Grenzenlose Ernährungssicherheit

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Können Kleinbauern ihre Waren über Regionen und Grenzen hinweg handeln, fördert dies die Ernährungssicherheit und das Wirtschaftswachstum. Und obwohl alle genau das fordern, hapert es noch an der Umsetzung

Ich bin ein Alternativtext
Der Tumbasee im Nordwesten der Demokratischen Republik Kongo: Ein Fischer wirft sein Netz aus. © Christoph Püschner/Brot für die Welt

Von Christine Wieck

(c) Dennis Williamson

Prof. Dr. Christine Wieck lehrt und forscht seit Februar 2018 an der Universität Hohenheim, an der sie das Fachgebiet Agrar- und Ernährungspolitik leitet. Sie ist ist Mitglied der Task Force Rural Africa, einer unabhängigen Expertengruppe der Europäischen Union.

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Nicht erst seit der Malabo-Erklärung ist der regionale Agrarhandel hoch auf der Agenda der afrikanischen Staaten. Die afrikanischen Staaten erklärten darin, dass sie bis zum Jahr 2025 den innerafrikanischen Agrarhandel verdreifachen wollen. Auch die kürzlich erzielte politische Einigung über die Gründung einer kontinentalen afrikanischen Freihandelszone macht Hoffnung, dass die regionale Integration in Afrika vorankommt. Denn der Handel mit Agrarprodukten ist ein wichtiger Baustein, um Einkommen für die meisten Kleinbäuerinnen und Kleinbauern und die Agrar- und Ernährungswirtschaft zu generieren.

 

Der regionale Handel mit Agrarprodukten, das heißt der Handel zwischen Nachbarländern oder innerhalb einer Region wie Westafrika, hilft, saisonale Produktionsschwankungen und regionale Engpässe aufgrund von Wetterextremen und Klimaentwicklungen auszugleichen.  Damit erhöht der regionale Handel mit Agrarprodukten die Verfügbarkeit und Vielfalt von erhältlichen Lebensmitteln und trägt dazu bei, die Preisvolatilität zu senken und Nahrungsmittel erschwinglich zu halten. Das hilft, um die Globalen Nachhaltigkeitsziele zu erreichen, Hunger und Mangelernährung zu beseitigen und die Lebens- und Einkommensperspektiven in den ländlichen Regionen zu stärken. Allgemein gilt, dass der Handel mit Agrarprodukten stattfindet, wenn sich Käufer und Verkäufer auf Menge, Preis und Qualität eines Produktes einigen können.

 

Gerade in den küstennahen Regionen ist es oft günstiger, Agrarprodukte zu importieren.

 

Gerade im Bereich des Handels mit Grundnahrungsmitteln gibt es hier noch viele Entwicklungsmöglichkeiten, aber auch große Herausforderungen. Der regionale Agrarhandel mit Grundnahrungsmitteln ist, im Gegensatz zu dem Handel mit „cash-crops“ die meistens für den Export bestimmt sind, überwiegend kleinstrukturiert, oft informell und oft durch große Herausforderungen bei Transport und Grenzübertritt geprägt. Zusammen mit der leichten Verderblichkeit vieler Produkte, mangelnder Verpackungsmöglichkeiten und mangelnder Kühltechnik führt dies dazu, dass potentiell attraktive Handelsgeschäfte zwischen Käufer und Verkäufer oft nicht zustande kommen und Verluste während des Transports auftreten. Daher ist es gerade in den küstennahen Regionen oft günstiger, Agrarprodukte zu importieren. Dies zeigt sich auch daran, dass gerade der regionale Agrarhandel in Afrika bisher nicht die Wachstumsraten erzielt, die man im Vergleich zu den regionalen Agrarhandelsentwicklungen in anderen Regionen der Welt erwartet hätte.

 

So sind laut einer Untersuchung des International Food Policy Research Institute (IFPRI) zum Beispiel in der westafrikanischen Wirtschaftsregion ECOWAS nur sechs Prozent der regional gehandelten Agrarprodukte gemessen am Wert der Produkte auch in den ECOWAS-Ländern produziert worden. Der Rest der regional gehandelten Agrarprodukte wurde aus anderen Ländern der Welt oder Afrikas importiert. Für die Handelszone COMESA in mittleren und südlichen Afrika sehen die Zahlen etwas besser aus mit einem Anteil von in der Region hergestellten Agrarprodukten von 20 Prozent im regionalen Handel und für südafrikanische SADC liegt dieser Wert bei annähernd 42 Prozent. Aber auch hier ist das noch weniger als die Hälfte der gehandelten Produkte.

 

Die Handelskosten für Agrargüter in Entwicklungsländern sind im Durchschnitt zweimal so hoch wie für verarbeitete Güter.

 

Im Durchschnitt über Afrika hinweg werden, gemessen am Produktwert,15 Prozent der Agrarprodukte regional in Afrika gehandelt, der Rest wird hauptsächlich nach Europa und andere IL und SL exportiert. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch eine Studie der Weltbank von 2011. Sie besagt, dass nur circa fünf Prozent des Getreides, das von afrikanischen Ländern importiert wird, auch in Afrika produziert wird. Diese sehr geringen Handelsmengen hängen stark mit den immer noch sehr hohen Handelskosten für Agrargüter zusammen. So zeigt eine gemeinsame Studie von OECD und WTO, dass die Handelskosten für Agrargüter in Entwicklungsländern im Durchschnitt zweimal so hoch sind wie für verarbeitete Güter.

