5 Fragen an Gunther Beger: Das BMZ auf der Grünen Woche

Das Bundesentwicklungsministerium (BMZ) ist dieses Jahr zum zweiten Mal auf der Internationalen Grünen Woche vom 20.-29. Januar vertreten: Diesmal auf rund 750 Quadratmetern zusammen mit über 30 Partnern aus der Zivilgesellschaft, der Wirtschaft und den Kirchen. Gunther Beger, Abteilungsleiter im BMZ, erklärt, warum das BMZ sein Engagement auf der IGW ausbaut und was jeder Einzelne von uns für eine Welt ohne Hunger beitragen kann.
 
Gunther Beger, Abteilungsleiter im BMZ. (c) BMZ

1. Herr Beger, das BMZ informiert auf einer der größten Konsummessen Europas, der Internationalen Grünen Woche, über weltweite Hungerbekämpfung. Wie passt das zusammen?

Nach unserem ersten Auftritt letztes Jahr  wollen wir das Thema der weltweiten Ernährungssicherheit auf der Grüne Woche dauerhaft verankern. Das BMZ zeigt deshalb auf 750 Quadratmetern mit Partnern aus der Zivilgesellschaft, der Wirtschaft und den Kirchen, dass gemeinsam mit starken Partnern eine Welt ohne Hunger durch fairen Einkauf und Innovationen möglich ist. Mit diesem Motto sprechen wir ganz bewusst auch ein Publikum an, das sich ansonsten wenig mit unseren Themen beschäftigt. Viele Leute wollen zum Erlebnisbauernhof und Lebensmittel aus aller Welt kennenlernen und probieren. Auf dem Weg stoßen sie auf unsere Halle und zumindest kurz muss sich jeder damit auseinandersetzen, dass es immer noch weltweit 795 Millionen Menschen gibt, die hungern. Dabei wollen wir kein schlechtes Gewissen machen, sondern zeigen: Wir können das ändern. Jeder Einzelne kann das ändern.

 

2. Jeder Einzelne kann das ändern? Wie genau?

Verbraucher sollten sich bewusst machen, was sie einkaufen, was sie essen. Viele der Produkte, die wir konsumieren, kommen aus Entwicklungsländern. Dazu gehören Kakao, Kaffee, Bananen, Reis oder Gewürze, aber auch Textilien. Der Baumwollpflücker kommt aus Burkina Faso, die Näherin sitzt in Bangladesch. Wenn ich heute ein T-Shirt für unter fünf Euro kaufe, muss ich mich fragen, wie viel davon beim Bauern auf dem Feld ankommt. Ein anderes Beispiel ist Schokolade Wir konsumieren durchschnittlich pro Jahr 12,2 Kilogramm Kakao. Dieser Kakao stammt zumeist aus der Côte d’Ivoire und Ghana. Der Anbau erfolgt zu 90 Prozent durch Kleinbauern. Das Endprodukt Schokolade ist knapp kalkuliert, es herrscht ein enormer Preisdruck. Nur sechs Prozent des Kakaopreises kommt bei den Bauern an und dieser Anteil ist zuletzt noch weiter gesunken. Der derzeitige Durchschnittspreis für eine Tafel Schokolade in deutschen Supermärkten liegt bei 79 Cent, das heißt an den Kakaobauern gehen im Durchschnitt lediglich rund 5 Cent pro Tafel Schokolade. Würde der Kakao-Bauer nur etwa nur wenige Cent mehr pro Tafel mehr bekommen, könnten er und seine Familie in produktivere Kakao-Pflanzungen investieren und sein Einkommen langfristig steigern.  Was ich damit zeigen will: Wir müssen uns mehr für die Menschen interessieren, die am Anfang der Produktion unter schwierigsten Bedingungen arbeiten. Fairer Einkauf schont nicht nur Natur und Umwelt, sondern schafft faire Arbeits- und Lebensbedingungen in unseren Partnerländern. Das gibt den Menschen vor Ort eine Zukunft und Perspektiven.

