Digitalisierung der Landwirtschaft

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Sensoren an der Sämaschine, satellitengesteuerte Traktoren, Bauern mit dem Tablet – die Landwirtschaft wird immer mehr von der Digitalisierung erfasst. Kann sie zur Ernährungssicherheit beitragen?

Rinder hüten und Handyanschluss sind für den Masai Tribe kein Widerspruch mehr. Wetterinfos abrufen oder Geldtransfers sind heute auch in entlegenen Teilen Kenias möglich. (c) Ton Koene/picture-alliance

Von Christiane Grefe

Christiane Grefe, Journalistin

Christiane Grefe, geboren 1957, besuchte die Deutsche Journalistenschule in München und studierte Politik. Sie arbeitet als Redakteurin und Reporterin in der Berliner Redaktion der ZEIT.

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Es ist die wichtigste Aufgabe der Menschheit – und zugleich die schwierigste, denn sie scheint eine Quadratur des Kreises zu erfordern: Weltweit müssen laut UN-Schätzungen bis zum Jahr 2050 zwei bis drei Milliarden Menschen zusätzlich gesund und ausreichend zu essen bekommen. Gleichzeitig werden Flächen, Wasser und Boden knapp, brauchen Natur- und Artenschutz zusätzlichen Raum und fordert der Klimaschutz drastische Einsparungen bei fossil erzeugten Agrarchemikalien. Mehr soll also mit weniger erzeugt werden. Dazu könne "Precision Farming", also durch Digitalisierung unterstützte, effektivere landwirtschaftliche Methoden, beitragen, meinen die Protagonisten der Agrarindustrie und auch viele Förderer in der Politik. 

Aber was bedeutet dieser jüngste High-Tech-Schub in der Landwirtschaft für Kleinbauern in Entwicklungsländern, die doch den bei weitem größten Teil der Menschen mit Lebensmitteln versorgen? Werden auch sie von Big Data profitieren? Oder intensiviert diese Entwicklung lediglich den Digital Divide - die digitale Kluft zwischen Arm und Reich? 

 

Mehr Daten weniger Aufwand

In den Industrienationen haben viele Erzeuger schon seit Jahren WLAN in ihrer Scheune installiert. Software kaufen sie nicht mehr nur zur Abrechnung ihrer Subventionen am PC, sondern auch für das Management ihrer Äcker und Fluren. Während bei der Ernte im großen Mähdrescher die Körner im goldenen Strahl auf die Ladefläche regnen, zählen Sensoren am Boden genau mit, wie viele Bushel welches Stück Land hervorgebracht hat. Diese Daten kann der Farmer oder die Farmerin während der Fahrt übers Feld auf einem Bildschirm in der Kabine verfolgen. Zugleich werden sie auf den Computer zu Hause übertragen und in der kommenden Saison für die Anbauplanung genutzt. Im Frühjahr bekommen die Maschinen über Satellit Hinweise, wo sie den Dünger sparsamer dosieren können. Sensoren messen den Chlorophyllanteil der Pflanzen, den Bedürfnissen entsprechend wird mehr oder weniger gedüngt. 

In Zukunft sollen aber noch viel mehr Daten erhoben werden, quadratzentimeterweise für jedes kleine Feldstück, gekoppelt mit dem Wissen über Sorten und Böden und mit laufend aktualisierten Wetterinformationen. Dann werde man noch zielgenauer virtuelle Anbauempfehlungen anbieten, schwärmen Landmaschinen- und Saatgutkonzerne, individuell zugeschnitten auf jeden einzelnen Bauernhof. Beispielsweise sollen Pestizide, statt flächendeckend, je nach Messdaten punktuell bei der einzelnen Pflanze landen, die wirklich Hilfe gegen Schädlinge braucht. Glaubt man der Werbung, dann kann der Bauer oder die Bäuerin künftig schon früh morgens vom Bett aus per Fernbedienung auf dem Bildschirm die Lage auf den eigenen 1000 Hektar checken. Oder es erscheinen Mitteilungen auf dem Handy wie diese: Heute lieber nicht düngen, am Vormittag hat es geregnet! 

