Wie Innovationen in die Welt kommen

Böden sind Basis der Produktion von 95 Prozent aller Nahrungsmittel. Gleichzeitig sind sie weltweit bedroht. Überlegungen zur Rolle der Entwicklungszusammenarbeit am Beispiel der Böden.

Klaus Töpfer (c) Patrick Seeger/dpa

Von Klaus Töpfer

Klaus Töpfer

Professor Dr. Klaus Töpfer, Diplom-Volkswirt, war bis von 2009 bis 2015 Exekutivdirektor des Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) in Potsdam.

Alle Beiträge

Von Alexander Müller

Alexander Müller

Alexander Müller, Diplom-Soziologe, ist Leiter einer globalen Studie des UN-Umweltprogramms über "The Economics of Ecosystems and Biodiversity for Agriculture and Food"und Geschäftsführer von „TMG – Töpfer, Müller, Gaßner GmbH, ThinkTankforSustainabilty“.

Alle Beiträge

TMG – ThinkTankforSustainabilty

GIZ

Ein Blick auf einige der weltweiten Entwicklungsindikatoren zeigt uns ein Bild, das zuversichtlich stimmt: Der Anteil der Menschen, die in Hunger und Armut leben, hat abgenommen. Die Einschulungsraten von Kindern und besonders von Mädchen steigen. Die Gesundheitsversorgung für junge Mütter und der Zugang zu Impfstoffen haben sich verbessert. Gleichzeitig müssen wir aber auch gegenläufige Entwicklungen verzeichnen: Die Bedrohung durch den Klimawandel, ein steigender Verbrauch natürlicher Ressourcen, der weit über ein nachhaltiges Niveau hinausgeht, oder die Zunahme der Anzahl bewaffneter Konflikte sind nur einige Beispiele für Trends, die Entwicklungsfortschritte wieder zunichte machen können. Wir müssen feststellen, dass in einigen Regionen Afrikas die absolute Zahl der Hungerenden steigt und die Zahl der fehlernährten Menschen weltweit auf über zwei Milliarden geschätzt wird.

 

Ein friedliches gemeinsames Zusammensein der Menschen dieser Erde erfordert, dass wir diesen neuen und alten Herausforderungen begegnen. Dies setzt Wissen, dies setzt neue Ideen und Initiativen voraus. Wir müssen unsere Technologien weiterentwickeln und benötigen soziale Innovationen, um uns den sich ändernden Rahmenbedingungen anpassen und diese mitgestalten zu können.

 

Innovationen für Ernährungssicherung

Wie entstehen die Innovationen, die uns dabei helfen sollen, Ernährungssicherung für eine wachsende Weltbevölkerung unter den Bedingungen des Klimawandels sicherzustellen? Bei dem Begriff Innovation kommt als erstes das Bild des Wissenschaftlers in den Kopf, der im Labor ertragreichere Pflanzen züchtet, verbesserte Medikamente für Tiere herstellt oder landwirtschaftliche Maschinen so weiterentwickelt, dass sie weniger Treibstoff benötigen. Studien zeigen, dass die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität im globalen Vergleich ganz maßgeblich auf Innovationen zurückzuführen ist und weniger auf den steigenden Einsatz von Betriebsmitteln wie Dünger oder Bewässerung. Diese Art von Innovationen werden wir weiterhin benötigen, und es wäre fahrlässig, diese Art von Forschung nicht weiter systematisch zu fördern.

 

Wir benötigen aber auch soziale Innovationen: eine stärkere Anerkennung der Besitzrechte an Land von Frauen und anderen produktiven Ressourcen, auch Änderungen im Konsumverhalten oder neue Ansätze im Grundwasserschutz. All dies sind bekannte Herausforderungen, an denen sich die Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft seit Jahren und teils Jahrzehnten die Zähne ausbeißen. Um sie anzugehen, benötigen wir andere Wege, Innovationen zu generieren.

 

Wandel durch Wissen - Wissen durch Wandel

Zuerst einmal handelt es sich um Innovationen, an deren Umsetzung viele Akteure beteiligt sind. Diese Innovationen können deswegen nicht abgeschottet von den politischen und sozialen Interessen entwickelt werden. Teilweise stellen sich die relevanten Fragen darüber hinaus im Prozess der Implementierung von politischen Programmen - wie zum Beispiel von Programmen zur Förderung der Ausstellung von Landtiteln im Namen beider Ehepartner. In einem anderen Kontext haben wir deswegen von „Wandel durch Wissen“ und „Wissen durch Wandel“ gesprochen. Die Transformationsprozesse selbst genieren die Forschungsfragen, die dann zu den Innovationen führen.