 

3. Ist fairer Handel nicht eine Nische für Besserverdiener?

Veränderung fängt oft klein an. Das Beispiel Schokolade zeigt ja deutlich, dass bereits mit Beträgen im Cent-Bereich mehr erreicht werden kann. Und der faire Handel erreichte 2015 in Deutschland mit 1,139 Milliarden Euro Umsatz eine neue Rekordhöhe. Das sind 11 Prozent mehr als im Vorjahr. Das ist ein Erfolg, aber im Vergleich zum gesamten Markt immer noch sehr wenig. Wenn wir das ändern wollen, müssen wir die auch die große Mehrheit der Verbraucher erreichen. Genau deshalb sind wir auf der Grüne Woche präsent. In unseren Köpfen muss es „Klick“ machen. Am Beginn jeder Produktionskette stehen Menschen. Bei uns in der Halle lernen die Besucher die Geschichten dieser Menschen kennen. Sie erfahren, wie ein T-Shirt vom „Baumwollfeld bis zum Bügel“ fair produziert wird und wie durch den Kauf fairer Textilien die Arbeits- und Lebensbedingungen in den Produktionsländern verbessert werden. Und ja, wir können uns das leisten: Vor 50 Jahren haben wir noch 40 Prozent unseres Einkommens für Lebensmittel ausgegeben, heute sind es nur noch acht Prozent. Zusätzlich schmeißen wir viele Lebensmittel weg, da kann man schon etwas ändern.

 

Ohne eine grundlegende Verbesserung des Bildungsniveaus ist eine langfristige Veränderung nicht zu erreichen.

 

4. Worauf kann ich als Verbraucher beim Einkauf achten?

Generell geben Siegel einen guten Anhaltspunkt. Davon gibt es aber viele und für den Verbraucher ist es nicht immer ganz einfach zu erkennen, was da genau zertifiziert wird. Das BMZ fördert die Markttransparenz deshalb unter anderem mit dem Online-Portal SIEGELKLARHEIT.DE. Hier finden Verbraucher Informationen zu Anspruch und Glaubwürdigkeit von diversen Nachhaltigkeitssiegeln. Am Anfang kostet es ein bisschen Zeit sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Aber es lohnt sich.

 

5. Der Verbraucher kann also selbst Verantwortung übernehmen. Aber alleine der faire Einkauf wird es ja nicht richten. Was tut Ihr Ministerium gegen den Hunger auf der Welt?

Das BMZ setzt sich in internationalen Verhandlungsrunden für gerechten Handel ein –  das geht noch über das hinaus, was der Konsument unter Fair Trade kennt. Wir wollen gerechte globale Handelsbedingungen und eine substantielle Verankerung von Nachhaltigkeitsstandards. Dafür setzen wir uns momentan beispielsweise im Rahmen der Verhandlungen zu den EU-Freihandelsabkommen mit Malaysia und Indonesien ein. Mit der Sonderinitiative „EINEWELT ohne Hunger“ hat Entwicklungsminister Gerd Müller außerdem das Engagement des BMZ für das Thema Ernährungssicherung und ländliche Entwicklung  enorm gesteigert, auf jährlich 1,5 Milliarden Euro. Deutschland ist damit international Vorreiter und – neben der EU und den USA - einer der größten Geber. Dabei ist uns das Thema Innovation sehr wichtig. Auf der IGW zeigen wir am Beispiel von Reis, wie Innovationen entlang der gesamten Wertschöpfungsketten – vom Acker bis zum Teller – zu effizienteren und ressourcenschonender Produktion, höheren Erträgen, Arbeitserleichterungen und mehr Einkommen für die Kleinbauern und ihre Familien führen. Die Beispiele dazu stammen aus  13 Grünen Innovationszentren, die wir in Afrika und Indien aufbaut haben. Der Aufbau eines 14. Innovationszentrums beginnt in Kürze in Mozambik. In Benin liegt der Durchschnittsertrag bei Reis bei 1,5 Tonnen pro Hektar jährlich. Den Ertrag können wir mit verbesserten Anbaumethoden und ertragreicheren lokal angepassten Sorten und einfacher Mechanisierung in drei bis fünf Jahren auf fünf Tonnen steigern. Allein durch die Grünen Innovationszentren verbessern wir so bis 2021 die Lebensbedingungen von insgesamt sieben Millionen Menschen.

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