So können sich Entwicklungsländer besser an Dürren anpassen

Dürren sind die Naturkatastrophen mit den weitreichendsten negativen Folgen. Während auch reiche Länder von Dürre noch empfindlich getroffen werden, sind Hungersnöte dort nicht mehr anzutreffen

© GIZ / Angelika Jacob
In Ghana werden Felder für die kommende Saat vorbereitet. © GIZ / Angelika Jacob

Von Michael Brüntrup

Dr. Michael Brüntrup ist Senior Researcher am German Development Institute / Deutsches Institut für Entwicklungspolitik (DIE) im Bereich Agrar- und Ernährungssicherung mit Fokus auf Sub-Sahara Afrika

 

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Von Daniel Tsegai

(c) Dennis Williamson

Dr. Daniel Tsegai is a Programme Officer in charge of "Drought and Water Scarcity" Portfolio at the United Nations Convention to Combat Desertification (UNCCD) in Bonn, Germany.

 

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Deutsches Institut für Entwicklungspolitik (DIE)

Deutsches Institut für Entwicklungspolitik

In Entwicklungsländern ist dies anders: Insbesondere arme ländliche Haushalte sind vielfältig und komplex von Dürrefolgen – und Auswirkungen betroffen. Dazu gehören der Mangel an Wasser für Menschen, Vieh, Weiden und Kulturpflanzen, eine ausfallende Energieversogung, abnehmende lokale Nahrungsmittelverfügbarkeit sowie der Anstieg der Lebensmittelpreise, Todesfälle, die Vernichtung von Existenzgrundlagen und Vermögenswerten. Dürren verschärfen auch lokale Konflikte um natürliche Ressourcen. Wenngleich strittig ist, ob dies kurzfristig zu größeren Konflikten und Massenmigration führt, steht außer Zweifel, dass häufige und schwere Dürren Konflikte langfristig verstärken.

 

Ursachen für Dürren sind im Wesentlichen natürlich. Dürren haben die Menschheit von Anfang an begleitet. Da allerdings die Menschheit über die Jahrhunderte ihre Umwelt zunehmend verändert hat, sind Dürregefahren zumindest teilweise auch menschengemacht. Die Abholzung von Wäldern, Waldbrände, Überweidung, Ausbeutung und Verschlechterung von Böden und Vegetation sowie unsachgemäße Wasserbewirtschaftung führen zu einer gesteigerten Anfälligkeit gegenüber Dürren. Sie fördern die Austrocknung von Böden und Wasserquellen, die übermäßige Ausnutzung der Grundwasserreservoirs und senken insgesamt die Resilienz von Landschaften und Menschen, also deren Fähigkeit, auf Veränderungen so zu reagieren, dass langfristige Schäden vermieden werden.

 

Um die Dürreresilienz von Menschen, Ökosyste­men und Gesellschaften zu erhöhen, sind proaktive Ansätze von entschei­dender Bedeutung.

 

Von Dürre betroffen sind ländliche Gebiete, die oft weit entfernt vom politischen Zentrum eines Landes liegen. Dürren kommen außerdem meist langsam, die Folgen werden häufig nur über längere Zeiträume klar sichtbar und in normalen Perioden wieder vergessen, und ihre Folgen werden selten systematisch erfasst. Alle drei Faktoren führen dazu, dass für politische Entscheidungsträger die wirtschaftlichen und politischen Konsequenzen von Dürren nicht ausreichend sichtbar werden und ihr Wille zur Bekämpfung der Ursachen folglich schwach ausgeprägt bleibt.  

 

Für die kommenden Jahrzehnte prognostizieren Klimaforscher eine Zunahme der Schwere, Häufigkeit, Dauer und räumlichen Ausdehnung von Dürren. Gleichzeitig wird erwartet, dass die globalen Landmassen insgesamt trockener werden. Dies wird erhebliche Konsequenzen für die Bewohner armer Länder haben.

 

Die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung kann in einigen Ländern zur Linderung der negativen Folgen von Dürren beitragen. Allerdings beeinträchtigen die Dürren ihrerseits die wirtschaftliche Entwicklung, zumal sie häufiger und intensiver werden. Entwicklung wird so zu einem Rennen gegen die Zeit, besonders im ländlichen Raum. Kurzfristiges ad-hoc-Management von Dürren lindert nur die unmittelbaren Symptome, bringt aber wenig bis nichts für die längerfristige interne Resilienz. Langfristig wirkende Instrumente müssen stärker in den Blick genommen werden.

 

Um die Dürreresilienz von Menschen, Ökosyste­men und Gesellschaften zu erhöhen, sind proaktive Ansätze von entschei­dender Bedeutung. In Entwicklungsländern sollte die Nah­rungs­mittelsicherheit den Kern der nationalen Dürrepolitik und einen Motor für die Dürrevorsorge auf allen Ebenen bilden.

