Hunger wartet nicht

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Nach Erfolgen in der Bekämpfung von Mangel- und Unterernährung häufen sich wieder Alarmsignale. Der Klimawandel sowie bewaffnete Konflikte sind zwei entscheidende Gründe. Sie treffen besonders die ärmsten Bauern und Bäuerinnen in Afrika. Worauf es jetzt ankommt

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Bäuerinnen in Tansania bei der Arbeit. © privat / ONE

Von Stephan Exo-Kreischer

Stephan Exo-Kreischer ist Deutschland-Direktor der Lobby- und Kampagnenorganisation ONE.

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Brot für die Welt

Ende März schlug der Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres, Alarm. Die Welternährungsorganisation (FAO) stellte in ihrem Ernährungskrisenbericht fest, dass die Zahl der akut Hungernden, also der Menschen, die unmittelbar vom Hungertod bedroht sind, auf 124 Millionen geklettert ist. Ein dramatischer Anstieg: 2015 hatte die Zahl noch bei rund 80 Millionen gelegen.

 

Nach einem stetigen Rückgang stieg auch die Zahl der Menschen, die an chronischem Hunger leiden, 2016 erstmals wieder an – auf 815 Millionen Menschen. Das entspricht 11 Prozent der Weltbevölkerung. Laut der Weltgesundheitsorganisation ist Hunger das größte Gesundheitsrisiko der Welt. An ihm sterben mehr Menschen als an Aids, Malaria und Tuberkulose zusammen. Hinzu kommen etwa zwei Milliarden Menschen, die mangelernährt sind. Ihnen fehlen wichtige Nährstoffe wie Mineralien oder Vitamine. Ihre einseitige Ernährung füllt zwar den Magen, schwächt aber den Körper, begünstigt Krankheiten und kann im schlimmsten Fall tödlich sein. Deshalb spricht man hier auch vom versteckten Hunger. Werden mangelernährte Frauen schwanger, haben sie ein höheres Risiko an den Folgen ihrer Schwangerschaft zu sterben oder eine Fehlgeburt zu erleiden. Auch wenn dieser schlimmste Fall nicht eintritt, fehlen ihren Kindern bereits vor der Geburt wichtige Nährstoffe und ihre körperliche Entwicklung wird stark beeinträchtigt. Mangelernährung in dieser Phase wirkt sich also deutlich negativ auf ein gesamtes Menschenleben aus.

 

Zwischen den Jahren 2000 und 2014 hat sich die Zahl der durch Mangelernährung unterentwickelten Kinder in Subsahara-Afrika sogar von 50 auf 57 Millionen erhöht.

 

Knapp die Hälfte aller Kinder, die unter fünf Jahren sterben, sterben aufgrund von unzureichender Ernährung. Das sind etwa drei Millionen Kinder im Jahr. Kinder, die chronisch mangelernährt sind, werden ihr Leben lang unter körperlichen und kognitiven Einschränkungen leiden. Entwicklungsschäden durch Mangelernährung im Mutterleib und den ersten zwei Lebensjahren – man spricht auch von den ersten 1000 Tagen im Leben eines Menschen – können später nie wieder wettgemacht werden. Als Erwachsene haben diese Menschen im Schnitt ein um 20 Prozent geringeres Einkommen und tragen ein erheblich größeres Risiko fortwährend in Armut zu leben. Dies macht sich nicht nur bei den betroffenen Individuen bemerkbar, sondern auch bei der Volkswirtschaft ärmerer Länder. Je nach Ausmaß büßen diese zwei bis 16 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts alleine durch die Folgen der Mangelernährung in der Bevölkerung ein. Der afrikanische Kontinent ist besonders stark von Mangelernährung betroffen. Zwischen den Jahren 2000 und 2014 hat sich die Zahl der durch Mangelernährung unterentwickelten Kinder in Subsahara-Afrika sogar von 50 auf 57 Millionen erhöht.

