Für eine neue Partnerschaft

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Man könnte sagen, dass Europa und Afrika eine Schicksalsgemeinschaft sind, oder aber: großartige Partner. So sieht der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler das und fordert: Chancen nutzen!

Ich bin ein Alternativtext
Horst Köhler unterstützt die Kampagne "Dein Tag für Afrika". © picture-alliance/dpa

Von Horst Köhler

(c) Dennis Williamson

Prof. Dr. Horst Köhler war von 2004 bis 2010 deutscher Bundespräsident. Zuvor war er Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, Präsident des Sparkassen- und Giroverbandes und der EBRD sowie geschäftsführender Direktor des IWF.

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„Afrika hat eine Vision“

Es gibt derzeit in der öffentlichen Diskussion, in Medien und Politik, eigentlich weiterhin nur zwei Geschichten, die über Afrika erzählt werden: die eine ist eine Geschichte des Leids, die Mitleid hervorruft, also das uns vertraute Afrika des Hungers, der Armut und der Kriege.

 

Die andere ist eine Geschichte der Bedrohung, die Angst hervorruft; im Grunde auch dies ein jahrhundertealtes Motiv der Furcht vor dem schwarzen Mann, der Europa überrennt, das jetzt im Zuge der alles dominierenden Migrationsdebatte wieder stark wird.

 

Beide Diskurse, der des Mitleids und der der Angst, verengen unseren Blick auf die afrikanische Wirklichkeit, sie reduzieren unseren Nachbarkontinent auf seine Beziehung zu Europa, und sie produzieren Lösungen, die ebenso verengt und damit irreführend sind.

 

Viele afrikanische Politiker sagen mir in diesen Monaten leicht entnervt: „Ihr Europäer wollt mit uns nur noch über Migration reden“; und damit meinen sie nicht, dass Migration kein wichtiges politisches Thema wäre, sondern dass die afrikanisch-europäiische Zusammenarbeit so viel mehr leisten kann und leisten muss als nur die Eindämmung von Migration. Wenn jedes Problem ein Nagel ist, wird nur noch mit dem Hammer gearbeitet, dabei ist die afrikanische Werkzeugkiste sehr viel bunter und die Herausforderungen, aber auch die Chancen, vielfältiger als es uns die sehr eindimensionale Migrationsdebatte glauben macht.

 

Der afrikanische Kontinent trägt nicht nur viele schlimme Folgen des von den anderen Kontinenten verursachten Klimawandels, sondern kann auch für seine Bekämpfung eine entscheidende Rolle spielen.

 

Afrika ist wichtig und wird immer wichtiger, es ist wichtig aus politischer Sicht, aus wirtschaftlicher Sicht, aus ökologischer Sicht, zunehmend auch aus kultureller Sicht. Afrika hat einen gigantischen Ressourcenreichtum, von dem der Rest der Welt schon lange und die eigene Bevölkerung noch skandalös wenig profitiert. Afrika verfügt über sechzig Pozent der noch nicht bewirtschafteten Agrarflächen dieses Planeten. Afrika und seine Wälder, Wüsten, Meere sind für das globale Ökosystem von enormer Bedeutung. Der afrikanische Kontinent trägt nicht nur viele schlimme Folgen des von den anderen Kontinenten verursachten Klimawandels, sondern kann auch für seine Bekämpfung eine entscheidende Rolle spielen. Und schließlich hat Afrika eine Bevölkerung, die so rasant wächst und so jung ist, dass sie zu einem ökonomischen und sozialen Faktor auf diesem Globus geworden ist, den niemand weiter ignorieren kann.

 

Die Bevölkerung wird sich bis ins Jahr 2050 wohl verdoppeln auf 2,5 Milliarden Menschen - dann werden etwa 25 Prozent der Weltbevölkerung Afrikaner sein, nur etwa fünf Prozent Europäer. Dann wird einer alternden europäischen Gesellschaft die größte Jugendbevölkerung in der Geschichte der Menschheit gegenüber stehen: auf unserem Nachbarkontinent sind schon heute die Hälfte aller Menschen jünger als 18 Jahre. In Deutschland liegt das Median-Alter bei etwa 47. Die gegenwärtige Zeit der Destabilisierung und des Konflikts in der Weltpolitik, die Debatten um Migration, Terrorismus, Kapitalismus, Demokratie und so weiter, sie geben uns eine Vorahnung dessen, was diese gigantischen demographischen Umbrüche für das globale Zusammenleben bedeuten können.

 

Global lernen, lokal aufbauen

Christoph Püschner/Zeitenspiegel
Westafrika, Niger: Spielende Kinder in einem kleinen Dorf nahe der Distrikthauptstadt Kollo. Auf unserem Nachbarkontinent sind schon heute die Hälfte aller Menschen jünger als 18 Jahre. © Christoph/Püschner/Zeitenspiegel

 

Für mich steht fest: Der Jugend Afrikas Perspektiven zu geben, das ist eine der größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Hier wächst eine Macht heran, mit der zu rechnen ist, im Guten wie im Schlechten. Ich sage bewusst „Macht“ – weil ich glaube, dass genau das die richtige strategische Kategorie ist, mit der wir auf diese globale Herausforderung blicken sollten; genauso, wie wir auch den Aufstieg Chinas oder die Digitalisierung als neue Machtfaktoren in der Weltpolitik begreifen.

