Investitionen mit Hebeleffekt

Wer Armut in Afrika verringern will, muss bei der Landwirtschaft ansetzen. Welche Investitionen die größte Wirkung erzielen, lässt sich durch wissenschaftliche Kriterien definieren.

(c) Kate Holt / AusAID, Katharina Zinn/ZEF
Burkina Faso: Reisbauern beim Dreschen in Bobo-Dioulasso. (c) Eli Wortmann-Kolundžija/ZEF

Von Heike Baumüller

Dr. Heike Baumüller

Dr. Heike Baumüller ist als Senior Researcher am Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF), Universität Bonn, tätig und koordiniert die Begleitforschung für landwirtschaftliche Innovationen (PARI).

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Von Christine Husmann

Dr. Christine Husmann

Dr. Christine Husmann arbeitet als Senior Researcher am Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF) Universität Bonn.

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Von Oliver Kirui

Dr. Oliver Kirui

Dr. Oliver Kirui aus Kenia ist als Senior Researcher am Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF) der Universität Bonn beschäftigt.

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Von Julia Machovsky-Smid

Julia Machovsky-Smid

Julia Machovsky-Smid ist als Projektadministratorin für die Begleitforschung für landwirtschaftliche Innovationen (PARI) am Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF), Universität Bonn, tätig.

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Von Justice Tambo

Dr. Justice Tambo

Dr. Justice Tambo aus Ghana arbeitet als Senior Researcher am Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF) der Universität Bonn.

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Zentrum für Entwicklungsforschung der Universität Bonn (ZEF)

Brot für die Welt

Der Großteil der Bevölkerung Afrikas ist in hohem Maße von der Landwirtschaft abhängig. Deshalb sind in diesem Bereich die Renditen von Investitionen in Form von geringerer Armut häufig am höchsten. Ist die Ernährung nicht gesichert, können außerdem Konflikte und damit Flüchtlingsströme die Folge sein. Innovationen in der Landwirtschaft können daher maßgeblich zur nachhaltigen Steigerung der Produktivität in Afrika, Ernährungssicherheit und Prävention von gewaltsamen Konflikten beitragen.

 

Gleichzeitig werden Umweltqualität und Ressourcen erhalten. Die Partner der „Begleitforschung für landwirtschaftliche Innovationen” (PARI), einem Forschungsprojekt von Institutionen in Afrika, Indien und Deutschland, widmet sich genau diesen Zusammenhängen und hat Bedingungen definiert, unter denen Investitionen besonders wirkungsvoll sind.

 

Investitionen in Forschung und Entwicklung

(c) Fuglie, K. et al. (2013), von Braun (2016)
Abbildung 1: Beitrag von Innovationen zur Produktivitätssteigerung. Quellen: Fuglie, K. et al. (2013); von Braun (2016)

Das derzeitige Wachstum der landwirtschaftlichen Produktion in Afrika kann durch Investitionen in Forschung und Entwicklung unterstützt werden. In den vergangenen 15 Jahren haben die Länder südlich der Sahara die längste positive wirtschaftliche und landwirtschaftliche Entwicklung seit der Unabhängigkeit erlebt, die gute Voraussetzungen für erfolgreiche Investitionen bietet. Allerdings liegt trotz positiver Wachstumstrends die Produktion pro Kopf und die Produktivität von Arbeitskräften und Kapital in vielen afrikanischen Ländern noch unter dem Niveau der 1960er Jahre.   Für eine Steigerung dieser Zahlen sind Investitionen in Forschung und Entwicklung entscheidend (siehe Abbildung 1). Darüber hinaus ist Arbeitskraft das wichtigste Vermögen der armen Menschen. Deshalb ist die Verbesserung der Arbeitsproduktivität ein wesentlicher Faktor für sozial nachhaltiges Wachstum der landwirtschaftlichen Produktivität. 

