Kleine Farmen, großes Geld

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Afrikas Wirtschaft wird nur dann nachhaltig wachsen, wenn auch kleinteilige Landwirtschaft als Chance begriffen wird.

Ich bin ein Alternativtext
Dr. Agnes Kalibata ist die Präsidentin des Bündnisses für eine Grüne Revolution in Afrika (AGRA)

Von Agnes Kalibata

(c) Dennis Williamson
Porträt Dr. Agnes Kalibata, Präsidentin des Bündnis für eine Grüne Revolution in Afrika (AGRA)

Dr. Agnes Kalibata ist seit 2014 Präsidentin der AGRA. Als ehemalige Ministerin für Landwirtschaft und Wildbestände in Ruanda gilt sie südlich der Sahara als eine der erfolgreichsten Personen, die je dieses Ressort bekleideten. Dr. Kalibata war auch für das International Institute of tropical agriculture in Uganda sowie für mehrere andere Organisationen im Bereich Agrarentwicklung tätig.

 

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Die 38 Jahre alte Unternehmerin Beatrice Nkatha aus Kenia verkörpert die Hoffnung und das Potenzial der afrikanischen Landwirtschaft und deren Rolle in der nachhaltigen Wandlung der Landeswirtschaft. Im Jahr 2009 stellte Frau Nkatha ihre lokale Schneiderei, in der sie ihren täglichen Lebensunterhalt mit der Kleidungsreparatur für Bauern und deren Familien bestritt, in ein Geschäft für landwirtschaftliche Produkte um. Seitdem bietet sie dort hochwertiges Saatgut, Düngemittel und sonstige Produkte an, die in der Landwirtschaft benötigt werden. Als die örtlichen Erträge im Laufe der Zeit gestiegen waren, begann sie damit, landwirtschaftliche Erzeugnisse zu kaufen, um diese in größeren Mengen an Händler in größeren Städten zu verkaufen. Dies führte nicht nur zu einer maßgeblichen Steigerung ihres Privatvermögens, sondern auch dem von Hunderten weiterer Kleinbauern, die sie im 260 km nordöstlich von Nairobi in den Gebirgsausläufern des Mount Kenia gelegenen Mukothima beliefert.

 

Wie jede kluge Geschäftsfrau (und das hat sie in der Vergangenheit mehr als bewiesen) identifizierte und nutzte Frau Nkatha eine neue Geschäftsmöglichkeit in Form des Hirseanbaus und dessen Marketing. Die Geschäftsmöglichkeit manifestierte sich in Form einer erhöhten Nachfrage für diese Ware, nachdem sich die East African Breweries, eine in Nairobi ansässige regionale Brauerei (im mehrheitlichen Anteilbesitz von Diageo) dazu entschieden hatte, das örtliche Bier unter Verwendung von Hirse herzustellen. Sie benötigten eine große Menge Hirse.

 

Im ersten Schritt nannte Frau Nkatha ihr Unternehmen in „Sorghum Pioneer Agencies“ um und stellte sich der Brauerei daraufhin als einziger Hirselieferant in dieser Region vor. Im Laufe der Jahre gelang es ihr, mehr und mehr Bauern vom Hirseanbau zu überzeugen.  Tatsächlich wächst die Hirse in diesem trockenen bis halbtrockenen und somit anspruchsvollen Anbaugebiet besser als die meisten anderen Nutzpflanzen. Frau Nkatha arbeitet derzeit mit rund 14.000 Bauern zusammen, deren Hirseerträge sie sammelt und an die Brauerei vertreibt. Diese Bauern sind sowohl mit dem notwendigen Wissen für die anzubauende Hirseart als auch mit den Techniken zur Ertragsmaximierung auf ihren kleinen Feldern vertraut. Frau Nkatha verkauft ihnen nicht nur Saatgut und Düngemittel (häufig auf Kredit) und bietet Traktoren und Dreschmaschinen zur Miete an, sondern gewährt ihnen sogar Darlehen für die Zahlung von Schulgebühren.

 

Somit ist der Hirseanbau zu einem Geschäft geworden, das neue Arbeitsplätze schafft, und die Lebensumstände vieler Bauernfamilien verbessert. Diese Bauern können sich jetzt auf ein stabiles und zuverlässiges Einkommen verlassen, das bereits zu einer maßgeblichen Verbesserung ihres Wohlbefindens beigetragen hat. Darüber hinaus können sie sich hochwertigere Nahrung leisten, die Schulgebühren für ihre Kinder begleichen, bessere und feststehende Häuser bauen und zudem eine bessere medizinische Versorgung in Anspruch nehmen.

 

Die Geschichte von Frau Nkatha ist nur eine der vielen Geschichten des Kontinents, in der die Landwirtschaft mehr und mehr zu einem Geschäft wird. Dies beschränkt sich nicht nur auf Kenia oder auf die Wertketten in den Brauereibetrieben. Auch Reis, Kautschuk, Mais, Soja und viele andere Güter sind ein Beispiel für den positiven Einfluss des bahnbrechenden Einsatzes vieler Partner einschließlich der Bemühungen der Organisationen GIZ und KfW, die einen Teil der deutschen Entwicklungshilfe ausmachen.

