Für eine neue Kultur der Zusammenarbeit mit Afrika

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Afrikas größte Herausforderung und zugleich Chance ist die Jugend. Die bedeutendste Frage der Zukunft lautet darum: Zu welcher Waffe wird sie greifen – zur Wählerkarte oder zum Gewehr?

(c) Dennis Williamson

Von Horst Köhler

(c) Dennis Williamson

Prof. Dr. Horst Köhler war von 2004 bis 2010 deutscher Bundespräsident. Zuvor war er Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, Präsident des Sparkassen- und Giroverbandes und der EBRD sowie geschäftsführender Direktor des IWF.

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Die Herausforderungen sind gigantisch. Schon heute leben über eine Milliarde Menschen in Afrika, viele davon in Armut und ohne Perspektiven auf ein selbstbestimmtes Leben. Die Bevölkerung wird sich bis ins Jahr 2050 wohl verdoppeln auf über 2 Milliarden Menschen – dann werden etwa 20 Prozent der Weltbevölkerung Afrikaner sein, nur etwa 5 Prozent Europäer. Sind wir uns im Klaren darüber, was das bedeutet, für unsere Ökosysteme, die Weltwirtschaft, die internationale Politik? Der Klimawandel – den ja nicht die Afrikaner, sondern vor allem die reichen Länder verursacht haben – und die einhergehende Wüstenbildung gefährden die Lebensgrundlagen von Millionen von Menschen. Und während in den letzten Jahren allerorten das Loblied auf den „Wachstumskontinent Afrika“ gesungen wurde, sehen wir jetzt mehr und mehr die Verwundbarkeit afrikanischer Volkswirtschaften: der Verfall der Ölpreise reißt riesige Löcher in die Haushalte etwa von Nigeria oder Angola, und viele Länder, die sich lange auf den Export von Rohstoffen verlassen haben und geschlafen haben bei der notwendigen Diversifizierung, erleben jetzt ein böses Erwachen, weil die Nachfrage sinkt und die Rohstoffpreise im Keller sind. Im politischen Bereich gibt es in einigen Ländern eine bedenkliche Autokratisierung. Glücklicherweise gibt es aber auch eine immer wachere Zivilgesellschaft, und Länder wie zuletzt Nigeria oder Tansania zeigen, dass professionelle und integre Regierungskabinette in Afrika ernsthafte Reformen angehen.

 

Afrikas größte Herausforderung – und gleichzeitig seine größte Chance – ist die Jugend.

 

Afrikas größte Herausforderung aber – und gleichzeitig seine größte Chance – ist die Jugend. Etwa zwei Drittel der Afrikaner sind jünger als 35 Jahre. Und sie wollen das, was junge Menschen überall möchten: Lernen. Arbeiten. Mitreden. Leben. Laut Berechnungen des Internationalen Währungsfonds müssen in Afrika bis zum Jahr 2035 jedes Jahr 18 Millionen Jobs geschaffen werden, allein um die wachsende Jugendbevölkerung zu absorbieren. Das ist eine in der Geschichte der Menschheit beispiellose Aufgabe.

 

 

Wir brauchen neues Denken in Afrika und bei uns

Und damit stelle ich die vielleicht bedeutendste Frage für Afrikas Zukunft: Zu welcher Waffe wird die afrikanische Jugend greifen – zur Wählerkarte oder zum Gewehr? Die Antwort auf diese Frage ist entscheidend auch für eine gute Zukunft Europas, denn wenn hunderte von Millionen junger Afrikanerinnen und Afrikaner keine Perspektiven für ein Leben in Würde sehen, dann müssen wir auf unserem Nachbarkontinent mit neuen massiven Instabilitäten rechnen und mit Migrationsbewegungen, die die letzten Monate als Tröpfeln erscheinen lassen. Die vermehrten Terroranschläge zeigen deutlich, dass die Destabilisierung afrikanischer Regionen und die Verführung der afrikanischen Jugend zur Strategie der Schlächter von Al-Quaida und anderen Terrorgruppen gehören.

 

Die Hauptverantwortung für die Zukunft Afrikas liegt bei den Afrikanern selbst. Afrika wird erst dann nachhaltig prosperieren können, wenn der Kampf gegen Korruption und Armut und für Rechtsstaatlichkeit die politische Kultur bestimmt. Und dennoch kommen wir um die Frage nicht herum: Welche Vorschläge geben eigentlich Deutschland und Europa der afrikanischen Jugend an die Hand? Wenn es um Afrika geht, dann scheint es mir, als stünde die Größe der Herausforderung in einem seltsamen Missverhältnis zu der Kleinmütigkeit unserer Antworten. Die Konsequenz kann doch nicht sein, nun einfach die Entwicklungshilfe aufzustocken. Ich habe natürlich nichts gegen mehr Entwicklungshilfe, aber wir müssen uns schon fragen: reicht das eigentlich aus? Können wir wirklich ein anderes Ergebnis erwarten, wenn wir einfach mehr vom gleichen bieten?

 

Wir brauchen eine große strategische Antwort, wir brauchen neues Denken in Afrika und bei uns.