 

Was da helfen kann, ist eine Partnerschaft und ich möchte in wenigen Pinselstrichen skizzieren, wo für mich wichtige Ansatzpunkte einer solchen echten Partnerschaft liegen.

 

Afrikas Jugend ist hungrig auf Bildung, nach Perspektiven, auch nach politischer Partizipation.

 

Erstens: Der stärkste Motor von Entwicklung ist die Bildung. Afrikas Jugend ist hungrig auf Bildung, nach Perspektiven, auch nach politischer Partizipation, und wir sollten diesem Hunger nicht mit Kleingeistigkeit und Angst, sondern mit Offenheit und Großzügigkeit begegnen. Deutschland hat hier insbesondere mit seinem dualen Berufsbildungssystem oder auch den Fachhochschulen viel anzubieten. Die Möglichkeiten, praktische Bildung nach Afrika zu bringen, sind quasi unbegrenzt. Die Gründung eines Gemeinschaftswerks der Deutschen Wirtschaft für die Förderung der Berufsausbildung in Afrika, oder auch ein Deutsches Technik-Institut in Afrika, könnte dafür einen Leuchtturm setzen. Bieten wir darüber hinaus mehr jungen Leuten aus Afrika die Möglichkeit, für eine Zeit zu uns nach Deutschland und Europa zu kommen, zu lernen, zu studieren, zu forschen! Lasst uns massiv die deutschen und europäischen Austauschprogramme ausbauen und die Stipendienmöglichkeiten hochfahren!

 

Was wir brauchen, so hat mir das mal ein Student in einer Diskussion an der Universität Kumasi in Ghana gesagt, ist nicht „brain drain“, der die besten Talente aus den afrikanischen Ländern abzieht, sondern „brain circulation“, also eine Offenheit für eine neue Generation von Anpackern, die global lernen wollen, um dann lokal ihr Land mit aufzubauen. Lassen wir uns um Gottes willen nicht von der Flüchtlingsdebatte davon abhalten, auf allen möglichen Wegen Bildungsperspektiven für die afrikanische Jugend zu schaffen, in Afrika und in Europa. Übrigens verstehe ich wirklich nicht, wieso Deutschland auch im Jahr 2018 immer noch kein modernes Einwanderungsgesetz auf die Reihe kriegt. Dabei wäre das ein enorm wichtiger Schritt, um Ruhe und Richtung in unsere Migrationspolitik zu bekommen. Es wäre auch ein richtiges Signal nicht zuletzt nach Afrika, dass wir zwischen Asyl und Migration zu unterscheiden wissen, und dass wir uns nicht einigeln, aber unsere Offenheit zu unseren Bedingungen gestalten.

 

Zweitens: Die deutsche Wirtschaft mit ihrer starken industriellen Kompetenz ist der geborene Partner für Afrika, um dort die notwendige Diversifikation und Transformation der afrikanischen Volkswirtschaften voranzubringen. Ich freue mich, dass die deutsche Wirtschaft in Industrie und Handwerk zunehmend das enorme Wachstumspotenzial des afrikanischen Kontinents erkennt. Ich wünschte mir von ihr auch eine besondere Kreativität, afrikanische Standorte in globale Wertschöpfungsketten zu integrieren. Dabei kann vor allem auch unser Mittelstand mit seiner Philosophie der lokalen Verwurzelung und sozialen Verantwortung eine wichtige Rolle spielen. Für eine kraftvolle strategische Wirtschaftspartnerschaft mit Afrika muss aber auch der Staat mehr Flagge zeigen durch einen mutigeren und flexibleren Einsatz von Finanzierungs- und Garantieinstrumenten. Dabei sollte nicht einfach die Exportförderung, sondern insbesondere auch die Absicherung von Eigenkapitalinvestitionen des Mittelstandes verbessert werden, die vor Ort Arbeitsplätze schaffen. Ich glaube, dass der „Compact with Africa“, den die Bundesregierung letztes Jahr mit ihrer G20-Präsidentschaft angestoßen hat, einen neuen, nachhaltigen Impuls bewirken kann – wenn er die Verbesserung des Investitionsklimas in ausgewählten afrikanischen Ländern auch verzahnt mit der Verbesserung der Förderinstrumente bei uns. Ich hoffe sehr, dass diese Initiative nicht versandet und die neue Bundesregierung bei der Umsetzung des Compacts jetzt Tatkraft und Ehrgeiz zeigen wird.