 

Bewaffnete Konflikte wie in Somalia, Südsudan oder Nordost-Nigeria, sowie klimatische Veränderungen und immer häufiger auftretende Wetterextreme wie Dürren oder Überschwemmungen haben das Problem der Mangelernährung weiter verschärft. Besonders verwundbar sind die ärmsten Länder. Laut dem Globalen Klima-Risiko-Index von Germanwatch hatte der afrikanische Kontinent innerhalb der vergangenen 20 Jahre am meisten mit Naturkatastrophen zu kämpfen – mit verheerenden Konsequenzen für die Menschen vor Ort. Insbesondere, wenn sie keine Vorrichtungen treffen können, um die Folgen von extremem Klima aufzufangen, können Landwirte ihre Felder nicht mehr bestellen. Vor allem in Staaten mit schlechter Regierungsführung ist dann meist die Unterversorgung der Bevölkerung vorprogrammiert

 

Fortschritte, auf die wir aufbauen müssen

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Niger: Mit dem dreifarbigen Maßband wird in der Sahelzone der Ernährungsgrad von Kinder ermittelt. © Christoph Püschner/Diakonie Katastrophenhilfe

Nelson Mandela hat zu Lebzeiten treffend beobachtet: „Armut ist nicht natürlich, sondern menschengemacht. Und darum kann sie auch von Menschen überwunden und beendet werden.“ Zugegeben, die eine große Lösung wird es nicht geben, um der Armut und dem Hunger auf der Welt endlich den Garaus zu machen. Aber durch gemeinsames Handeln und politischen Willen konnte seit 1990 die Zahl der hungernden Menschen um 216 Millionen gesenkt werden. Trotz eines Anstiegs der Weltbevölkerung um rund zwei Milliarden Menschen. Auch der Anteil der Mangelernährten in der Welt ist im selben Zeitraum von 19 auf 11 Prozent gesunken.

Diese Zahlen zeigen: Armut und Hunger können weltweit überwunden werden. Es gilt nun aber, die weltweiten Bemühungen noch weiter zu intensivieren, noch besser zu koordinieren und deren Wirksamkeit weiter zu steigern. Dass die Zahlen sich aktuell nach jahrelanger positiver Entwicklung erstmals wieder negativ entwickeln, sollte uns Mahnung und Ansporn sein. Wir müssen den Teufelskreis aus Armut, Hunger und Konflikten durchbrechen und dabei auch den Klimawandel im Blick haben. Es wird nicht die eine große Lösung geben, dafür aber viele Maßnahmen, die zusammen eine große Wirkung erzielen können. Gegen Mangelernährung helfen vielen Kindern bereits einfache Vitamin-A-Mittel sowie altersgerechte Nahrungsmittel für Säuglinge und Kleinkinder. Schwangeren fehlen oft die nötigen Spurenelemente, die sie zum Beispiel durch entsprechende Präparate aufnehmen können. Letztlich muss aber der Zugang zu ausgewogener und ausreichender Nahrung gewährleistet werden. Darüber hinaus können auch die richtigen Hygienepraktiken Mangelernährung entgegenwirken und im Zweifel Leben retten.

 

Landwirtschaft: Eine Investition, die sich auszahlt

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Eine Landwirtin präsentiert ihre Erträge. © ONE

Im Jahr 2050 werden knapp zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben und die Bevölkerung auf dem afrikanischen Kontinent wird sich verdoppelt haben. Der Landwirtschaft wird deshalb in Zukunft eine Schlüsselrolle in doppelter Hinsicht zukommen. Einerseits, weil Afrika mit seinen großen landwirtschaftlich nutzbaren Flächen zweifellos das Potenzial hat, sich selbst zu versorgen. Andererseits, weil die Landwirtschaft dazu beitragen kann, jungen Menschen berufliche Perspektiven zu bieten. Jedes Jahr strömen auf dem Kontinent 22,5 Millionen neue Menschen auf den Arbeitsmarkt, die zurecht auf eine Anstellung hoffen. Landwirtschaftliches Wachstum kann dazu entscheidend beitragen und hat sich in Subsahara-Afrika als elf Mal so wirksam bei der Bekämpfung extremer Armut erwiesen als Wachstum in anderen Sektoren.

