Kein dreckiges Geschäft

Mit dem „großen Geschäft“ lassen sich gute Geschäfte machen. Und: Menschliche Ausscheidungen können unsere Ernährungssysteme entscheidend verbessern. Über eine gelungene Kooperation zwischen Agrarforschung und Privatwirtschaft.

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Exkremente, gesammelt aus Plumpsklos, werden zum Gelände transportiert und zu Dünger aufbereitet. (c) Neil Palmer/IWMI

Von Marlis Lindecke

(c) Dennis Williamson

Dr. Marlis Lindecke leitet das GIZ Programm Beratungsgruppe für Entwicklungsorientierte Agrarforschung (BEAF) in Bonn. Sie und ihr Team organisieren die Forschungsförderung des Bundesministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) an die internationalen Agrarforschungszentren der globalen landwirtschaftlichen Forschungspartnerschaft CGIAR sowie des World Vegetable Centers und des International Center of Insect Physiology and Ecology (icipe).

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„Shit Business is Serious Business“, prangt in großen Buchstaben auf dem Tankfahrzeug. Das ungewöhnliche Motto eines mobilen Toilettenunternehmens aus Nigeria verrät bereits was der Transporter geladen hat: Fäkalien.

Statt sein Geschäftsfeld diskret zu umschreiben, hat der findige Geschäftsmann Otunba Gaddafi eine offensive Vermarktungsstrategie gewählt, die seiner Firma viel Aufmerksamkeit und Anerkennung verschafft hat.

 

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Im Prüfzentrum finden Versuche statt, um die Qualität zu vergleichen. (c) Neil Palmer/IWMI

Generell wird über das „andere Ende“ der Nahrungsmittelkette sonst ja eher selten gesprochen – zu selten, um hinter dem Entsorgungsproblem das schlummernde Potential zu erkennen. Dabei lassen sich gute Geschäfte mit dem „großen Geschäft“ machen und nicht nur das: Menschliche Ausscheidungen können unsere Ernährungssysteme entscheidend verbessern.

Wie das gehen kann, zeigen das internationale Institut für Wassermanagement (IWMI) und seine Partner gerade mit einem Public-Private-Partnership in Ghana. IWMI ist eines von 15 internationalen Agrarforschungszentren der Globalen Forschungspartnerschaft für eine ernährungssichere Zukunft CGIAR.

 

Besseres Saatgut für eine bessere Versorgung

In über neunzig Ländern forschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der CGIAR an neuen Technologien, verbessertem Saatgut und angepassten landwirtschaftlichen Praktiken für Kleinbäuerinnen und Kleinbauern in Entwicklungsländern.

Denn um mehr Lebensmittel für eine ausreichende und gesunde Versorgung der wachsenden Weltbevölkerung zu produzieren, wird auch mehr Wasser benötigt. Doch das ist vielerorts Mangelware.

 

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Aufbereitete menschliche Fäkalien werden zu nährstoffreichem Dünger verarbeitet. (c) Neil Palmer/IWMI

Dabei könnten menschliche Ausscheidungen eine wertvolle Ressource für die Landwirtschaft sein: Als nährstoffreiche Basis für biologischen Dünger.

Gerade in Ländern wie Ghana, die unter geringer Bodenfruchtbarkeit leiden, wird dieser dringend gebraucht. Aktuell wird meist Mineraldünger verwendet, der für viele Kleinbauern unerschwinglich ist und das Risiko von Landdegradation erhöht. Das in Städten entstehende Abwasser könnte allerdings ein Viertel des Stickstoffes, der als synthetischer Dünger weltweit auf die Felder kommt, ersetzen.

 

Neil Palmer / IWMI
Die Temperatur von Schwaden werden gemessen, die Kombinationen von Fäkalschlamm enthalten. (c) Neil Palmer/IWMI

Damit mikrobielle Schadstoffe und Krankheitserreger jedoch nicht ihren Weg ins Essen finden, ist es entscheidend, dass Fäkalien richtig aufbereitet und eingesetzt werden. Dafür fehlt es vielen Entwicklungsländern jedoch an Infrastruktur und finanziellen Kapazitäten.

Deshalb kooperiert das Agrarforschungszentrum IWMI bei der Entwicklung von Lösungen für ein nachhaltiges Wasser- und Landmanagement in Entwicklungsländern verstärkt mit dem Privatsektor.

Denn obwohl es stets Vorteile bietet, Fäkalschlamm zu nutzen, geht es darum wirtschaftliche Chancen zu eröffnen, wo andere nur Kosten und Dreck sehen.

 

Praktische Pellets

Gemeinsam mit öffentlichen und privaten Partnern haben IWMI und andere Zentren Methoden entwickelt, mit denen aus menschlichen Ausscheidungen hochwertige, biologische Düngemittel werden, die sich lohnen. Auch für die Bauern.

Eines dieser Produkte ist der Fortifer, dessen Entwicklung auch durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) unterstützt wurde. Fortifier wird aus Fäkalien, Mineralien Essensabfällen gewonnen und kann, verglichen mit anorganischem Dünger, 20 bis 50 Prozent mehr Ertrag bewirken – ohne die Bodenfruchtbarkeit zu vermindern.

