Die Bauern selbst sind der Maßstab

Seit über 150 Jahren organisieren sich in Deutschland Bauern in Genossenschaften, Bauernverbänden und Maschinenringen. Soziale Innovationen können helfen, die tatsächlichen Bedürfnisse der betroffenen Bauern zum Maßstab zu machen.

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„Selbstbestimmung statt Fremdbestimmung“: Lokale Akteure sollen eigenverantwortlich im globalisierten wirtschaftlichen Kontext agieren können. (c) AHA

Von Andreas Quiring

Andreas Quiring (AHA)

Dr. Andreas Quiring ist seit 2008 Direktor der Andreas Hermes Akademie (AHA) im Bildungswerk der Deutschen Landwirtschaft e.V.. In dieser Funktion verantwortet er die Bildungsarbeit der AHA, die seit 1949 in der Agrarbranche Menschen und Organisationen in Entwicklungs- und Veränderungsprozessen begleitet. 

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Arthur Schopenhauer hat gesagt: „Wenn es überhaupt ein Rezept für den Erfolg gibt, besteht es darin, sich in die Lage anderer Menschen zu versetzen“. Diese Fähigkeit zur Empathie ist sicher auch in der Armutsbekämpfung von zentraler Bedeutung. Doch muss ihr dort erst auf die Sprünge geholfen werden: Die Regierungen vor Ort haben unterschiedliche Interessen zu berücksichtigen - da stehen nicht selten die Bedürfnisse der städtischen Konsumenten denen der Bauernfamilien entgegen. Handelspartner, egal wie wohlwollend, haben vor allem ihre Produkte und Margen vor Augen und frühestens an zweiter Stelle das Wohlergehen der Bauern. Und auch bei westlich geprägten Agrarexperten stellt sich die Frage, ob sie sich überhaupt in die Lage der Bäuerinnen und Bauern in Afrika versetzen können? Denn auch sie sind nicht neutral in der Beratung, sondern haben eigene Vorstellungen oder Vorgaben durch Fördermittelgeber, wie die zu entwickelnde Landwirtschaft aussehen soll.

 

Soziale Innovationen können helfen, die tatsächlichen Bedürfnisse der betroffenen Bauern zum Maßstab zu machen. Seit über 150 Jahren organisieren sich in Deutschland Bauern in Genossenschaften, Bauernverbänden und Maschinenringen. Dadurch können Sie ihre eigenen Interessen gegenüber Marktpartnern und der Politik wirkungsvoller durchsetzen. Und sie sind in der Lage, Dienstleistungen für sich gemeinschaftlich und vor allem bedarfsgerecht zu organisieren.

 

Allgemein sind gesellschaftliche Kooperationen als wichtiger Teil der Armutsbekämpfung anerkannt. Denn die Zivilgesellschaft ist eine positive Kraft in Wirtschaft und Politik. Sie wird aber auch gefürchtet, zuweilen von Regierenden sogar als Opposition und Troublemaker wahrgenommen. Doch gerade für eine marktwirtschaftlich orientierte Entwicklung bilden basisdemokratische, mitgliedergetragene Organisationen ein wichtiges Fundament:

 

  • Genossenschaften haben als klassische Selbsthilfeeinrichtung das Prinzip „was einer nicht schafft, das schaffen viele“. Leider gab in vielen Entwicklungsländern die zentralistischen, sozialistisch geprägten und oft korrupten Formen der Genossenschaften in der Landwirtschaft. Eine Befreiung von diesen Krusten der Geschichte ist in vielen Ländern immer noch im Gange. So wird es möglich, dass Genossenschaften heute vermehrt wieder eine positive neue Rolle in einem veränderten, demokratischen, marktwirtschaftlichen und gewinnorientierten System einnehmen.
  • Mitgliedergetragene Verbände als politische Interessenvertretung der Bauern bilden eine gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Kraft. Von der Politik und der urbanen Gesellschaft werden sie deshalb auch häufig sehr kritisch gesehen. Umso wichtiger ist es, ergänzend zur klassischen Entwicklungszusammenarbeit zwischen den Regierungen, diese zivilgesellschaftlichen Strukturen zu stärken, damit die eigentlichen Interessen der Bauern auch zum Tragen kommen.
  • Maschinenringe sind eine vor allem in Europa sehr verbreitete Form der gemeinschaftlichen Mechanisierung. Durch sie erhält der Einzelne einen kostengünstigen Zugang zu moderner und schlagkräftiger Technologie. Gleichzeitig werden Arbeitsprozesse gemeinschaftlich organisiert. In Entwicklungsländern besteht vor allem ein Interesse darin, die technologische Anpassung zu ermöglichen und dabei möglichst viele Bauern mitzunehmen

 

Grundlage dieser sozialen Innovationen ist das Prinzip „Selbstbestimmung statt Fremdbestimmung“. Gerade in der Landwirtshaft schaffen sie die Grundlage, damit lokale Akteure selbstverantwortlich und selbstbestimmt im globalisierten wirtschaftlichen Kontext agieren können. Bauern werden damit als Unternehmer wahr- und ernstgenommen. Unternehmer meint, dass sie aktiv Verantwortung für sich und ihren Betrieb – egal wie klein – übernehmen. Politik und Beratung können Rahmenbedingungen setzen und Hilfestellung leisten. Sie tragen aber nicht die Konsequenzen der Entscheidungen. Die Konsequenzen tragen die Bauernfamilien. Deshalb ist Selbstbestimmung Voraussetzung für eigenverantwortliches Handeln. 