 

Um diesen Sektor zu stärken, muss die Arbeit in der Landwirtschaft für junge Menschen attraktiver gemacht werden und die Frauen im Agrarsektor müssen endlich dieselben Rechte bekommen wie Männer. Sie leisten etwa die Hälfte der gesamten landwirtschaftlichen Arbeit in Afrika, aber nur etwa 15 Prozent aller Landbesitzerinnen und -besitzer sind Frauen. Sowohl ihr Zugang zu Produktionsmitteln als auch ihre Grundbesitzrechte müssen in vielen Ländern gesichert werden. In über 150 Ländern auf der Welt gibt es Gesetze, die Frauen diskriminieren. Es sollte keine Ausnahme, sondern die Regel sein, dass Frauen eigenen Landbesitz amtlich eintragen oder diesen auch vererbt bekommen können. Davon profitiert die gesamte Gesellschaft. Die Entwicklungsorganisation Bread for the World (nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen deutschen Organisation Brot für die Welt) wies kürzlich nach, dass Länder mit stärkerer Gleichstellung der Geschlechter in der Regel geringere Mangelernährungsraten bei Kindern verzeichnen. Bekämen Frauen in der Welt zudem den gleichen Zugang zu Produktionsmitteln wie Saatgut, Düngemitteln oder technischer Ausrüstung, würde dies die landwirtschaftlichen Erträge um 20 bis 30 Prozent und die Wirtschaftsleistung um 2,5 bis 4 Prozent steigern. Damit würden bis zu 150 Millionen Menschen dauerhaft von chronischem Hunger befreit.

 

Instabilitätsfaktor Klima

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Malawi: einfache Mahlzeit an einer Schule. © privat / ONE

Generell beobachten wir, dass diejenigen, die am stärksten von den Folgen des Klimawandels betroffen sind ausgerechnet diejenigen sind, die den Klimawandel am wenigsten verursacht haben. Auch hier sind viele Länder Afrikas besonders betroffen, insbesondere Länder in der Sahel-Zone. Trotzdem erhält der Kontinent lediglich 20 Prozent der internationalen Klimamittel. Darüber hinaus sinken die bilateralen Entwicklungsgelder, die afrikanischen Ländern zugute kommen.

 

Um ein Ende von Hunger zu erreichen, ist eine Kombination aus mehreren Dingen wichtig: eine nachhaltige und umweltfreundliche Landwirtschaft, die gezielte Unterstützung von Kleinbauern, ländliche Entwicklung, die zu einem sozialverträglichen Strukturwandel führt, sowie eine ganzheitliche Ernährungsstrategie. Darüber hinaus können Innovationen wie Klimarisikoversicherungen dabei helfen, die negativen Folgen von Naturkatastrophen abzufedern.

 

Letztlich wird es darauf ankommen, die Investitionen insgesamt in den Bereichen Bildung, Beschäftigung und gesellschaftliche Beteiligung junger Menschen deutlich zu erhöhen. Hier sind sowohl die klassischen Geberländer gefragt als auch die Partnerländer selbst. Eine Verdopplung der Investitionen in den drei Bereichen kann innerhalb der kommenden 30 Jahre zu einem Wachstum des afrikanischen Bruttoinlandsprodukts um jährlich 500 Milliarden US-Dollar führen. Dies entspricht etwa einem Drittel seiner bisherigen Wirtschaftsleistung. Die Staaten südlich der Sahara stehen in der Pflicht, Beschäftigungsstrategien für die Jugendlichen auf dem Land zu entwickeln. Die Geberländer können sie hierbei mit finanziellen und technischen Mitteln unterstützen.

 

Es gibt nicht einen einzigen Grund, hier hinter dem Nötigen zurück zu bleiben. Nicht zu handeln, wäre nicht nur unmoralisch, sondern auch strategisch unklug. Noch nie gab es auf der Welt so viel Wohlstand wie jetzt. Hunger und extreme Armut sind Dinge, die wir uns nicht leisten dürfen und Abwarten ist keine Option. Daran werden sich die Staats- und Regierungsoberhäupter auf der Welt messen lassen müssen. Und wir werden genau hinsehen.

 

Monrovia, Liberia: Kleinbauern erzeugen den Großteil der Nahrungsmittel in Afrika. © Morgana Wingard/ONE

Zanzibar, Tanzania: Gemüsemarkt in Sansibar. © Morgana Wingard/ONE

Obst- und Gemüseverkauf in Tansania. © Privat/ONE

Dorf Indori in West-Kenya: eine kenianische Landwirtin bei der Arbeit. © Siegfried Modola/ONE

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Stephan Exo-Kreischer

Stephan Exo-Kreischer ist Deutschland-Direktor der Lobby- und Kampagnenorganisation ONE.

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