 

Dürreresilienz, Vorsorge und Kreislaufmanagement

Quelle: Die Autoren
Dürre Kreislaufmanagement. © Die Autoren

Dürrepolitiken sollten auf der Grundlage der Prinzipien der Risikoreduzierung erfolgen, da sie für die Linderung von Dürrefolgen eine entscheidende Rolle spielen. Solche Prinzipien und Handlungsempfehlungen werden in internationalen freiwilligen Vereinbarungen wie den Hyogo- und Sendai-Rahmenwerken zur Reduzierung von Katastrophenrisiken und dem bahnbrechenden High Level Meeting zur Nationalen Dürrepolitik im Jahr 2013 umrissen. Auf der Grundlage dieser internationalen Rahmenwerke lassen sich die folgenden „drei Hauptpfeiler” der Minderung von Dürrerisiken festlegen:

  • Aufbau von Dürreüberwachungs- und Frühwarnsystemen
  • Systeme zur Bewertung der Dürreanfälligkeit und -gefahr
  • Umsetzung von Maßnahmen zur Begrenzung der Dürreauswirkungen und Verbesserung der Reaktion auf Dürren

Diese Pfeiler bieten den betroffenen Ländern einen wertvollen Orientierungsrahmen, um sich besser auf Dürren vorzubereiten. In nationale Dürrepolitiken müssen sie gemäß der landesspezifischen Bedürfnisse, Bedingungen und Schwachstellen, Prioritäten und Optionen umgesetzt werden.

 

Im Gegensatz zu anderen Naturkatastrophen wird oft erst sehr spät ersichtlich, wie sich eine Dürre – in Länge, Schwere und Ausmaß – entwickelt. Daher ist es wichtig, die dürrefreie Periode zum Resilienzaufbau zu nutzen, während die Interventionen während der Dürre selbst möglichst zeitig einsetzen sollten. Dürreinterventionen sollten so konzipiert werden, dass sie Vorsorgemaßnahmen für den nächsten Dürrezyklus beinhalten (siehe Abb. 1).

 

Sektoren und sektorale Maßnahmen

Um Dürreresilienz aufzubauen, müssen unterschiedliche Politikbereiche aktiviert werden. Dazu gehören verschiedene Sektorpolitiken für Wasser, Boden und andere natürliche Ressourcen, Landwirtschaft und Lebensmittelhandel, Sozialhilfe, lokale Wirtschaftsförderung und Infrastruktur, Energie und Gesundheit.

 

Dürrevorsorge- und Managementrahmen müssen flexibel sein. Die Auswirkungen von Dürren hängen nicht nur von der Niederschlagsmenge, sondern auch von der Wasserspeicherung, dem Wasserzugang- und -verbrauch ab. So sind Kleinbauern und benachteiligte Verbraucher meist früher als Großbauern und privilegierte Verbraucher beeinträchtigt.

 

Der Fokus sollte auf „No- bzw. Low Regret”-Maßnahmen liegen, die gemäß den besten verfügbaren und aktualisierten Informationen und Risikoszenarien angepasst werden können. Die private Lagerhaltung von Nahrungsmitteln und Saatgut kann durch transparente Informationen und verlässliche staatliche Aktionen gesteuert werden. Wasser kann in kurzen Trockenperioden oder kurzfristigen Dürren zur Bewässerung eingesetzt werden, muss aber unter Umständen während längerer Trockenzeiten auf die grundlegendsten Bedürfnisse beschränkt werden. Impfungen sowie Maßnahmen zur Reduzierung des Viehbestands können zur Vermeidung von Preiseinbrüchen frühzeitig eingeleitet werden. Sozialhilfeprogramme können aufgestockt werden, je nach Lage auf den Märkten in Form von Geld oder Nahrungsmitteln.

 

Besonders sensible Gruppen

Für besonders anfällige Bevölkerungsgruppen und Ökosysteme sind unter Umständen spezifische Maßnahmen erforderlich. So sind häufig spezielle Strategien für Hirten und Nomaden erforderlich, die sehr oft in besonders dürreanfälligen, ariden Gebieten leben. Tatsächlich bildet der sogenannte Pastoralismus in diesen Regionen traditionell die beste Anpassungsstrategie. In jüngerer Zeit ist, neben den zunehmenden zeitlichen und räumlichen Beschränkungen, die Flexibilität der Optionen für Viehhirten gesunken. Auch neue Trends, wie Bevölkerungswachstum, Bildung oder Veränderungen der Einkommensquellen und Konsumgewohnheiten, erfordern strukturelle Veränderungen. Die Resilienzverbesserung von Viehhirten erfordert die Aufrechterhaltung eines besonders schwierigen Gleichgewichts zwischen der Fortführung der traditionellen und dem Wechsel zu alternativen Lebensgrundlagen.