 

Selbstbestimmt und eigenverantwortlich können von Bauern selbst getragene Organisationen am besten bedarfsgerechte Dienstleistungen im ländlichen Raum aufbauen. Sie orientieren sich an der lokalen Nachfrage und sind damit an den Bedürfnissen der Bäuerinnen und Bauern angepasst. Als eigenwirtschaftliches Geschäftsmodell organisiert, können sie diese Dienstleistungen auch nachhaltig erbringen. Eine gemeinschaftliche Mechanisierung muss sich nicht nur an Böden, Klima und Umwelt orientieren. Angepasst und nachhaltig ist sie erst dann, wenn die sozialen Strukturen und die wirtschaftlichen Gegebenheiten berücksichtigt sind.

 

Innovation in der Herangehensweise

Hilfe von außen kann nur unterstützend wirken. Sie kann Ideen und Impulse geben. Vor allem muss sie die Selbstkompetenz und Selbstverantwortung stärken. Hier zeigt sich das Innovationspotenzial der von Bauern getragenen Organisationen. Für die Stärkung von Bauernorganisationen geht auch die Andreas Hermes Akademie (AHA) deshalb nach folgenden Grundsätzen vor:

  • Gemeinschaftliches Handeln erfordert soziale Vernetzung. Innerhalb der Gemeinschaften sollten sich die Menschen nicht nur besser verstehen sondern zum Beispiel auch auf ihre individuellen Unterschiede eingehen können. Eine Stärkung der Gemeinschaft erfordert vor allem gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Jugend an Entscheidungen und dem generierten Nutzen.
  • Die Stärkung von Selbstkompetenz und Selbstverantwortung ist die Grundlage von professionell agierenden Organisationen. Die Arbeit im Team, gemeinsame Entscheidungen, Vertrauen und Respekt können erlernt und trainiert werden.
  • Gerade zur Stärkung der Selbstverantwortung passt der systemische Ansatz der Andreas Hermes Akademie. Danach entsteht die Lösung aus dem vorhandenen System heraus. Und die beratenden Experten sehen sich als Ideengeber und Coach. Sie stärken die Verantwortlichen der Organisation.
  • Der Austausch mit der agrarischen Realwirtschaft in Deutschland und Europa hat daher auch vor allem das Ziel, Ideen und Anregungen für die eigene Umsetzung zu erhalten und aus den Fehlern und Erfolgsstrategien anderer zu lernen. Das detaillierte Wissen um die Funktionsweisen und Dynamik von Modellen, die schon erfolgreich funktionieren, ermöglicht deutlich größere Entwicklungsschritte.
  • Der Erfolg von Projekten in der Entwicklungszusammenarbeit leidet oft darunter, dass diese zeitlich beschränkt und thematisch eigenständig sind. Projekte erfordern zudem den Aufbau von Strukturen vor Ort.  Durch den in der Wirtschaft und Organisationsentwicklung bewährten Coaching-Ansatz versucht die Andreas Hermes Akademie parallele Strukturen vor Ort zu vermeiden und die Organisationen prozessorientiert in deren eigenen Strategien und Zieleirreichungen zu stärken. Diese Vorgehensweise ist flexibel und auf punktuelle Interventionen angelegt. Die Exit-Strategie ist Teil der Methode.
  • Partizipative Formen des Lernens und Lehrens sind in ländlichen Gegenden kaum bekannt. Als Teil der Stärkung von Selbstverantwortung sind sie jedoch äußerst erfolgreich, kulturell anpassungsfähig, und auf dem Weg hin zu unternehmerischen Denken und Selbstkompetenz unerlässlich 

Fazit: Kaum je ein Sektor stand vor solchen Herausforderungen wie die Agrarwirtschaft in Afrika heute. Ein Kopieren der Systeme aus Europa ist nicht zielführend und nachhaltig. Soziale Innovation ist unerlässlich, sowohl in der internationalen Zusammenarbeit wie auch als Katalysator der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung Afrikas. Deshalb stärken wir Bauernorganisationen in ihrer Entwicklung hin zu lernenden Systemen mit den Bäuerinnen und Bauern am Steuer.

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Andreas Quiring

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Dr. Andreas Quiring ist seit 2008 Direktor der Andreas Hermes Akademie (AHA) im Bildungswerk der Deutschen Landwirtschaft e.V.. In dieser Funktion verantwortet er die Bildungsarbeit der AHA, die seit 1949 in der Agrarbranche Menschen und Organisationen in Entwicklungs- und Veränderungsprozessen begleitet. 

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