 

Es bedarf deshalb einer Wissenschaft mit der Gesellschaft. Im wissenschaftlichen Sprachgebrauch hat sich der Begriff der Transdisziplinarität etabliert. Im Grundsatz geht es darum, dass verantwortliche Akteure aus Politik und Zivilgesellschaft in den Prozess der Forschung eingebunden werden, um so Lösungen - Innovationen - zu entwickeln, die auf die Handlungsrealitäten der Verantwortlichen in Politik, Zivilgesellschaft und Wirtschaft angepasst sind. 

 

Ein Beispiel: Bodenrehabilitierung für Ernährungssicherung

Im Vergleich zu Wasser ist die Bedeutung unserer Böden viel weniger im Bewusstsein verankert. Das ist überraschend. Denn Böden sind Basis der Produktion von 95 Prozent aller Nahrungsmittel, sie sind Heimat eines bedeutenden Teils der Biodiversität, speichern nach den Ozeanen die zweitgrößte Menge Kohlenstoff und sind ein bedeutender Faktor in der Bildung von Grundwasser. Gleichzeitig sind die Böden weltweit bedroht. Schätzungen gehen davon aus, dass wir 24 Milliarden Tonnen fruchtbaren Oberbodens jedes Jahr auf landwirtschaftlichen Nutzflächen durch Erosion verlieren. Durch die menschliche Nutzung sind manche Bodentypen sogar ganz verschwunden, sie sind „ausgestorben“. Die Konvention zur Bekämpfung der Wüstenbildung geht davon aus, dass durch diese Prozesse weltweit mehr als eine Milliarde Menschen betroffen sind.

 

Gleichzeitig nehmen die Anforderungen an unsere Böden zu: Böden sollen so genutzt werden, dass sie uns helfen, den Klimawandel abzumildern; sie sollen Biomasse bereit stellen, um so nicht erneuerbare Ressourcen zu substituieren; und sie sollen so genutzt werden, dass auf ihnen Nahrungsmittel für eine wachsende Weltbevölkerung mit steigenden Konsumansprüchen hinsichtlich tierischer Produkte produziert werden können.

 

Um diesen Anforderungen angesichts der Degradationstrends gerecht zu werden, bedarf es zweierlei: Böden müssen nachhaltig bewirtschaftet und degradierte Böden rehabilitiert werden und Böden müssen verantwortlich verwaltet werden, das heißt die Rechte an fruchtbaren Böden müssen gerecht und im Sinne der Nachhaltigkeit zugeteilt werden.

 

Beide Handlungsfelder, die Bodenrehabilitierung und die verantwortungsvolle Regierungsführung im Landbereich, bedürfen Innovationen zu ihrer weiteren Umsetzung. Technologische Innovationen, aber auch soziale Innovationen im oben diskutierten Sinn.

 

Hierzu ein Beispiel: Es existieren viele Maßnahmen, mit denen die Fruchtbarkeit der Böden wieder hergestellt werden kann. Doch sie werden in der Regel nicht breitenwirksam angewandt. Technologien sind darauf ausgelegt, dass mehr Arbeitskraft zur Verfügung steht, als eine Familie bereit stellen kann - nicht zuletzt in Zeiten zunehmender Binnen- und Außenmigration; die landwirtschaftlichen Beratungssysteme sind nicht auf die Bedürfnisse ernährungsunsicherer Haushalte ausgerichtet oder die Ausgestaltung der Landrechte macht es Frauen, jungen Menschen oder Migranten fast unmöglich, in den Erhalt oder den Aufbau von Bodenfruchtbarkeit zu investieren. Diese Hindernisse sind bekannt, genauso wie generelle Einsichten, wie ihnen zu begegnen ist. Es fehlt aber häufig an den lokal angepassten sozialen Innovationen. Sie lassen sich nicht am Schreibtisch oder im Labor gestalten. Zu ihrer Identifikation bedarf es der gemeinsamen Forschung von Wissenschaftlern und anderen Akteuren. Es bedarf Wissenschaft mit der Gesellschaft.

