Ohne Grund und Boden keine Entwicklung

Die liberianische Stadt Kinjor ist ein Paradebeispiel dafür, was passiert, wenn Landrechte nicht geschützt werden, und zeigt auf, was getan werden kann. Ein Schlagwort: Multi-Akteur-Partnerschaft

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Jetzt sind Änderungen notwendig, um ein System der Misswirtschaft unmöglich zu machen, das nur die Interessen der Eliten wahrt. © picture-alliance/Zentralbild

Von Roselyn Korleh

Roselyn Korleh ist die Beauftrage für Kommunikation, Strategie und Berichterstattung des vom BMZ (Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) geförderten Multi-Akteur-Partnerschaftsprojekts mit dem Titel „Land for Life - Making Policies Work for Food Security in Liberia (Land für Leben - Maßnahmen für Lebensmittelsicherheit in Liberia verwirklichen), in Zusammenarbeit mit der Rights&Rice-Foundation, einem nationalen Durchführungspartner der Welthungerhilfe.

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Von M. Sahr Nouwah

M. Sahr Nouwah hat Erfahrung mit Führung, kommunaler Entwicklung, Interessenvertretung und Empowerment. Als nationaler Projektleiter für zwei Projekte zum Thema Landrechte, die von der Europäischen Union und dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung unterstützt werden, setzt Sahr gemischte Methoden ein, einschließlich der Multi-Akteur-Partnerschaften und gesellschaftlich innovativer Ansätze, um Änderungen bei Landreformprozessen in Liberia herbeizuführen und dabei konstruktiven Dialog und Engagement zu nutzen.

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Welthungerhilfe (WHH)

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Kinjor ist eine kleine Stadt im Grand Cape Mount County im Nordwesten Liberias, ungefähr hundert Kilometer von der Hauptstadt Monrovia entfernt. Zu den angestammten Einwohnern von Kinjor gehören zwei Volksgruppen: die Gola, die als Landbesitzer bezeichnet werden, da sie das Land von ihren Ahnen geerbt haben, und die Vai, die als Siedler bezeichnet werden, da sie vor Jahren auf der Suche nach Gold ihre ursprünglichen Heimatdörfer verließen, um sich in Kinjor niederzulassen. Die Vai und viele andere Stämme, die in Kinjor leben, sind den Golas völlig ausgeliefert.

Edwin Saye lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in dieser Stadt. Er hat vor ca. 12 Jahren die Region Nimba County auf der Suche nach fruchtbarem Boden und Bodenschätzen verlassen.

 

Unabhängig davon, wie lange sie schon hier sind, bleiben Edwin und viele andere in Kinjor stets Fremde, ohne Hoffnung, jemals als Bürger der Stadt anerkannt zu werden. Edwins Kinder sind beide hier geboren. Dennoch wird ihnen und ihren Eltern das Landnutzungsrecht abgesprochen.

 

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Obwohl die Kinder von Edwin Saye erst elf und fünf Jahre alt sind, arbeiten sie täglich mit hrem Vater. © Land Rights Team/Welthungerhilfe

Wie viele andere lebt Edwin von der Landwirtschaft. Nach seinen Angaben ist ihm die Nutzung des Bodens untersagt und bedarf einer Genehmigung, für deren Erteilung eine Gruppe namens „The Land Administrators“ (Die Bodenverwalter) nicht näher spezifizierte Geldsummen einfordert. Aus den Worten einiger junger Männer des Dorfs ist zu entnehmen, dass man den Golas jedes Jahr ungefähr 2500 Liberianische Dollar, das entspricht in etwa 20 US-Dollar, zahlen muss, um Zugang zu einem Stück Land zu erhalten.

 

Edwin verriet uns auch, dass jene, die nicht genug Geld haben, um für ein Stück Land zu zahlen, mitten im Wald Landwirtschaft betreiben, wo man sie nicht einfach finden kann. Werden sie hierbei jedoch erwischt, müssen sie 5000 Liberianische Dollar (entspricht in etwa 40 USD) zahlen, oder es wird ihnen ihre Farm weggenommen. Aus diesem Grund würden viele Bewohner keinen landwirtschaftlichen Betrieb aufbauen, was das Leben für die Einwohner von New Kinjor so schwierig macht.

 

Edwin fügte hinzu, dass ihr Überleben vom Land und der harten Arbeit abhängt. Er lehrt seine Kinder, wie man eine Landwirtschaft betreibt und Bäume fällt, die dann verbrannt werden, um die Kohle zu erzeugen, die er verkauft. Obwohl seine Kinder erst 11 und 5 Jahre alt sind, arbeiten sie täglich mit Edwin und können bereits mit dem Buschmesser umgehen, wenngleich sie eigentlich in die Schule gehen müssten.