Ferner haben Dürren auf Frauen und Mädchen häufig andere Auswirkungen als auf Männer. Während Dürreereignissen steigen die Schulabbrecherquoten bei Mädchen aufgrund früher Ehen oder weil sie die Familie bei der Wasserversorgung unterstützen müssen. Die Arbeitsbelastung von Frauen sowie die geschlechtsbezogenen Gewalt steigen mithin ist der Zugang zu grundlegender, hygienischer Sanitärversorgung für Frauen in Dürrenperioden oftmals schwieriger.

 

Politikkohärenz und Koordinierung

Politikkohärenz und Koordinierung zur Dürreresilienz sind besonders wichtig und gleichzeitig schwierig zu erzielen, da sie verschiedene Dimensionen umfassen: Sektoren, Entschei­dungsebenen, Zeit, sozioökonomische und technologische Übergänge. Bottom-up-Lösungen zur Dürreresilienz bieten Vorteile, da sie eher mit den lokalen Möglichkeiten und Kenntnissen vereinbar sind. Allerdings gibt es oft Schwie­rigkeiten, sie in top-down Dürrevorsorgeansätze zu integrieren.

 

Die wirtschaftliche Diversifikation weg von Niederschlag-abhängigen Einkommensquellen ist in manchen ländlichen Ge­bieten besonders schwierig – insbesondere in dünn besiedelten ariden und semiariden Regionen. Manchmal bestehen schlicht keine Alternativen im großen Stil, außer der Abwanderung. Des Weiteren sind mögliche Trade-offs zu berücksichtigen – beispielsweise zwischen Dürreresilienz und Optimierung unter Normalbedingungen; Investitionen in Produktions- versus Resilienz-verbessernde Infrastruktur; Eigenständigkeit der Nahrungsmittelproduktion in Normalphasen versus Aufbau von Nahrungsmittelmärkten während Dürren; oder Spezialisierungsgewinne in Kombination mit Sicherheitsmaßnahmen, wie Versicherung oder Spareinlagen, gegenüber Diversifizierung.

 

Die Umsetzung multisektoraler Dürrepolitiken sollte sich auf Folgendes konzentrieren:

  • Die Festschreibung eines allgemeinen Rahmens für Katastrophenrisikomanagement, in dem speziell für Dürren spezifische Maßnahmen entsprechend den spezifischen Bedürfnisse und Gegebenheiten festgelegt sind, inklusive eines Koordinierungsgremiums, um die Kooperation zwischen den verschiedenen Regierungsebenen, Entwicklungspartnern und nichtstaatlichen Organisationen zu fördern

Dürrerisikomanagementansätze müssen sowohl in

  • langfristige Entwicklungs- als auch in kurzfristige Nothilfe-Maßnahmen integriert werden
  • Regionale (grenzüberschreitende) und internationale Aspekte sollten ausdrücklich berücksichtigt werden
  • Dürrebezogene nationale Politiken sollten Bottom-up-Ansätze von Landwirten, der Zivilgesellschaft und basisdemokratischer Gruppen aktiv befördern
  • Effektive Kommunikation zwischen allen Beteiligten ist für solche übergreifenden Ansätze enorm wichtig. Überdies sollte das Rahmenwerk zur Dürrevorsorge ein starkes Überwachungs-, Bewertungs- und Wissensmanagement vorsehen
  • In den Entwicklungsetats muss die Flexibilität von Programmen und ihrer Finanzierungen sicher­gestellt werden. Für Entwicklungsprogramme sollte die Möglichkeit bestehen, bei der Erklärung einer Dürre in den „Notfallmodus“ zu schalten und Notfallmaßnahmen zu finanzieren

Durch die Umsetzung dieser Ansätze können Dürren auch als „Bindeglied“ zwischen zahlreichen Sektoren, Ebenen und Akteuren fungieren und ihre Zusammenarbeit stärken.

 

Diese Arbeit ist Teil des Forschungsprojektes „Ergebnisorientierte Förderung der Ernährungssicherheit im ländlichen Raum Subsahara-Afrikas“ des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE) und wird vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) im Rahmen der Sonderinitiative „Eine Welt ohne Hunger" (SEWOH) gefördert. In diesem Projekt wurden Forschungen zu Agrarentwicklungskorridoren, Agrarökologie, Wassermanagement, Agrarfinanzierung, sozialer Sicherung, Cash-Transfers in fragilen Staaten und die Ergebnisorientierung von Ernährungssicherungs-Ansätzen untersucht. Dürreresilienz stellte sich als ein übergreifendes Politikfeld heraus, das die meisten dieser Themen zusammenführen kann und muss.

Über den Autoren

Daniel Tsegai

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Dr. Daniel Tsegai is a Programme Officer in charge of "Drought and Water Scarcity" Portfolio at the United Nations Convention to Combat Desertification (UNCCD) in Bonn, Germany.

 

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