Sollten die Regierungen den Luftraum dafür freigeben, dann bekommen die Landwirte womöglich noch ein weiteres Werkzeug: Acker-Drohnen. Das sind fleißige Mini-Helikopter, die zum Beispiel Bodenfeuchtigkeit und Insektenbefall im Überflug erfassen und eines Tages womöglich Saatgut ausbringen, ohne den Boden zu verdichten. Im Gemüsefeld oder im Weinberg arbeiten dann ferngesteuerte Roboter. Ackerbau und Tierhaltung würden durch die Datenrevolution immer mehr vom Handwerk zum industriellen Produktionsprozess, schwärmt Martin Richenhagen, CEO des Landmaschinenkonzerns AGCO, in der ZEIT."„Der Bauernhof wird zur Fabrik." 

 

Ein Wettbewerb um Wissen und Macht

Über die möglichen sozialen Folgen der Digitalisierung wird wenig diskutiert. Weltweit schließen sich Saatgut- und Chemieunternehmen, Landmaschinenhersteller und Wetterdaten-Start-ups gerade in neuen Anbieterkonsortien zusammen, um künftig mehr Wissen und weniger Chemie zu verkaufen. War hat in Zukunft Hoheit über die erhobenen Daten? Geraten Landwirte in eine neue Abhängigkeit? 


Es geht, wenn das Land digital bestellt wird, nicht nur um ökologische Vorteile, sondern auch um Zeitersparnis und damit um Rationalisierung und womöglich weitere Konzentration. Der Strukturwandel könnte sich beschleunigen, wie Martin Richenhagen andeutet: "Früher hieß es: Wachsen oder weichen. Und heute: Digitalisieren oder weichen". Noch mehr Höfe könnten verschwinden, und Big Data zu einem weiteren Treiber für die Abwanderung in den ländlichen Regionen werden. Schon in Industrieländern ist es ein Problem, denn mit den Menschen verschwindet meist auch die (agri-)kulturelle Vielfalt. In Indien oder Brasilien ist der Wettkampf noch härter: Infolge der ungleichen Konkurrenz enden immer mehr Bauernfamilien in den Slums der großen Städte und damit oft im Elend. 

 

"Früher hieß es: Wachsen oder weichen. Und heute: Digitalisieren oder weichen."

 

Chancen der Vernetzung - eine Illusion

Viele Unternehmen, Wissenschaftler und Regierungen sehen das ganz anders: In ihren Augen bieten neue Kommunikations- und Digitalisierungsoptionen auch in Entwicklungs- und Schwellenländern Chancen, um die jahrzehntelang vernachlässigte Landwirtschaft wieder zu beleben. In manchen Regionen werden den Kleinbauern bereits einfache Dienstleistungen angeboten: Per SMS können sie sich über das Wetter informieren oder nachlesen, welcher Händler für ihre Produkte gerade die besten Preise bezahlt. Apps sind so gestaltet, dass Analphabeten sie verstehen. Geplant sind auch Online-Schulungsprogramme für nachhaltige Anbaumethoden. 

Dass all dies den großen Entwicklungsschub bringen könnte, ist jedoch eine Illusion. Auch wenn es mittlerweile selbst in den entlegensten Gebieten Afrikas WLAN, Mobilfunknetze und Handys gibt: ein Smartphone besitzen bislang nur rund zehn Prozent der Menschen, und die leben zum größeren Teil in den Städten. Laptops und Tablets sind auf dem Land noch weniger verbreitet. Wo Bauern kein Geld haben, um einen kleinen Traktor kaufen zu können; wo sie auch keine Bank finden, die einen Kredit vergeben würde, da liegt der Gedanke an digitale Aufrüstung nicht nah. Und was nützen die aktuellsten Marktdaten, wenn man sie nicht abrufen kann, weil es keinen Strom gibt? Wenn zudem der Transportweg fehlt, um die Produkte zur rechten Zeit an den richtigen Ort zu bringen? 

Mag sein, dass die afrikanische, asiatische oder südamerikanische Landjugend SMS- und Internetdienste attraktiv findet und sich davon zu größerem Engagement für ihre Dörfer anstacheln lässt. Doch insgesamt folgt der Digitalisierungs-Hype einem alten Muster der Entwicklungspolitik: Man liebäugelt mit technischen Lösungen, während die grundlegenden sozialen Aufgaben vernachlässigt werden.

 

Dieser Artikel erschien am 15. September 2016 als Beitrag in der Rubrik "Die Netzdebatte" auf der Homepage der Bundeszentrale für politische Bildung:

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Christiane Grefe, Journalistin

Christiane Grefe, geboren 1957, besuchte die Deutsche Journalistenschule in München und studierte Politik. Sie arbeitet als Redakteurin und Reporterin in der Berliner Redaktion der ZEIT.

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