Wie viel Privatinvestition kann Landwirtschaft vertragen?

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Kleinbauern in Entwicklungsländern müssen ihre Anbaumethoden modernisieren. Doch falsch verstandene Reformen könnten Armut verstärken, statt sie zu lindern.

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(c) Abate Damte/Kora Images

Von Pedro Morazán

(c) Dennis Williamson

Dr. Pedro Morazán ist Volkswirt, gebürtiger Honduraner und arbeitet bei SÜDWIND seit 1992 als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Im Laufe dieser Zeit hat er zahlreiche Evaluierungen und Partnerberatungen geleitet. Daneben hat er diverse Studien und Expertisen für verschiedene Auftraggeber verfasst, unter anderem für GIZ/BMZ.

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Angesichts niedriger Industrialisierungsraten vor allem in Afrika, bleibt die Landwirtschaft der wichtigste Arbeitgeber in vielen Regionen. Gleichzeitig ist gerade die kleinbäuerliche Landwirtschaft das Fundament der Ernährungssicherheit in vielen Ländern. Sie produziert mehr als 80 Prozent der Nahrungsmittel in den Entwicklungsländern und leistet damit einen bedeutenden Beitrag zur Armutsbekämpfung. Dieser Beitrag wird allerdings gefährdet: durch eine zunehmende Zersplitterung des Kleineigentums, die Ausweitung des Agrobusiness, fehlende Förderung von Investitionen, den Klimawandel und die Vernachlässigung seitens der internationalen Kooperation.

 

Eine weitere Gefahr für die landwirtschaftliche Kleinproduktion kommt von einer Vorstellung, die inzwischen selbst bei einigen UN-Institutionen verbreitet ist: dass Ernährungssicherung hauptsächlich eine Frage von Ertrag und Produktivitätssteigerung ist. Mit der Förderung einer Globalen Allianz für bessere Ernährung (der Global Alliance for Improved Nutrition) durch die Bill und Melinda Gates Foundation sollen Hunger und Mangelernährung vorrangig durch die Anreicherung von Nahrungsmitteln mit zugesetzten Nährstoffen bekämpft werden. Hierfür werden Privatunternehmen und multinationale Konzerne im Rahmen von öffentlich-privaten Partnerschaften (PPP) eingebunden.

 

Nur wenige kleinbäuerliche Betriebe können dem Konkurrenzdruck des Agrarbusiness standhalten

 

Auch die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) hat eine Strategie für die Zusammenarbeit mit dem privaten Sektor entwickelt. Gemeinsam mit der Europäischen Investitionsbank (EIB) will sie Investitionen in die Landwirtschaft, in die Entwicklung des Privatsektors sowie in Wertschöpfungsketten fördern. Inwieweit hier die Interessen von europäischen Agrarkonzernen im Vordergrund stehen, wird sich in Zukunft zeigen. VertreterInnen aus der Zivilgesellschaft und von Kleinproduzenten betrachten mit Sorge das wachsende Gewicht, das multinationale Konzerne im UN-System in den vergangenen Jahren gewonnen haben. Zahlreiche Institutionen der Zivilgesellschaft plädieren für einen alternativen Ansatz, in dem die Rolle von nationalen und internationalen Märkten und die Integration von kleinbäuerlichen Betrieben in Wertschöpfungsketten besser geklärt werden. Nur wenige kleinbäuerliche Betriebe können dem Konkurrenzdruck des Agrarbusiness standhalten. Die Einbindung in lokale Wertschöpfungsketten bleibt daher von großer Bedeutung.

 

(c) Jörg Böthling
Kenia, GIZ Projekt Grüne Innovationszentren, Melken mit elektrischer Melkmaschine. (c) Jörg Böthling
(c) Jörg Böthling
Malawi, GIZ Projekt grüne Innovationszentren, Handtraktor Training für Kleinbauern am NRC. (c) Jörg Böthling

Nicht selten untergraben allerdings die Anbaupraktiken von KleinproduzentInnen das ökologische Fundament des globalen Nahrungsmittelsystems. Dabei spielen die Übernutzung und die Degradierung des Bodens eine zentrale Rolle. In solchen Fällen kann eine ökologisch nachhaltige Transformation der Landwirtschaft die Antwort sein. KleinproduzentInnen brauchen Unterstützung, um mit Marktdruck und anderen Hindernissen für eine nachhaltige Landnutzung umgehen zu können. Darüber hinaus ist die Schaffung von Arbeitsplätzen über den Aufbau einer lokalen Wertschöpfungskette im Agrarsektor von großer Relevanz.