 

Diese Erfolgsfälle zeigen die Bereitschaft afrikanischer Farmer, die Landwirtschaft als Einkommensquelle zu nutzen, vorausgesetzt, dass ihnen der notwendige Zugang zu verbesserten Materialien sowie modernen Technologien und insbesondere zu einem strukturierten Markt gewährt wird. Sie bilden die größte Privatwirtschaft in Afrika, die mehrere Millionen Mitglieder stark ist, und Berechnungen und Pläne gemäß der eigenen Erfahrung und Lerninhalte, jedoch auch gemäß den verfügbaren Möglichkeiten und Ressourcen macht. 

 

Letzten Endes lässt sich das nachhaltige Wirtschaftswachstum Afrikas nur durch zielgerichtete Maßnahmen realisieren, die diese Bauern mit in die Wirtschaft einbeziehen. Die Multiplikatoreffekte einer landwirtschaftlichen Umgestaltung sind gewaltig. Eine Verbesserung der Lebensumstände der Bauern fördert weitere einzigartige Qualitäten. Sie wandern nicht, wie viele andere, in die großen Städte ab, in denen sich viele Neuankömmlinge auf der untersten Sprosse einer erbarmungslosen wirtschaftlichen Leiter wiederfinden. Stattdessen fördern diese Bauern die Landwirtschaft, den Zustrom von Gütern und Dienstleistungen in neue Gebiete und die Erbauung florierender Marktstädte, in denen die Geldwirtschaft vorher praktisch nicht existent war.

 

Dies führt fast unweigerlich zur Entstehung neuer Arbeitsplätze im aufblühenden ländlichen Sektor. Diese entstehen nicht auf den eigentlichen Bauernhöfen, sondern in den kleinen Städten, in denen Ladenpersonal und Mechaniker für die Fahrradreparatur benötigt werden. Auch werden Agrarwissenschaftler und Ingenieure gesucht, die die Konstruktion von Bewässerungsanlagen beaufsichtigen können, und natürlich Hilfskräfte, die die Lebensmittelverpackung, den Transport, den Vertrieb und das Marketing unterstützen.

 

Anhand einer Umfrage von rund 10.000 auf dem Land lebenden schwarzafrikanischen Jugendlichen hat die Charter gezeigt, dass über die Hälfte dieser Jugendlichen keinen Umzug in die Stadtgebiete plant

 

Dies ist eine der wichtigsten Botschaften der Charta von Berlin, an der ich auf Anfrage der deutschen Regierung die Ehre hatte, zusammen mit verschiedenen Experten und Interessengruppen aus der ganzen Welt mitzuwirken. Anhand einer Umfrage von rund 10.000 auf dem Land lebenden schwarzafrikanischen Jugendlichen hat die Charter gezeigt, dass über die Hälfte dieser Jugendlichen keinen Umzug in die Stadtgebiete plant, sondern ihre Zukunft stattdessen in den ländlichen Regionen bestreiten möchte. Vorhandene Arbeitsplätze, Ausbildung und die allgemeine Infrastruktur spielen hierbei eine große Rolle.

 

Wir werden also alle Hände voll zu tun haben. Das Unternehmen AGRA arbeitet zwecks Umsetzung einer einzigartigen afrikanischen grünen Revolution mit verschiedenen Partnern zusammen. Diese Arbeit geht weit über die Nahrungsmittelsicherheit hinaus und zielt auf einen wirklichen und nachhaltigen Wirtschaftswandel für unsere Bevölkerung ab. Dies wird unserer Meinung nach erreicht, wenn Kleinbauern aus ihrem ständigen Überlebenskampf ausbrechen und sich zu einem erfolgreichen landwirtschaftlichen Unternehmen entwickeln. Ein Teil unseres Engagements zielt auf die Zusammenarbeit mit öffentlichen und privaten Partnern ab. Dies führt zu einer direkten Einkommenssteigerung und Nahrungsmittelsicherheit für 9 Millionen Bauernhaushalte und indirekt (durch unser katalytisches Einwirken) für weitere 21 Millionen Haushalte. All dies soll in den nächsten fünf Jahren umgesetzt werden.

 

Unsere Strategie konzentriert sich darauf, die Regierung in den Mittelpunkt zu stellen, sodass sich diese für das landwirtschaftliche Wachstum mithilfe privat finanzierter Investitionen einsetzen und es entsprechend fördern kann. Dies schafft ein starkes und gut ausbalanciertes Teilnehmer-Ökosystem und unterstützt Ansatzlösungen, die eine umfassende landwirtschaftliche Umwandlung bieten.

 

Wir sind davon überzeugt, dass dies der richtige Weg ist, zumal er sich bereits in der Vergangenheit als wirksam erwiesen hat. Im letzten Jahrzehnt haben wir beispielsweise mit afrikanischen Regierungen, Forschungszentren und anderen Partnern zusammengearbeitet, um Investitionen von über 200 Millionen USD Privatkapital in die Entwicklung des Saatgutgeschäfts in Afrika einzubringen. Dies hat zur Gründung von rund 100 privaten örtlichen Saatgutunternehmen geführt, die bisher fast 600.000 metrische Tonnen Saatgut an geschätzte 15 Millionen Bauern vertrieben, und somit einen maßgeblichen Einfluss auf die Erträge und Einkommen genommen haben.