 

Auf die Besonderheiten zugeschnittene Innovationen

(c) 2014 / Dixon, Garrity, Boffa
Abbildung 2: Landwirtschaftliche Diversität Afrikas (mit gekennzeichneten PARI Partnerländern). Datenquelle: Dixon, Garrity and Boffa (2014). Kartografie: Christine Husmann.

Innovationen müssen auf die Besonderheiten der landwirtschaftlichen Sektoren der Region zugeschnitten sein. Im Afrika südlich der Sahara existieren viele unterschiedliche Formen von landwirtschaftlichen Betrieben mit ganz eigenen Potenzialen und Herausforderungen, die sich auch innerhalb den Ländern erheblich unterscheiden (siehe Abbildung 2 und für weitere Details die afrikaweite PARI-Studie und die PARI-Länder-Dossiers). Die Mehrheit der Kleinbauern arbeitet auf Farmen mit weniger als zwei Hektar Land. Innovationen für das landwirtschaftliche Wachstum müssen die Herausforderungen und Potenziale dieser vielfältigen und überwiegend kleinen Betriebe berücksichtigen. Wichtig ist eine „nachhaltige Intensivierung“, die ökologische und sozioökonomische Ziele fördert und gleichzeitig die landwirtschaftliche Vielfalt erhält.

 

Landwirtschaft und Ernährungssicherheit haben Priorität auf der politischen Agenda Afrikas. Die afrikanische Agrarpolitik ist von äußeren Einflüssen unabhängiger geworden. Die landwirtschaftliche Entwicklung ist heute ein wichtiger Schwerpunkt der Afrikanischen Union. Mit dem in 2003 eingeleiteten umfassenden afrikanischen Agrarentwicklungsprogramm (CAADP) haben sich die afrikanischen Länder vorgenommen, ein durchschnittliches landwirtschaftliches Wachstum von sechs Prozent pro Jahr zu erreichen, gleichzeitig die Armut zu verringern und die Ernährungssicherheit zu verbessern. Viele Länder machen deutliche Fortschritte auf diesen Gebieten.

Seit rund zehn Jahren zeigt der Agrarsektor in Afrika einen positiven Wachstumstrend, der jedoch noch lange anhalten muss, um als nachhaltig zu gelten. Zwar wächst die politische Unterstützung für Innovationen in der Landwirtschaft, beispielsweise durch die Wissenschaftsagenda für Landwirtschaft in Afrika (S3A) oder die Wissenschafts-, Technologie- und Innovationsstrategie für Afrika 2024 (STISA-2024). Dennoch wurden die Investitionen in Forschung und Entwicklung nicht ausreichend erhöht.

 

Im Rahmen von PARI wurden Kriterien und Prinzipien für die strategische Ausrichtung von Entwicklungsinvestitionen in Afrika identifiziert. Damit sind Investitionen gemeint, die nachhaltiges Wachstum unterstützen. Diese sollten im Einklang mit einer guten Entwicklungspraxis stehen. Hierbei wird die Führung durch die Partnerländer betont und die hohen erwarteten Erträge von Investitionen für nachhaltiges Agrarwachstum und Ernährungssicherheit berücksichtigt. 

 

a) Entwicklungsinvestitionen müssen ergebnisorientiert sein.

Sie müssen positive Wirkungen auf Hunger leidende Menschen, Einkommen und Beschäftigung für Kleinbetriebe und in ländlichen Gebieten, insbesondere für Jugendliche und Frauen, haben. Und sie müssen komparative Vorteile in der Produktion stärken. Auch sollten die Investitionen das Potenzial für eine weite Verbreitung haben. 

 

b) Entwicklungsinvestitionen müssen eine Verbindung zu bestehenden politischen Initiativen herstellen,

um die Kohärenz der Politik, insbesondere mit CAADP, zu gewährleisten. Sie sollten auch mit den oben genannten afrikanischen Initiativen zur Förderung von Innovationen im Agrarsektor harmonisiert werden. 

