Ideenreich gegen den Hunger

Von

Der Klimawandel bringt in Äthiopien das Klima durcheinander. Die Antwort von Kleinbauern im Norden heißt: Diversifizieren!

Ich bin ein Alternativtext
Gemeinsam gegen die Erosion. Der karge Hang soll wieder zu einer blühenden Landschaft werden. © Christof Krackhardt/Brot für die Welt

Von Brot für die Welt (BfdW)

Brot für die Welt

Brot für die Welt (BfdW) ist ein Hilfswerk der evangelischen Landeskirchen und Freikirchen in Deutschland. Es leistet Hilfe zur Selbsthilfe für die Arbeit von kirchlichen, kirchennahen und säkularen Partnerorganisationen.

Alle Beiträge

Nur der Kopf schaut oben heraus, so tief muss Seye Ahmed in den Brunnenschacht klettern, um ihre Gießkanne zu füllen. Der Klimawandel ist im äthiopischen Hochland deutlich zu spüren. Obwohl gerade Regenzeit herrscht, ist der Wasserstand Brunnens niedrig. Es reicht so eben, den Gemüsegarten zu gießen, den Seye und ihr Mann She Ali Abebe vor einem Jahr angelegt haben. Kohl, Spinat, Zwiebeln und Möhren wachsen in ordentlichen Beeten. Den Brunnen grub ihr Mann zusammen mit lokalen Partnern. Von denen haben sie auch die Gemüsesamen erhalten. „Was wir und die Kinder nicht selbst essen, verkaufen wir auf dem Markt“, sagt Seye. Es ist ein wichtiges Einkommen für die fünfköpfige Familie.

 

Zwei Drittel der Menschen haben zu wenig Nahrung

„Die Menschen hier im Hochland hängen völlig von den Erträgen ihrer Felder und der Viehhaltung ab“, erklärt Endeshaw Kassa, Projektleiter der Mekane Yesus Kirche. „Fällt der Regen aus, verlieren sie ihre Ernten oder müssen ihre Tiere verkaufen, um zu überleben.“ Die meisten Bauern bewirtschaften nur kleine weit verstreute und zudem oft degradierte Flächen in bis zu 3.000 Metern Höhe, auf denen nicht viel wächst. Nur einige besitzen einen Ochsen oder Esel, um ihre Äcker zu bestellen. Meist reicht die Ernte nur, um die Familien für einige Monate zu versorgen. Fast zwei Drittel der Bevölkerung in der Region leiden vier bis sechs Monate im Jahr unter Nahrungsmittelknappheit.

 

Ich bin ein Alternativtext
„Mit einer einzigen Form von Unterstützung kann man dem Klimawandel nicht begegnen”, glaubt Endeshaw Kassa, der Programmkoordinator der Organisation „Ethopian Evangelical Church Mekane Yesus“.

„Früher gab es hier zwei Regenzeiten im Jahr“, sagt Kassa. „Den kleinen Regen von Februar bis Juni und die Hauptregenzeit von Juli bis Ende September.“ Doch seit einigen Jahren werden die Niederschläge immer unberechenbarer, die Dürrezeiten immer länger. Durch die steigenden Durchschnittstemperaturen verbreiten sich zudem immer mehr Pflanzenkrankheiten. Eine weitere Gefahr ist der Frost. Schon ab Oktober können die Temperaturen unter den Gefrierpunkt sinken und die Ernten zerstören. Viele Familien können ihre Kinder nicht ausreichend ernähren, ihr Vieh nicht mehr füttern. Sie müssen Tiere verkaufen oder ihr Farmland verpachten, um Essen oder neues Saatgut zu kaufen. Für viele der erste Schritt in den Kreislauf aus Schulden und Armut.

 

Ein wichtiges Anliegen dieses Projekts ist, den Anbau zu diversifizieren und an die veränderten Klimabedingungen anzupassen und gleichzeitig neue Einkommensquellen zu schaffen. Es soll als eine Art Leuchtturm fungieren für ähnliche Projekte gegen Folgen des Klimawandels. „Mit einer einzigen Form von Unterstützung kann man dem Klimawandel nicht begegnen”, erklärt Endeshaw Kassa. „Wir bieten daher ein Bündel verschiedener Aktivitäten für die am stärksten gefährdeten Familien an.” 