 

Die Rolle der internationalen Zusammenarbeit

Das Beispiel der Böden eignet sich ausgesprochen gut, um die mögliche Rolle der internationalen Zusammenarbeit bei derartigen Innovationsprozessen zu diskutieren. In Abstimmung mit den Partnerregierungen sind zwei Beiträge von Akteuren der internationalen Zusammenarbeit denkbar:

 

  1.  Agenda-Setting: Das Thema Böden zeigt, dass Themen von großer Bedeutung für die Ernährungssicherung nicht notwendigerweise ganz oben auf der Agenda der politisch Verantwortlichen stehen. Durch gezielte entwicklungspolitische Programme zu diesen Themen lässt sich ein Momentum und Offenheit für die Bearbeitung solcher Themen schaffen. Ohne ein solches politisches Momentum sind Innovationsprozesse deutlich schwieriger durchzuführen. Darüber hinaus stoßen derartige entwicklungspolitische Programme die Wandlungsprozesse an, die die Basis für die Identifizierung der relevanten Forschungsfragen bilden.
  2. Unmittelbare Förderung von Innovationsprozessen: Es dauert Zeit, bis soziale Innovationen gefunden sind. Akteure müssen beteiligt werden; die Voraussetzungen für die Partizipation benachteiligter Gruppen müssen geschaffen werden und es Bedarf Zeit, um Ideen auszuprobieren. Lernen aus Fehlern ist eine zwingende Voraussetzung für Innovation, die ewig wiederkehrende Publikation von Erfolgsfällen eher weniger.

 

Mit der Sonderinitiative „Eine Welt ohne Hunger“ und der darin eingebetteten Begleitforschung, die in enger Abstimmung mit den Durchführungsorganisationen agiert, ist eine wichtige Voraussetzung für derartige Innovationsprozesse geschaffen worden. Diese gilt es nun, systematisch zu dokumentieren und auszuwerten, um aus der Innovation „Sonderinitiative“ auch die Schlüsse für die weitere Arbeit des Bundesministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung zu ziehen.

 

Ein Ausblick

Der Zustand unserer Böden steht beispielhaft für die eingangs erwähnten Herausforderungen, an denen der weltweite Fortschritt in der Hunger- und Armutsbekämpfung scheitern könnte. Um diesen Herausforderungen zu begegnen, sind konzertierte entwicklungspolitische Programme dringend erforderlich. Die internationale Zusammenarbeit kann in enger Kooperation mit ihren Partnern zentrale Impulse setzen und die Wege zur Umsetzung der entsprechenden Programme aufweisen.

 

Da uns die konkreten Ansätze häufig nicht bekannt sind, um den Herausforderungen unter bestimmten lokalen Gegebenheiten zu begegnen, zum Beispiel des Bodenschutzes, muss die internationale Zusammenarbeit ihre Rolle in Innovationsprozessen weiter stärken. Dabei ist auch die Einbindung der Wissenschaft zwingend erforderlich. Einer Wissenschaft allerdings, die sich dem Dialog mit anderen Akteuren nicht entzieht, sondern ihn als integralen Bestandteil der Forschung - und nicht nur der Anwendung der Forschungsergebnisse - begreift.

Über den Autoren

Alexander Müller

Alexander Müller

Alexander Müller, Diplom-Soziologe, ist Leiter einer globalen Studie des UN-Umweltprogramms über "The Economics of Ecosystems and Biodiversity for Agriculture and Food"und Geschäftsführer von „TMG – Töpfer, Müller, Gaßner GmbH, ThinkTankforSustainabilty“.

TMG – ThinkTankforSustainabilty

GIZ
Alle Beiträge zum Autor

Zurück zur Übersicht

Ähnliche Beiträge

Digitalisierung der Landwirtschaft

Von Christiane Grefe

Sensoren an der Sämaschine, satellitengesteuerte Traktoren, Bauern mit dem Tablet – die Landwirtschaft wird immer mehr von der Digitalisierung erfasst. Kann sie zur Ernährungssicherheit beitragen?

Weiterlesen …

(c) Thomas Lohnes / Brot für die Welt

Hype um Urban Gardening: Landwirte oder Hobbygärtner?

Von Stig Tanzmann

Urban Gardening findet immer mehr Anhänger. Menschen, die sich als Teil einer grünen Bewegung sehen, legen auf städtischen Flächen Nutzgärten an. In Gegenden großer Armut im globalen Süden ist urbane Landwirtschaft Teil einer Ernährungsstrategie.

Weiterlesen …

(c) Kate Holt / Africa Practice

Investitionen mit Hebeleffekt

Von Heike Baumüller, Christine Husmann, Julia Machovsky-Smid, Oliver Kirui, Justice Tambo

Wer Armut in Afrika verringern will, muss bei der Landwirtschaft ansetzen. Welche Investitionen die größte Wirkung erzielen, lässt sich durch wissenschaftliche Kriterien definieren.

Weiterlesen …

Vom Viehzüchter zum Fabrikant

Gewusst wie: In Benin gründen Bauern Fabriken, nachdem sie gelernt haben, was ein Unternehmer wissen muss.

Ein Projekt der GIZ

Weiterlesen …

Kakaoernte

Mehr Wirkung trotz knapper Mittel

Von Jochen Moninger

Nur mit Innovationen können wir den Hunger in der Welt abschaffen wie geplant. Das Geheimnis liegt im Teilen und Vernetzen von Ideen – und wurde von einigen Initiativen bereits gelüftet.

