauseweg von den gemeinsamen Maisfeldern. © Karin Desmarowitz/Brot für die Welt

Alphonsine Mukankusi soll als Präsidentin erneut kandidieren. © Karin Desmarowitz/Brot für die Welt

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Martina Hahn ist Journalistin, Buchautorin und Politikwissenschaftlerin mit den Schwerpunkten Fairer Handel , Ernährungssicherheit und Entwicklungszusammenarbeit. Sie arbeitet als Redakteurin bei Brot für die Welt und als freie Autorin für Tageszeitungen und Magazine. Ihr Buch „Fair einkaufen – aber wie?“ (Verlag Brandes & Apsel) erscheint 2019 in 6. Auflage. Martina Hahn arbeitete zudem als Journalistenausbilderin zum Thema Konfliktberichterstattung und berichtete als Korrespondentin aus Peru, Kolumbien, Guatemala oder Washington DC.

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