Durch seine praktische Pellet-Form ist er leicht zu transportieren und zu dosieren und spart den Bauern dadurch Kosten. Außerdem entspricht er den internationalen Sicherheitsstandards der Weltgesundheitsorganisation.

Nahe Accra wurde nun das erste öffentlich-private Unternehmen Ghanas gegründet, das diesen Dünger produziert.

Die ghanaische Regierung stellt Land zur Verfügung. Der Privatsektor übernimmt zunächst die Betriebs- und Absatzkosten für die ersten drei Jahre. Diese Investitionen lohnen sich für alle Partner: Die Herstellung von hochwertigem Dünger im eigenen Land reduziert die Abhängigkeit von Düngemittelimporten.

Gleichzeitig werden neue Geschäftsfelder für die lokale Wirtschaft und Arbeitsplätze geschaffen: vom Abtransport über die Verarbeitung und Produktion des Düngemittels bis hin zu Zwischenhändlern und Anlagentechnikern.

 

Auch die politischen Rahmenbedingungen entstehen derzeit: Die Regierung Ghanas hat die Fortifer-Pellets für kommerzielle Produktion zugelassen und kompostierte Abfälle wurden in das nationale Förderprogramm für Düngemittel aufgenommen.

IWMI hat das Projekt angestoßen und wissenschaftlich begleitet, von der Marktanalyse bis zur fertigen Produktentwicklung. Auch darüber hinaus beteiligen sich die Wissenschaftler damit aus Forschungsergebnissen auch langfristig ein funktionierendes Geschäftsmodell wird.

In Kooperation zwischen Agrarforschung, der Regierung Ghanas und privater Investoren ist so eine Modell-Lösung entstanden, die viel Potential hat und sich in andere Länder übertragen lässt. Zum Beispiel in Sri Lanka, wo IWMI derzeit den Fortifer mit Unterstützung des BMZ testet.

 

Um weitere Initiativen zu fördern, hat IWMI das Fortifer-Projekt sowie andere Geschäftsmodelle für Fäkalschlammmanagement analysiert und als praktische Handreichung aufgearbeitet.

Doch nur solche Produkte aus der Forschung funktionieren, die an die Rahmenbedingungen und Bedürfnisse der Endkunden angepasst sind. Und um langfristig zu wirken, müssen sie rentabel sein.

Insbesondere dort, wo öffentliche Dienste zu schwach oder gar nicht erst vorhanden sind, spielen auch größere privatwirtschaftliche Partner eine zentrale Rolle um Forschungsergebnisse in die kleinbäuerliche Praxis zu bringen.

Alle 17 von Deutschland unterstützten Agrarforschungszentren tragen daher nicht nur mit ihrer Expertise und ihren Forschungsergebnissen zu Lösungen bei. Sie haben auch die entscheidende Aufgabe als Wissensvermittler zu agieren, aktiv Partnerschaften einzugehen und zu initiieren.

 

Jürgen Anthofer / IWMI
Düngerpellets von einem Testgelände in Buet. (c) Neil Palmer/IWMI

Die internationale Agrarforschung kooperiert jedoch nicht nur mit der Privatwirtschaft. Sie stellt auch ein wichtiges Gegengewicht zu den internationalen Agrarkonzernen dar. Denn sie produziert öffentliche Güter, die weltweit frei verfügbar sind und deren Verwendung nicht durch Patente limitiert wird.

Gleichzeitig arbeiten die Wissenschaftler auch zu Pflanzen wie Hirse und Maniok, die nicht zwingend kommerziell interessant sind, aber als traditionelle Grundnahrungsmittel in Entwicklungsländern eine zentrale Rolle für die Welternährung spielen.

Denn neben größeren Mengen braucht es auch vielfältigere Nahrungsmittel auf dem Speiseplan um versteckten Hunger und Mangelernährung zu bekämpfen.

 

Internationale Agrarforschung nimmt also den öffentlichen Auftrag wahr, Hunger, Armut und Degradation zu mindern. Ihre Ergebnisse können entsprechend nicht auf Profit ausgerichtet sein – sehr wohl aber profitabel sein.

Beispiele wie der Fortifer zeigen, dass dies möglich ist. Und wem das „Shit Business“ etwas zu plakativ ist, der sei unbesorgt: In Indien hat IWMI ein Geschäftsmodell analysiert, dass ebenfalls erfolgsversprechend ist.

Hier werden die Transportfahrzeuge, die den Fäkalschlamm gegen eine kleine Gebühr abpumpen, ganz liebevoll „Honigsauger“ genannt.

 

Jürgen Anthofer / IWMI
Aus getrockneten Fäkalien stellen die Arbeiter hier in Bangladesch Düngemittel her. (c) Neil Palmer/IWMI

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Marlis Lindecke

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Dr. Marlis Lindecke leitet das GIZ Programm Beratungsgruppe für Entwicklungsorientierte Agrarforschung (BEAF) in Bonn. Sie und ihr Team organisieren die Forschungsförderung des Bundesministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) an die internationalen Agrarforschungszentren der globalen landwirtschaftlichen Forschungspartnerschaft CGIAR sowie des World Vegetable Centers und des International Center of Insect Physiology and Ecology (icipe).

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