 

Dazu gehört auch der Anbau einer alten einheimischen Weizensorte, die durch andere Sorten verdrängt worden ist. Das Getreide überlebt nicht nur Frost und Trockenheit, sondern ist zudem sehr ertragreich. Die Ausgabe des Saatguts erfolgt auf Kreditbasis. Nach der Ernte geben die Empfänger das Saatgut zurück, damit es weiteren Familien zugute kommt. Einer von ihnen ist der 18-jährige Seid Abebe. Wie viele junge Leute hat er selbst kein Land, sondern bestellt mit seinem Bruder das Feld ihres Vaters. Von den 50 Kilo Weizen, die sie ausgesät haben, erwarten sie rund 800 Kilo als Ertrag. Abzüglich des zurück- zuzahlenden Saatguts bleibt den beiden ein großer Überschuss, den sie verkaufen können, sowie genug Saatgut für die nächste Saison.

 

Gezielt werden jene Familien unterstützt, die am stärksten gefährdet sind und die geringsten Ressourcen besitzen

 

Mehr als 4.200 Haushalte in vier Gemeinden des Legambo-Distrikts haben die Mitarbeiter der Mekane Yesus Kirche zu Beginn des Projekts befragt. 905 wurden als besonders anfällig eingestuft. „Die Risikoanalyse ermöglicht es uns, gezielt jene Familien zu unterstützen, die am stärksten gefährdet sind und die geringsten Ressourcen besitzen“, sagt der Projektkoordinator. Im zweiten Schritt analysierte das Team, über welche Möglichkeiten und Mittel jede einzelne Familie verfügt – ob etwa Ackerflächen oder Weiden zur Viehhaltung vorhanden sind, oder wie viele Mitglieder der Familie arbeitsfähig sind. Gemeinsam mit den Betroffenen und Fachleuten wurden dann die passenden Arbeitsfelder ausgewählt.

 

Einige davon richten sich speziell an Frauen, denn viele von ihnen müssen sich ohne Unterstützung um Kinder, Haus und Felder kümmern. In mehr als sechzig lokalen Selbsthilfegruppen kommen jede Woche bis zu zwanzig Frauen zusammen, um gemeinsam Lösungen für ihren Alltag zu entwickeln. Neben Diskussionen zu Themen wie Gesundheit, Familienplanung und Klimawandel dienen die Gruppen vor allem als Sparvereine. Alle haben gemeinsame Sparkonten angelegt, auf die sie regelmäßig kleine Beiträge einzahlen. Bei Bedarf können sich die Mitglieder Geld leihen, um beispielsweise Vieh oder Saatgut zu kaufen oder Notlagen zu überbrücken. Aber auch für gemeinsame Anschaffungen wie einen Ochsen zum Pfügen wird gespart.

 

.

(c) Christof Krackhardt/Brot für die Welt
In ihrem Garten kann Seye Ahmed jetzt Gemüse anbauen – für den Eigenbedarf und zum Verkauf.

Eine der wichtigsten Errungenschaften der Gruppen ist die Verbreitung energiesparender Öfen. Je zehn Frauen lernen in Workshops, die Öfen aus Lehm, Stroh und Sand herzustellen, und geben ihr Wissen anschließend an die anderen in der Gruppe weiter. „Es qualmt viel weniger“, sagt Lubaba Ebre aus Chulke und zeigt stolz den selbstgebauten Ofen, von dem ein Abzugsrohr nach draußen führt.

 

Knapp sechs Stunden Sonne am Tag reichen, um die Lampe zu laden

 

Dreißig bis vierzug Teigfladen backt die 40-jährige jeden Tag für ihre Familie. Doch nicht nur ihre Gesundheit wird geschont. Die Öfen brauchen auch nur knapp die Hälfte an Holz oder Kuhfladen, um sie zu Befeuern. Mit dem übrigen Kuhmist können die Familien den Boden düngen. Einige Frauen mit schulpflichtigen Kindern haben zudem Solarmodule erhalten, mit denen sie Lampen und Mobiltelefone aufladen können. Das Licht hilft den Kindern, am Abend ihre Hausaufgaben zu machen. „Knapp sechs Stunden Sonne am Tag reichen, um die Lampe zu laden“ erzählt Lubaba. Früher musste sie Kerosin besorgen, um Licht zu haben. Dank der Solarkraft spart sie nun jede Woche rund zwanzig Birr, also umgerechnet etwa ein Euro.