 

Beim Gipfeltreffen G8-Staaten im Jahr 2012 in den USA wurde die „Neue Allianz für Ernährungssicherung“ ins Leben gerufen. Bis zu 50 Millionen Menschen sollen bis zum Jahr 2022 aus der Armut gehoben werden, mit Hilfe von Investitionen des Agrarbusiness und mit Unterstützung von Regierungen und der Entwicklungszusammenarbeit. Die Neue Allianz für Ernährungssicherung wendet sich an zehn reformwillige afrikanische Länder: Benin, Burkina Faso, Äthiopien, Ghana, die Elfenbeinküste, Malawi, Mosambik, Nigeria, Senegal und Tansania. Entsprechende „Reformen“ sollen das Agrarbusiness in die landwirtschaftliche Produktion der Länder integrieren. Dadurch soll die Landwirtschaft modernisiert werden.

 

Die einseitige Konzentration auf die Förderung der industriellen Landwirtschaft und die damit einhergehenden Reformen bergen aber auch ein Risiko, Armut zu verschärfen:

  • Konzerne sollen leichter an Land in Afrika kommen, was in der Vergangenheit schon dazu geführt hat, dass Menschen von ihrem Land vertrieben wurden (Landgrabbing)
  • Der Einsatz von lizensiertem Saatgut kann Bauern und Bäuerinnen an der Zucht, der Lagerung und dem Austausch von Saatgut hindern
  • Die Produktion setzt auf den Einsatz von chemischen Dünge- und Pflanzenschutzmitteln. Für viele kleinbäuerliche Familien sind sie unerschwinglich und treiben zudem die Belastung und Degradierung der Böden voran
  • Die in Großplantagen entstehenden Arbeitsplätze sind oftmals schlecht bezahlt und verknüpft mit menschenunwürdigen Bedingungen und der Verletzung von Arbeitsrechten

 

(c) Jörg Böthling
Burkina Faso, GIZ Projekt "ProCIV Grüne Innovationszentren", landwirtschaftliche Berufsschule. (c) Jörg Böthling

Auch die Entwicklungszusammenarbeit setzt zunehmend auf Unternehmen, Banken und Finanzinvestoren, um Investitionen in die Armutsbekämpfung zu erhöhen. Über die Bereitstellung öffentlicher Gelder aus der Entwicklungszusammenarbeit und spezielle Investmentfonds, die öffentliche und private Gelder bündeln, sollen Investitionen des Privatsektors auch durch Megaprojekte in der Landwirtschaft ausgebaut werden. Die Verantwortlichkeiten für problematische Investments werden immer stärker verschleiert: über komplizierte Beteiligungen, verschachtelte Finanzierungsflüsse, investorenzentrierte Überwachungsmechanismen und das Bank- oder Geschäftsgeheimnis. Profitorientierte Institutionen oder Unternehmen werden zu zentralen entwicklungspolitischen Akteuren, die Grenze zwischen staatlichen Subventionen für eigene Unternehmen und entwicklungspolitischer Förderung wird diffus. In dem ungleichen Machtverhältnis zwischen Entwicklungsstaaten und Großkonzernen ist die Gefahr groß, dass die Interessen armer Bevölkerungsgruppen gegen Profitinteressen ausgespielt werden.

 

In dem ungleichen Machtverhältnis zwischen Entwicklungsstaaten und Großkonzernen ist die Gefahr groß, dass die Interessen armer Bevölkerungsgruppen gegen Profitinteressen ausgespielt werden.

 

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) hat im Jahr 2014 die Sonderinitiative „EINEWELT ohne Hunger“ initiiert, die jährlich zusätzliche Finanzmittel für die weltweite Ernährungssicherung bereitstellt. Im Rahmen dieser Initiative soll in sogenannten Grünen Innovationszentren in insgesamt 14 Ländern die Kooperation mit Unternehmen der Agrar- und Ernährungswirtschaft forciert werden. Diese Initiative könnte ein Potenzial für den notwendigen Strukturwandel entwickeln, sofern sie tatsächlich wie angegeben kleinbäuerliche Strukturen gezielt fördert, deren Landrechte stärkt und die lokale Wertschöpfung und Einkommenssteigerung im ländlichen Raum voranbringt. Eine Förderung der kleinen Familienbetriebe müsste auch die Entwicklung zu höherwertigen Produkten beinhalten, beispielsweise aus dem Gartenbau oder der Viehwirtschaft, außerdem eine Verbindung mit kleinen und mittleren Unternehmen in lokalen Wertschöpfungsketten. So könnten kleinbäuerliche Betriebe zu Ernährungssicherheit und –souveränität beitragen, zu Wirtschaftswachstum und Beschäftigung, Armutsbekämpfung und zur Verminderung der räumlichen und sozioökonomischen Ungleichheit. Eine solche Strategie fördert die Erreichung gleich einer ganzen Reihe der Sustainable Development Goals.

 

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Pedro Morazán

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Dr. Pedro Morazán ist Volkswirt, gebürtiger Honduraner und arbeitet bei SÜDWIND seit 1992 als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Im Laufe dieser Zeit hat er zahlreiche Evaluierungen und Partnerberatungen geleitet. Daneben hat er diverse Studien und Expertisen für verschiedene Auftraggeber verfasst, unter anderem für GIZ/BMZ.

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