Das bedeutet erstens: Die deutsche Wirtschaft mit ihrer starken industriellen Kompetenz ist der geborene Partner für Afrika, um dort die notwendige Diversifikation und Transformation der afrikanischen Volkswirtschaften voranzubringen. Dabei kann vor allem auch unser Mittelstand mit seiner Philosophie der lokalen Verwurzelung und sozialen Verantwortung eine tragende Rolle spielen. Ich freue mich, dass die deutsche Wirtschaft derzeit das Wachstumspotenzial des afrikanischen Kontinents neu entdeckt. Beispielhaft dafür steht ein neues großes Projekt für die Ausbildung von Elektrikern, Mechanikern und Mechatronikern, das der Verband der deutschen Maschinen- und Anlagenbauer und der nigerianische Unternehmer Dangote gemeinsam mit dem BMZ in Nigeria angepackt haben. Für eine kraftvolle strategische Wirtschaftspartnerschaft mit Afrika würde ich mir darüber hinaus wünschen, dass die Bundesregierung einen noch flexibleren Einsatz von Finanzierungs- und Garantieinstrumenten möglich macht.

 

 

Europa sollte sich zum Anwalt machen

 

Zweitens: In Afrika gibt es gute Pläne für arbeitsplatzschaffendes Wachstum und Armutsbekämpfung. Dazu gehören die regionale Integration und die Schaffung einer panafrikanischen Freihandelszone. Das volle Potenzial dieser Wachstumstreiber erschließt sich aber erst, wenn es den afrikanischen Volkswirtschaften erleichtert wird, sich auch in die internationalen Wertschöpfungsketten einzuklinken. Dem steht aber in wichtigen Bereichen immer noch die Agrar- und Handelspolitik der Industrieländer entgegen. Europa sollte sich zum Anwalt machen und auch vorangehen, dies zu ändern. Entsprechend sollten die Europäischen Partnerschaftsabkommen – und übrigens auch TTIP – daraufhin überprüft werden, ob sie den Aufbau einer afrikanischen verarbeitenden Industrie und eines dynamischen Dienstleistungssektors nicht eher erschweren als fördern.

 

Drittens: Bieten wir mehr jungen Leuten aus Afrika die Möglichkeit, für eine Zeit zu uns nach Deutschland und Europa zu kommen, zu lernen, zu studieren, zu forschen! Lasst uns massiv die Austauschprogramme ausbauen und die Stipendienmöglichkeiten hochfahren! Wo immer ich in Afrika junge Menschen frage, was sie sich von Deutschland und Europa wünschen, sagen sie: „Lasst uns zu euch kommen, wir wollen nicht eingesperrt sein in unserem Land, wir wollen von euch lernen, ein oder zwei oder drei Jahre, und dann zurückkehren und mithelfen, unser eigenes Land aufzubauen“. Begegnen wir diesem Wunsch nicht mit Kleingeistigkeit und Angst, sondern mit Offenheit, Großzügigkeit und der Freude, die ein Lehrer über den Lerneifer eines neugierigen Schülers verspürt.

 

Viertens: Legen wir unsere Arroganz gegenüber Afrika ab, lernen wir mehr über seine Geschichte, seine Wirklichkeit, seine Kultur. Lernen wir zu differenzieren. Und lernen wir mehr von Afrika. Dieser Kontinent verdient die volle Aufmerksamkeit unserer klügsten Köpfe, er verdient Parlamentarierbegegnungen und Reisen und Dialoge noch viel stärker als bisher. Und er verdient einen gegenseitigen Lernprozess, ein übereinander lernen. Ich bin übrigens davon überzeugt, dass wir in diesem Prozess auch uns selbst besser verstehen lernen – was es bedeutet, Europäer zu sein, deutsch zu sein in dieser Welt der gegenseitigen Abhängigkeiten.

 

Deshalb: Richten wir jetzt unseren Blick auf Afrika. Weichen wir diesem Großthema des 21. Jahrhunderts nicht mehr aus! Haben wir den Mut zu großen Antworten, denn die Herausforderungen werden nicht kleiner.

 

Und hören wir bitte auf, Scheinlösungen zu produzieren, neue Mauern in unseren Köpfen und an unseren Grenzen hochzuziehen. Eine echte, langfristige Lösung der aktuellen Weltunordnung kann nur in einer Politik der Zugewandtheit zur Welt liegen, in einem Bewusstsein, wie sehr die Schicksale der Völker miteinander verknüpft sind. Das erfordert auch eine andere, ernstere, internationalere Wirtschaftspolitik, Handelspolitik, Umweltpolitik, Agrarpolitik, Verkehrspolitik, kurzum: eine Politik, die in ihrer Gesamtheit eine neue internationale Friedens- und Entwicklungspolitik ist. Eine europäisch-afrikanische Lerngemeinschaft könnte Großes erreichen.

 

Dieser Artikel basiert auf der Rede von Hörst Köhler beim Afrika-Kongress der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag am 16. März 2016. Die vollständige Rede im Wortlaut finden Sie hier.

Über den Autoren

Horst Köhler

(c) Dennis Williamson

Prof. Dr. Horst Köhler war von 2004 bis 2010 deutscher Bundespräsident. Zuvor war er Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, Präsident des Sparkassen- und Giroverbandes und der EBRD sowie geschäftsführender Direktor des IWF.

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