 

Christoph Püschner/Brot für die Welt
In der Hauptstadt Lomé in Togo werben große Tafeln für importierte Lebensmittel. © Christoph Püschner/Brot für die Welt

Es sind aber nicht nur die Kosten für den grenzüberschreitenden Handel hoch, sondern auch die Handelskosten im Inland bis hin zum Produzenten sind oft extrem. 50 Prozent der nicht-tarifären Maßnahmen, die oft verbunden sind mit (Handels-)Kosten, sind innerhalb eines des Landes angesiedelt. So zeigt zum Beispiel der Bericht der Weltbank, dass für einen LKW mit Grundnahrungsmitteln der Grenzübertritt zwischen Chad und Niger so viel kostet, wie eine zusätzliche Transportstrecke von 600 Kilometern. Allerdings betont der Bericht auch, dass die „erste Meile“ oft die kostenträchtigste ist: nämlich der Transport vom Kleinbauern zum nächsten Markt. Gerade die Infrastruktur in den ländlichen Gebieten, das heißt den Produktionsgebieten für Agrargüter, ist oft noch sehr schlecht ausgebaut – dies erhöht die Transportkosten, erhöht Verluste auf dem Transport und verhindert die Anbindung der landwirtschaftlichen Produktionsgebiete an die urbanen Regionen und Städten, in denen die Nachfrage steigt. Dies müssen noch nicht mal die oft zitierten „Megastädte“ sein, sondern auch in kleinen und mittleren Städten wächst die Nachfrage nach Lebensmitteln kontinuierlich.

 

Nicht nur der Transport innerhalb eines Landes bedarf der Beachtung, sondern auch im grenzüberschreitenden Handel zwischen benachbarten Regionen gibt es noch viele Hindernisse.

 

Neuere Schätzungen von IFPRI, OECD und Forschungsinstitutionen zeigen, dass auch in afrikanischen Ländern die Haushalte mittlerweile circa die Hälfte der Lebensmittel in Geschäften kaufen. Daher ist die Marktanbindung und funktionierende Infrastruktur so wichtig. Aber nicht nur der Transport innerhalb eines Landes bedarf der Beachtung, sondern auch im grenzüberschreitenden Handel zwischen benachbarten Regionen gibt es noch viele Hindernisse. In diesem Zusammenhang kommt dem regulativen und administrativen Rahmen eine besondere Bedeutung zu. Handelserleichternde Maßnahmen, die Zollabfertigung, Veterinärkontrollen an der Grenze und die Harmonisierung von Regeln für den Handel mit Lebensmitteln, sind wichtig, um zur Förderung des regionalen Agrarhandels beizutragen. Das World Food Programm ist einer der wichtigsten Händler für Grundnahrungsmittel in Westafrika. In der Praxis bestehen allerdings große Probleme, die oftmals notwendigen Exportgenehmigungen oder Qualitätszertifikate zu erhalten. Dies führt zu zeitlichen Verzögerungen und hohen Transaktionskosten.

 

Korruption und Bestechung verursachen massive Transaktionskosten für Händler.

 

In Sambia muss jedes Fahrzeug, das Agrarprodukte geladen hat, über eine Genehmigung verfügen, die sechs US-Dollar kostet. Um die Genehmigung zu erhalten, muss der Händler zudem weitere gültige, zum Beispiel phytosanitäre Zertifikate vorlegen, die oftmals willkürlich erteilt werden. Korruption und Bestechung verursachen daher massive Transaktionskosten für Händler. Veranschaulicht wird dieses Problem durch ein anekdotisches Beispiel von der kongolesischen Grenze. Demzufolge musste ein Händler für den Handel mit Eiern 1500 kongolesische Francs und vier Eier an Bestechungsgeldern zahlen, bis er alle Zertifikate und Genehmigungen hatte, um seine Waren exportieren zu dürfen. Kleinhändler machen in den meisten Fällen den Großteil des informellen Handels aus. Das hat gute Gründe. Im Grenzgebiet zwischen Sambia und der Demokratischen Republik Kongo zahlen informelle Kleinhändler 40 Prozent mehr Schmiergeld pro Tonne gehandelter Ware als Großhändler.

 

Eine Studie der Weltbank hat festgestellt, dass diese Kleinhändler 76 Prozent mehr als die Großhändler an Zollkosten zahlen würden, wenn sie am formellen Handel teilnähmen. Dies zeigt, dass für Kleinhändler praktisch kein wirtschaftliches Interesse besteht, in den formellen Handel überzutreten. In einem anderen Fall wurde analysiert, welche Kosten die fehlende Harmonisierung von SPS-Regeln (SPS = sanitary and phytosanitary measures, als gesundheitliche und pflanzenschutzrechtliche Maßnahmen) verursachen. Schätzungen gehen davon aus, dass dies die Kosten für Grundnahrungsmittel in Afrika um 13 bis 15 Prozent erhöht.  Alle diese Beispiele zeigen, dass der regionale Agrarhandel mit vielen Problemen konfrontiert ist, die die Wettbewerbsfähigkeit von regionalen Produkten verringern und die Verfügbarkeit einschränken.

 

Von daher sind die politischen Erklärungen zur Förderung des regionalen und innerafrikanischen Handels sehr zu begrüßen, während es in der Praxis und an den afrikanischen Grenzübergängen noch viel zu tun gibt.

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Christine Wieck

(c) Dennis Williamson

Prof. Dr. Christine Wieck lehrt und forscht seit Februar 2018 an der Universität Hohenheim, an der sie das Fachgebiet Agrar- und Ernährungspolitik leitet. Sie ist ist Mitglied der Task Force Rural Africa, einer unabhängigen Expertengruppe der Europäischen Union.

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