 

Wenn die Einwohner, vor allem Frauen, die festgelegten Gebühren nicht bezahlen können, verhandeln sie mit dem Stadtverwaltungsteam (einem 10-köpfigen Ausschuss, der von einem Doktoratsinhaber geleitet wird), um weiterhin den Boden nutzen zu dürfen. Zur Ernte wird dann ein gewisser Anteil (der nicht preisgegeben wurde) an das Verwaltungsteam abgeliefert.

 

 

In zahlreichen Ländern stellen die Landrechte seit vielen Jahren eine Konfliktquelle dar.

 

Diese Lage führt vor Augen, weshalb die Entwicklungsbemühungen nicht nur auf die Erhöhung der Ernährungssicherheit durch eine bessere landwirtschaftliche Produktion abzielen dürfen. Die zugrunde liegenden sozialen Strukturen, und insbesondere die Landrechte, müssen ebenfalls berücksichtigt werden, damit die Maßnahmen erfolgreich und nachhaltig sind.

 

In zahlreichen Ländern stellen die Landrechte seit vielen Jahren eine Konfliktquelle dar. Die traditionellen Konzepte des Grundbesitzes sind von Region zu Region verschieden und oft nicht einfach mit der neueren Gesetzgebung über Bodenrechte in Einklang zu bringen. In vielen afrikanischen Regionen werden die ländlichen Bodenrechte nicht schriftlich festgehalten. Außerdem ist der Landbesitz oft Gegenstand von mehreren, sich überschneidenden Ansprüchen und laufenden Debatten über die Legitimität dieser Ansprüche sowie deren Auswirkung auf die Bodennutzung und Erlösaufteilung. Durch das Auftreten neuer Akteure (wie z. B. internationaler Agrarinvestoren, die große Landstriche verpachten) wird zusätzliches Konfliktpotenzial geschaffen. In Liberia sind die Agrarkonzessionen, oft für Palmöl und Gummi, im letzten Jahrzehnt stark gestiegen und decken nun geschätzte 40 % der verfügbaren landwirtschaftlichen Nutzfläche. Diese Entwicklung führte in manchen Regionen bereits zu gewalttätigen Auseinandersetzungen.

 

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Die Kleinstadt Kinjor liegt im Nordwesten Liberias, rund hundert Kilometer von der Hauptstadt Monrovia entfernt. © Land Rights Team/Welthungerhilfe

 

Edwin ist ein tüchtiger Bauer, seine Produktionsmenge ist jedoch gering. Es gibt keinen Anreiz für ihn, in das Land zu investieren, da seine Ertragsansprüche ungewiss sind.

 

Seine Situation könnte sich verbessern, wenn ihm ein sicherer Zugang zum und mehr Kontrolle über das Land eingeräumt wird. Angesichts der Komplexität der Grundbesitzsysteme und der verschiedenen Kräfte, die eine Rolle spielen, kann nur ein transparenter sozialer Dialog, an dem alle relevanten Akteure teilnehmen, zu einer nachhaltigen Veränderung für die Landnutzer führen, einschließlich Frauen und Kinder, Landbesitzer, traditioneller Behörden, der Staatsverwaltung und der Agrarindustrie.

 

Für Leute wie Edwin hängen das Überleben und die Verbesserung des Lebensstandards vom Boden ab.

 

Grund und Boden ist für die nationale Entwicklung und somit auch für die politischen Akteure von großer Bedeutung. Außerdem stellt der Boden ein wertvolles Wirtschaftsgut dar, was seine Verwaltung anfällig für die Korruption macht, besonders in Ländern mit schwachen staatlichen Strukturen. In Afrika gibt jeder zweite an, für Dienstleistungen im Zusammenhang mit Grund und Boden bereits Schmiergeld bezahlt zu haben (Transparency International 2013). Dies bedeutet auch, dass weniger einflussreiche Personen das Opfer jener werden können, die bestimmte Ansprüche geltend machen. Für Leute wie Edwin hängen jedoch das Überleben und die Verbesserung des Lebensstandards vom Boden ab. Die Landrechte und die Landverwaltung stehen im Mittelpunkt der ländlichen Entwicklung, einschließlich der Ernährungssicherheit und der Landwirtschaft.

 

Angesichts der Komplexität und Dynamik des Problems könnten Multi-Akteur-Partnerschaften (MAP) eine mögliche Lösung darstellen. Dieser Ansatz wird von der Internationalen Landkoalition, der deutschen NGO Welthungerhilfe und von afrikanischen zivilgesellschaftlichen Partnern wie der liberianischen NGO Rights and Rice Foundation (Stiftung für Rechte und Reis) seit mehreren Jahren unterstützt. Diese MAP beziehen alle maßgeblichen Akteure in einen konstruktiven, interaktiven Dialog ein, der auf den Menschenrechten beruhenden Werten wie der Transparenz und Nichtausgrenzung beruht. Ausgehend von einer gemeinsamen Analyse der Situation und einem gemeinsam festgelegten Ziel sind diese MAP geeignet, Missbräuchen Einhalt zu gebieten, einen würdevollen Rahmen zu schaffen und allen mehr Möglichkeiten einzuräumen. Die Akteure müssen verstehen, warum Edwin Nahrung verstecken muss und seine Kinder nicht in die Schule gehen können.