 

Kampf gegen die Erosion im Hochland

 

Übernutzung und Abholzung sind neben Dürre und Starkregen die Hauptursachen für die fortschreitende Erosion im äthiopischen Hochland. „Der Hang hier war regelrecht tot“, sagt Yimer Mussa aus Chulke und zeigt auf das von bunten Blumen und zartem Grün durchzogene Gelände, das mehrere hundert Meter tief ins Tal herab fällt. „Hier wuchs nichts mehr“, sagt Mussa. Jahrelang hatten die Bewohner ihr Vieh auf dem Hang grasen lassen, Bäume als Brennholz und zum Bau ihrer Hütten abgeholzt. Bei jedem Regen wurden weitere Erdschichten abgetragen, bis nur noch nackter Fels übrig war. Das Wasser rauschte ungebremst und ungenutzt ins Tal.

 

(c) Christof Krackhardt/Brot für die Welt
Ansha Seid, ist zehn Jahre und lebt in Chulke. Dank solarbetriebenen Lampen hat sie nun auch am Abend genug Licht, um ihre Hausaufgaben erledigen zu können.

In schweißtreibender Gemeinschaftsarbeit haben die Bewohner von Chulke vor einem Jahr begonnen, Terrassen und Steinwälle zu bauen, damit die Fläche nicht weiter degradiert. Dahinter wurde Erde angehäuft und mit Baumsetzlingen bepflanzt. Die Bäume speichern nicht nur Stickstoff und versorgen den Boden mit Nährstoffen. Ihre Blätter liefern ebenso wie das neu angepflanzte Fistuka-Gras zudem wertvolles Viehfutter. Mehr als 95 Prozent der Setzlinge seien angegangen, berichtet Mussa. Die dahinter gezogenen Gräben fangen bei Regen das Wasser auf, so dass es langsam ins Erdreich sickern kann.

 

Schon im ersten Jahr hat sich die Vegetation sichtlich erholt

 

Zudem haben sich alle im Dorf verpflichtet, keine Tiere mehr in der Rehabilitationszone weiden zu lassen. Im Gegenzug dürfen sie, wenn die Vegetation weit genug gediehen ist, Zweige und Gräser schneiden und an ihr Vieh verfüttern. In einigen Jahren, so hoffen die Aktiven, wird der braune Hang wieder grün sein. „Schon im ersten Jahr hat sich die Vegetation sichtlich erholt“, sagt Projektleiter Kassa. Der gelernte Forstwirt wirbt inzwischen auch bei der Regierung für den Ansatz. „Vertreter des Landwirtschaftsministeriums haben sich die Schutzzonen angesehen, um davon zu lernen“, so Kassa. Ganz im Sinne der Leuchtturmidee.

 

Dossier Klimawandel: Aus Risiken Chancen machen:

https://www.brot-fuer-die-welt.de/themen/folgen-klimawandel/

 

Klimawandel Die Klimapolitik muss den Ärmsten gerecht werden:

https://www.brot-fuer-die-welt.de/themen/klimawandel/

Über den Autoren

Brot für die Welt (BfdW)

Brot für die Welt

Brot für die Welt (BfdW) ist ein Hilfswerk der evangelischen Landeskirchen und Freikirchen in Deutschland. Es leistet Hilfe zur Selbsthilfe für die Arbeit von kirchlichen, kirchennahen und säkularen Partnerorganisationen.

Alle Beiträge zum Autor

Zurück zur Übersicht

Ähnliche Beiträge

(c) Christoph Püschner/Brot für die Welt

Extreme is the New Normal

Von Alexander Müller und Jes Weigelt

Während sich das Klima wandelt, wächst die Bevölkerung in Afrika, werden fruchtbares Land und Arbeitsplätze knapper. Neue Wege führen zur Landwirtschaft in der Stadt und einem neuen Mittelstand auf dem Land

 

 

Weiterlesen …

© GIZ / Angelika Jacob

So können sich Entwicklungsländer besser an Dürren anpassen

Von Michael Brüntrup und Daniel Tsegai

Dürren sind die Naturkatastrophen mit den weitreichendsten negativen Folgen. Während auch reiche Länder von Dürre noch empfindlich getroffen werden, sind Hungersnöte dort nicht mehr anzutreffen

Weiterlesen …

(c) Christoph Mohr/GIZ

Mikroversicherungen gegen Klimawandel

Von Claudia Voß

Der Klimawandel zerstört vielerorts Entwicklungsfortschritte. Im klugen Zusammenspiel schützen Digitalisierung und Versicherungswirtschaft betroffene Kleinbauern