 

c) Investitionen sollten sich auf die Länder und Regionen mit dem höchsten Potenzial fokussieren.

Die Länder, die sich am besten für Entwicklungsinvestitionen eignen, können durch die Potentialanalyse der Leistung aller afrikanischen Länder südlich der Sahara in den vergangenen 10 Jahren anhand folgender Kriterien identifiziert werden:

  • Wurde landwirtschaftliches Wachstum erzielt (komparative Vorteile, Nachhaltigkeit, ernährungssensitive Landwirtschaft)?
  • Wird Innovation gefördert (Produktivität, Forschung, landwirtschaftliche Bildung)?
  • Unterstützt die Politik den Prozess (Beteiligung am CAADP-Prozess)?
  • Wird das Hungern der Menschen verringert (Zustand und Entwicklung der Mangelernährung)?

Erhebliche Fortschritte im CAADP-Prozess und Verbesserungen der Produktivität weisen auf politische Unterstützung und gute Investitionsbedingungen in einem Land hin. Die Zusammenarbeit mit Ländern, die nicht mit der Entwicklung einer Strategie begonnen haben, sollte deshalb in Frage gestellt werden. Die Investitionen sollten sich auf Länder konzentrieren, in denen der Hunger nach wie vor ein großes Problem darstellt. Jüngste Erfolge im Kampf gegen den Hunger können als guter Indikator für politische Bemühungen angesehen werden.

Nach diesen Kriterien gehören Äthiopien, Mosambik, Sierra Leone, Kenia, Niger, Malawi, Senegal, der Kongo (Brazzaville), Mali und Sambia zu den „Top 10“ - Ländern, wo Entwicklungsinvestitionen Sinn machen.

(c) 2016 / Torero, Maruyama
Abbildung 3: Subnationale Potentialanalyse: Ghana. Quelle: Torero and Maruyama (2016)

Des Weiteren ist eine Potenzialanalyse innerhalb eines Landes nötig, die deutlich macht, in welchen Regionen Investitionen zur Steigerung der Effizienz im Landwirtschaftssektor die größten Auswirkungen auf das Niveau von Armut haben könnten. Diese Daten werden von PARI durch eine Kombination von  landwirtschaftlichem Potenzial, landwirtschaftlicher Effizienz und Armutsdaten eines Landes ermittelt (siehe Abbildung 3 zum Beispiel Ghana, Progress Report).

 

d) Investitionen sollten sich an robusten Prinzipien orientieren.

Diese beinhalten eine gute Regierungsführung und niedrige Transaktionskosten der Investitionen. Außerdem sollten Prinzipien der Partnerschaft und strenge Überwachungs- und Evaluierungssysteme festgelegt werden, durch die Fortschritte im Hinblick auf die festgelegten Ziele gemessen werden können. Hier kann aus bereits laufenden Initiativen viel gelernt werden: Die Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika (AGRA) hat zum Beispiel unabhängige Bewertungsgremien eingerichtet, die mögliche Investitionen bewerten. An dieser Stelle wäre eine Zusammenarbeit mit den Reform- und Dialogprozessen auf Landesebene wünschenswert, um  bestimmte Lerneffekte zu erzielen und Partnerschaften aufzubauen, die für die Verbreitung von Innovationen erforderlich sind.

Ein partnerschaftlicher Ansatz im Bereich der Landwirtschaft und Ernährungssicherheit zwischen Afrika und Entwicklungspartnern wie zum Beispiel Deutschland sollte sowohl auf die charakteristischen Stärken von Entwicklungspartnern, als auch auf die afrikanischen Bedürfnisse abgestimmt sein. Auf diese Weise können die Entwicklungsinvestitionen einen bedeutenden Beitrag zur Implementierung der afrikanischen Agenda insgesamt im Einklang mit den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen leisten.

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Dr. Justice Tambo aus Ghana arbeitet als Senior Researcher am Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF) der Universität Bonn.

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