Weiterlesen …

Heu für die Trockenzeit

Der Klimawandel erschwert das Nomadenleben der Massai in Kenia. Ein neues Projekt führt sie in den Ackerbau ein.

Ein Projekt der Welthungerhilfe

Weiterlesen …

Fruchtbare Böden durch den richtigen Methodenmix

Im äthiopischen Hochland sind viele Böden ausgelaugt. Neuer Dünger und verbessertes Saatgut bringen ihm die Fruchtbarkeit zurück.  

Ein Projekt der GIZ

Weiterlesen …

Auf dem Weg zu einem nachhaltigen Kakaosektor

Rund 60 Prozent des in Deutschland verarbeiteten Kakaos stammen aus der Elfenbeinküste. Die Arbeit machen lokale Kakaobäuerinnen- und bauern.

Ein Projekt in Zusammenarbeit mit der GIZ

Weiterlesen …

(c) WFP / Carlos Muñoz

Bargeld und Gutscheine gegen den Hunger

Oft fehlen nicht Nahrungsmittel, sondern das Geld dafür. Mit elektronischen Gutscheinkarten soll am Horn von Afrika der Hunger bekämpft werden.

Ein Projekt des WFP

Weiterlesen …

Einkommen stärkt Frieden

Kongo wagt den Wiederaufbau. Indem Ernährung und Einkommen gestärkt werden, bekommen vor allem Frauen und Jugendliche eine Perspektive.

Ein Projekt der Welthungerhilfe

Weiterlesen …

Von der Flucht zu mehr Selbstbewusstsein

In Afghanistan leben tausende Binnenflüchtlinge in Armut. Ein Projekt bringt Bildung und Akrobatik in ihr Leben.

Ein Projekt der Welthungerhilfe

Weiterlesen …

(c) WFP/ Mohammad Batah

Iris-Scan-Technologie für syrische Flüchtlinge in Jordanien

Syrische Flüchtlinge in Jordanien bezahlen ihre Nahrungsmittel ganz ohne Karte und Bargeld - mit einem kurzen Blick in die Kamera.

Ein Projekt des WFP

Weiterlesen …

Grüne Geschäftsideen auf dem Land

Fehlende Möglichkeiten treiben vor allem viele junge Inder in die Stadt. Ein Ausbildungsprogramm schafft neue Möglichkeiten auf dem Land.

Ein Projekt der Welthungerhilfe

Weiterlesen …

© AHA

Die Bauern selbst sind der Maßstab

Von Andreas Quiring

Starke Bauern sind der Schlüssel für eine eigenständige nachhaltige Entwicklung. Soziale Innovationen können helfen, die tatsächlichen Bedürfnisse der betroffenen Bauern zum Maßstab zu machen.

Weiterlesen …

(c) Eli Wortmann, Kolundžija / ZEF

Forschung für landwirtschaftliche Innovationen

Die Begleitforschung für landwirtschaftliche Innovationen (PARI) vereint Partner, die zu Ernährungssicherheit in Afrika und Indien beitragen.

Ein Projekt des Zentrums für Entwicklungsforschung

Weiterlesen …

(c) GIZ

Arbeitsplatz Internet: Neue Chancen für Flüchtlinge

Das Internetzeitalter eröffnet neue Chancen auf Jobs – egal, wo auf der Welt. Geflüchtete aus Syrien und junge Libanesen werden darum für die digitale Arbeitswelt qualifiziert.

Ein Projekt des WFP

Weiterlesen …

(c) DVV

Erwachsenenbildung für bessere Perspektiven

Die Mehrheit der Bevölkerung Malis lebt auf dem Land, viele als Kleinbauern. Um ihren Arbeitsalltag zu erleichtern, lernen sie nicht nur Lesen und Schreiben, sondern auch mehr über Ökologie und Nachhaltigkeit.

Ein Projekt von DVV International

Weiterlesen …

(c) DVV

Vernetzte Lebensräume in Subsahara-Afrika – Leben zwischen Stadt und Land

Im Rahmen der Sonderinitiative „EINEWELT ohne Hunger“ werden Forschungsergebnisse zu Transformationsprozessen und Gestaltungsinstrumenten in Subsahara-Afrika veröffentlicht.

Ein Projekt des SLE

Weiterlesen …

(c) Joachim E. Roettgers

Fruchtbare Böden erhalten

Viele Landwirte leiden unter Dürreperioden. Ein Klima-Programm gegen Wüstenbildung hilft indischen Kleinbauern, fruchtbare Böden zu erhalten.

Ein Projekt der KfW

Weiterlesen …