 

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Ma Sando Wilson ist die die Ehefrau von Edwin Saye. © Land Rights Team/Welthungerhilfe

Angesichts der existierenden Machtgefälle muss besonders darauf geachtet werden, dass bei solchen Foren legitime Vertreter der Zivilgesellschaft maßgeblich beteiligt sind.

 

Eine Möglichkeit besteht auch darin, die Landwirte in Kinjor gesetzlich dazu zu verpflichten, einen bestimmten Anteil an einen lokalen Entwicklungsfonds zu zahlen, um eine bessere Ausbildung zu erhalten, Mehrwertprodukte von Händlern zu kaufen und mit ihren Beiträgen zusätzliche Ausbildungen zu finanzieren.

 

In den letzten viereinhalb Jahren kämpfte Liberia um das Inkrafttreten des Gesetzesentwurfs über Landrechte und setzte sich für ein Gesetz ein, das die Dezentralisierung und Entwicklungsplanung unterstützt, insbesondere hinsichtlich der Menschen mit gewohnheitsmäßigen Landnutzungsrechten. Am 23. August 2018 verabschiedete der liberianische Senat das Gesetz über die Landrechte, welches das zuvor vom Repräsentantenhaus verabschiedete Gesetz abänderte, entsprechend den Anforderungen der zivilgesellschaftlichen Organisationen, Gemeinden und anderen Stakeholdern hinsichtlich des vorausgehenden Gesetzes aus dem Jahr 2017. Nach dieser Gesetzesverabschiedung werden nun der Senat und die Ausschüsse zusammentreten und sicherstellen, dass das Repräsentantenhaus befürwortet, was vom Senat verabschiedet wurde. Anschließend wird das Gesetzt dem liberianischen Präsidenten zur Genehmigung vorgelegt.

 

Konkrete Maßnahmen sind erforderlich, um ein System der Misswirtschaft, das nur die Interessen der Eliten wahrt, unmöglich zu machen.

 

Das Beispiel von Edwins Fall führt jedoch die Herausforderungen vor Augen, welche bei der Umsetzung eines solchen neuen Gesetzes bewältigt werden müssen. Wenn wir dem Hunger in der Welt ein Ende bereiten wollen, müssen wir die lokalen Realitäten von Edwin und seinesgleichen sorgfältig analysieren. Anschließend sind konkrete Maßnahmen erforderlich, um ein System der Misswirtschaft, das nur die Interessen der Eliten wahrt, unwahrscheinlich und unmöglich zu machen. Über ein Jahrhundert lang war Liberia Eliten ausgeliefert, ohne dass dies in der Weltöffentlichkeit große Beachtung gefunden hätte. Dies führte zu gravierenden Versäumnissen, was wiederum die Bürger dazu zwang, ebenfalls korrupt zu werden. Es wurde nicht bedacht, dass darunter letztendlich die gesamte Nation leidet und die Bürger weiterhin den Preis dafür zahlen.

 

Die Schaffung politischer Räume für einen gesellschaftspolitischen Dialog würde Edwin und anderen die Möglichkeit bieten, ihre Schwierigkeiten kundzutun. Es ist auch eine Chance für die Regierung, sich über die Herausforderungen zu informieren, mit denen die Landwirte konfrontiert sind. Und die Agrarindustrie kann eine allgemeine Beurteilung über die Beschäftigung, die angebotenen Dienstleistungen und die notwendigen Investitionsbedingungen abgeben. Auf diese Weise können sich Dialogforen zu Multi-Akteur-Partnerschaften entwickeln, die auf einer gemeinsamen Vision einer verbesserten Landverwaltung beruhen, die den Interessen aller dient und diese vereint.

Über den Autoren

M. Sahr Nouwah

M. Sahr Nouwah hat Erfahrung mit Führung, kommunaler Entwicklung, Interessenvertretung und Empowerment. Als nationaler Projektleiter für zwei Projekte zum Thema Landrechte, die von der Europäischen Union und dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung unterstützt werden, setzt Sahr gemischte Methoden ein, einschließlich der Multi-Akteur-Partnerschaften und gesellschaftlich innovativer Ansätze, um Änderungen bei Landreformprozessen in Liberia herbeizuführen und dabei konstruktiven Dialog und Engagement zu nutzen.

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