 

Drittens: Europa muss endlich begreifen, dass es sich in einer Schicksalsgemeinschaft mit Afrika befindet. Das verlangt, dass es seine Agrar-, Industrie- und Handelspolitik überprüft auf die Frage hin, was in Afrika wirklich Arbeitsplätze schafft. Damit die afrikanischen Volkswirtschaften fähig werden, mehr ihrer eigenen Rohstoffe zu verarbeiten, halte ich es für berechtigt, dass afrikanische Regierungen einen zeitlich begrenzten Schutz für den Aufbau entsprechender infant industries fordern. Europa muss im eigenen Interesse eine positive Antwort darauf finden und darf sich nicht von den Besitzstandswahrern in seinen Reihen bremsen lassen. Mir leuchtet auch die Idee grenzüberschreitender Sonderwirtschaftszonen in Afrika ein, die sich mit klaren Governance-Regeln zu regionalen Hubs entwickeln können.

 

Mein vierter Punkt ist kein ökonomischer, sondern eher ein kultureller: Legen wir unsere Arroganz gegenüber Afrika ab, lernen wir mehr über seine Geschichte, seine Wirklichkeit, seine Kultur. Lernen wir zu differenzieren. Und lernen wir mehr von Afrika. Dieser Kontinent verdient die volle Aufmerksamkeit unserer klügsten Köpfe, er verdient Reisen und Dialoge noch viel stärker als bisher. Und er verdient einen gegenseitigen Lernprozess, ein übereinander, voneinander lernen. Ich bin übrigens davon überzeugt, dass wir in diesem Prozess auch uns selbst besser verstehen lernen – was es bedeutet, Europäer zu sein, deutsch zu sein in dieser Welt der gegenseitigen Abhängigkeiten.

 

Wir dürfen diese Asymmetrien nicht verschleiern, sondern müssen sie produktiv nutzen.

 

Zwischen Europa und Afrika gibt es ganz offensichtliche Asymmetrien, politische und ökonomische. Ich glaube, der Schlüssel für eine echte, strategische Partnerschaft zwischen beiden Kontinenten ist: Wir dürfen diese Asymmetrien nicht verschleiern, sondern müssen sie produktiv nutzen. Ich sehe dafür zwei große Ansatzpunkte: Wir können sie erstens dadurch nutzen, dass wir stärkere Finanzbrücken bauen zwischen den alternden, sparstarken Gesellschaften des Nordens und den jungen, investitionshungrigen Gesellschaften des Südens. Zweitens können wir die Asymmetrien fruchtbar machen – und auch das ist nicht mehr nur ein ökonomischer, sondern fast schon ein kultureller Punkt – wenn wir unsere eigenen Wachstumsvorstellungen in Beziehung setzen zum dringend benötigten Wachstum in Afrika, dem dortigen Wachstum also ökologischen und ökonomischen Raum geben durch eine andere Art des Wirtschaftens, des Produzierens und Konsumierens bei uns. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass das kein Verzichtsszenario ist, sondern im Gegenteil ganz neue Wohlstandsenergien bei uns freisetzen wird, jenseits des materiellen und letztlich selbstzerstörerischen „Immer Mehr“.

 

Warum wagen wir es nicht, die Vision eines wahrhaft globalen Sozialkontrakts zu denken? Allen, denen das eine Nummer zu groß ist, sage ich: Machen wir uns nichts vor - die Migrationsbewegungen der letzten Jahre, von denen wir in Europa bisher lediglich die Ausläufer gespürt haben, sind kein geschichtlicher Ausrutscher, sondern Boten einer neuen Zeit, in der die krassen Wohlstandsunterschiede zwischen den Ländern von einer unruhigen und wachsenden Jugend im Süden nicht länger akzeptiert werden. Es ist möglich, dieser Jugend Perspektiven zu eröffnen. Die wirtschaftliche Transformation Afrikas kann aber nur in Wechselwirkung mit einer strukturellen Transformation Europas gelingen.

 

Dabei geht es um Themen wie Digitalisierung, Globalisierung, Klimawandel, globale Ungleichheit, Zukunft des Kapitalismus. All diese Herausforderungen schreien nach einer strukturellen Transformation, einem Neudenken der Beziehungen zwischen Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, im Norden wie im Süden, im Osten wie im Westen. In diesen großen globalen Transformationskontext müssen wir auch unsere Afrikapolitik einordnen.

 

Der Text ist eine gekürzte Fassung der Rede „Afrika hat eine Vision“, die Bundespräsident a.D. Horst Köhler beim Symposium „Zukunftswerte: Verantwortung für die Welt von morgen“ am 9. April in Hamburg hielt. Die vollständige Rede finden Sie auf der persönlichen Website von Bundespräsident a.D. Horst Köhler unter www.horstkoehler.de

 

Über den Autoren

Horst Köhler

(c) Dennis Williamson

Prof. Dr. Horst Köhler war von 2004 bis 2010 deutscher Bundespräsident. Zuvor war er Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, Präsident des Sparkassen- und Giroverbandes und der EBRD sowie geschäftsführender Direktor des IWF.

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