Weiterlesen …

(c) Nina Schroeder/World Food Programme

Grünes aus dem Wachstumscontainer

Von Maria Smentek

Wenn es an fruchtbaren Böden und Regen mangelt, bricht schnell Hunger aus. Mit Hydrokulturen können Bauern und Viehhirten dem Klimawandel begegnen

Weiterlesen …

(c) Gudrun Barenbrock/GIZ

Insekten sind das neue Rind

Von Marwa Shumo

Insekten lassen sich klima- und unweltfreundlich züchten, sind reich an Proteinen und Aminosäuren und ernähren sich von Agrarabfällen. Marwa Abdel Hamid Shumo glaubt: Sie sind die perfekt Waffe gegen den globalen Hunger

Weiterlesen …

Fruchtbare Böden durch den richtigen Methodenmix

Im äthiopischen Hochland sind viele Böden ausgelaugt. Neuer Dünger und verbessertes Saatgut bringen ihm die Fruchtbarkeit zurück.  

Ein Projekt der GIZ

Weiterlesen …

©Sofia Shabafrouz

Hier ist meine Heimat

Wo im äthiopischen Tigray vor wenigen Jahren nur ausgedörrter Boden war, wächst wieder Gras. Heute nutzen Bauern das Tal für den Anbau von Getreide oder Gemüse – und haben eine neue Perspektive.

Ein Projekt von World Vision

Weiterlesen …

(c) Privat

Landflucht? Landleben!

Von Dorothea Hohengarten

Eine Gruppe Landloser in Äthiopien verarbeitet Lebensmittel und schafft sich damit eine Zukunft.

Weiterlesen …

(c) Simon Veith

Neue Chance

Interview mit Lutz Hartmann

Lutz Hartmann hat sich mit der Pacht einer dreihundert Hektar großen Obstplantage in Äthiopien einen lang gehegten Traum verwirklicht: In Afrika ein eigenes Unternehmen zu führen. Nun geht ihn die Frage, wie sich Afrika entwickelt, auch persönlich an.

Weiterlesen …

Heu für die Trockenzeit

Der Klimawandel erschwert das Nomadenleben der Massai in Kenia. Ein neues Projekt führt sie in den Ackerbau ein.

Ein Projekt der Welthungerhilfe

Weiterlesen …

©WFP/Rein Skullerud

Revolution der humanitären Hilfe

Von Ralf Südhoff

Finanz-Innovationen können Katastrophen zu Krisen reduzieren. Die Existenz der Betroffenen hängt zunehmend von der rechtzeitigen Intervention oder Risiko-Fonds ab.

Weiterlesen …

(c) Privat

Ein Klassenzimmer im Garten Eden

Von Iris Manner

Waldrodungen schaden Mensch und Umwelt. Mit Baumschulen können Bauern Geld verdienen und dabei Gutes tun. Man muss nur wissen, wie es geht

Weiterlesen …

(c) Christoph Püschner/Brot für die Welt

Der Norden trägt die Verantwortung, der Süden die Last

Von Susanne Neubert

Anpassung an den Klimawandel kann durch eine Ökologisierung der Landwirtschaft gelingen - und wenn die reichen Länder ihre Emissionen reduzieren

 

Weiterlesen …

(c) Nina Schroeder/World Food Programme

Der Mensch verursacht Hunger, nicht das Klima

Interview mit Jacob Schewe

Eine Studie der Weltbank sagt voraus, dass Millionen Menschen in Subsahara-Afrika wegen des Klimawandels ihre Heimat verlassen müssen. Wir haben darüber mit einem der Autoren vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) gesprochen

Weiterlesen …

(c) Nina Schroeder/World Food Programme

Police gegen Katastrophen

Interview mit Thomas Loster

Versicherungen könnten in Afrika Schutz während Dürren bieten. Wie genau, versucht die Branche herauszufinden. Erste Erfahrungen liegen vor. Ein Interview mit dem Geschäftsführer der Münchner Rück Stiftung, Thomas Loster

Weiterlesen …

(c) Privat

Kein Geschäft ohne den Staat

Von John Kufour und Joseph Okopu Gakpo

Landwirtschaft ist Afrikas größtes Potenzial für wirtschaftliches Wachstum. Viele private Unternehmen wollen diesen Sektor nutzen, aber Ghanas früherer Präsident John Agyekum Kufuor ist der Meinung, dass sie einen stärkeren Partner brauchen: den Staat

Weiterlesen …