 

Tatsächlich bekräftigen Fälle wie der von Frau Nkatha und den zuvor genannten Saatgutunternehmen, dass nicht nur Einzelpersonen, sondern auch ganze Länder mithilfe der landwirtschaftlichen Bemühungen von Kleinbauern wachsen können. Dies wird ebenfalls durch weitere Forschungen untermauert. Laut dem International Food Policy Research Institute (IFPRI) haben Kenia und andere Länder wie Burkina Faso, die Elfenbeinküste, Äthiopien, Ghana und Ruanda (diese Länder tätigen die größten Investitionen in die Landwirtschaft) Produktionssteigerungen von 6 % pro Jahr auf existierenden landwirtschaftlichen Nutzflächen verzeichnen können. Darüber hinaus konnte ein mehr als vierprozentiger Anstieg des durchschnittlichen jährlichen BIP erzielt werden. Trotz der Tatsache, dass dieser Erfolg durch den drohenden Klimawandel und häufige Dürreperioden bedroht wird, ist das, was wir erfahren, gelernt oder umgesetzt haben, nicht mehr länger von der Hand zu weisen. Wenn überhaupt, stärken diese kommenden Bedrohungen unsere Entschlossenheit zu handeln, da uns die Ergebnisse zeigen, dass die Armutsquoten in diesen Ländern sinken, die Nahrungssicherheit steigt und neue Arbeitsplätze entstehen.

 

Genau aus diesem Grund haben im Verlauf der Geschichte Regionen aus der ganzen Welt ihren wirtschaftlichen Erfolg auf ein erfolgreiches Kleinbauerntum gestützt. Afrika muss dies ebenfalls tun, ohne weiter Zeit zu verlieren.

 

Diese Sonderinitiative würdigt, dass eine Welt ohne Hunger möglich ist, und dass Afrika sich selbst versorgen kann.

 

Trotz alledem verlangt die Weiterführung dieser Vision die Zusammenarbeit wichtiger verschiedener Investitionen. Auch eine starke Führung im öffentlichen und privaten Sektor ist unerlässlich. Aus diesem Grund ist die Vielseitigkeit der Rollen, die Regierungen, der private Sektor und andere Organisationen dabei spielen, unverkennbar. Die Bemühungen unserer Partner werden uns bei der Erfüllung dieser Ziele unterstützen. Mit seiner Führung und seinen Kernprogrammen des BMZ, der GIZ und der KfW sowie vielen anderen Akteuren des privaten Sektors und der Zivilgesellschaft steht Deutschland an der Spitze der Bemühungen in der Region. Es liegt auch weiterhin an uns darüber nachzudenken, wie wir in gemeinschaftlicher Zusammenarbeit auf diesen aufbauen können. Auf dem Weg dorthin sind wir zuversichtlich, dass wir die Vision Deutschlands mit der speziellen Initiative „Eine Welt ohne Hunger“ umsetzen können. Diese Initiative würdigt, dass eine Welt ohne Hunger möglich ist, und dass Afrika sich selbst versorgen kann.

 

Wir dürfen nicht vor dieser Herausforderung zurückschrecken, nur, weil sie komplex ist

 

Alle Anzeichen sprechen dafür, dass dieses Vorhaben realisierbar ist, und wir wissen, wie wir die notwendigen Veränderungen fördern können. Wir dürfen nicht vor dieser Herausforderung zurückschrecken, nur, weil sie komplex ist, sondern müssen bei der Planung und Durchführung der Änderungen auf unserem Kontinent standhaft und strategisch vorgehen, ohne dabei die lokalen Herausforderungen, Möglichkeiten und Unterschiede außer Acht zu lassen: Es gibt keine allgemeingültige Lösungsformel und keine Abkürzungen. Zwar können wir Hoffnung und Zuversicht aus den bisher erreichten Erfolgsgeschichten schöpfen, müssen jedoch auch dazu bereit sein, mit viel Engagement an einer großflächigen Stärkung der Landwirtschaft für sowohl Kleinbauern als auch die Wirtschaft im Allgemeinen zu arbeiten.

 

Über den Autoren

Agnes Kalibata

(c) Dennis Williamson
Porträt Dr. Agnes Kalibata, Präsidentin des Bündnis für eine Grüne Revolution in Afrika (AGRA)

Dr. Agnes Kalibata ist seit 2014 Präsidentin der AGRA. Als ehemalige Ministerin für Landwirtschaft und Wildbestände in Ruanda gilt sie südlich der Sahara als eine der erfolgreichsten Personen, die je dieses Ressort bekleideten. Dr. Kalibata war auch für das International Institute of tropical agriculture in Uganda sowie für mehrere andere Organisationen im Bereich Agrarentwicklung tätig.

 

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