Die Erfahrungen aus der letzten Nahrungsmittelkrise – Eine Lösung?

Mit jeder Nahrungsmittelkrise wird deutlicher, wie unzureichend und anfällig Nahrungsmittelsysteme sind. Die Frage, die wir uns stellen müssen, lautet: „Wie geht es weiter?". Agnes Kalibata, Präsidentin der AGR, diskutiert diese Frage und mehr.

Getreidesäcke werden befüllt. Doch wie lange noch? ©GIZ/Thomas Imo/2018

Agnes Kalibata

(c) Dennis Williamson

Dr. Agnes Kalibata ist seit 2014 Präsidentin der AGRA. Als ehemalige Ministerin für Landwirtschaft und Wildbestände in Ruanda gilt sie südlich der Sahara als eine der erfolgreichsten Personen, die je dieses Ressort bekleideten. Dr. Kalibata war auch für das International Institute of tropical agriculture in Uganda sowie für mehrere andere Organisationen im Bereich Agrarentwicklung tätig.

 

Die Lebensmittelpreiskrise von 2007 bis 2008, die Corona-Pandemie, der Krieg Russlands gegen die Ukraine und der Klimawandel haben aufgezeigt, wie anfällig die Nahrungsmittelsysteme sind. Die größte Gefahr besteht jedoch darin, dass man nicht aus früheren Erfahrungen lernen will.

 

Zu Beginn des Jahres 2022 zeichnete sich bereits eine Nahrungsmittelkrise ab. Noch bevor am 24. Februar der erste russische Panzer über die ukrainischen Grenzen rollte, hatten die Lebensmittelpreise Rekordhöhen erreicht. Die Welt erholte sich gerade von den schlimmen Folgen der Corona-Pandemie. Unterbrochene Versorgungsketten mussten wieder in Gang gebracht werden und die Kraftstoff- und Gaspreise stiegen. Der Konflikt, in den zwei der größten Weizenexporteure der Welt und wichtige Produzenten von Düngemitteln, Mais und Pflanzenöl verwickelt sind, hat die Preise noch weiter in die Höhe getrieben und das Thema der weltweiten Ernährungssicherheit abermals in den Fokus gerückt.

 

Auf Russland und die Ukraine entfallen zusammen etwa 30 Prozent der weltweiten Weizen- und Gerstenexporte, ein Fünftel des Maishandels und fast 80 Prozent der Sonnenblumenölexporte. Die Länder im Nahen Osten und in Afrika importieren den größten Teil ihrer Weizenproduktion, wobei etwa 50 Länder von Russland und der Ukraine abhängig sind. Kriege und Hafenblockaden haben die Exporte verringert und die Unsicherheiten bei der Versorgung haben die Weizenpreise bereits auf rund 11 USD pro Scheffel gedrückt – ein Niveau, das zuletzt im Jahr 2008 erreicht wurde. Der Lebensmittelpreisindex der FAO hat im Juni einen neuen Höchststand erreicht.

 

Steigende Energiepreise und Versorgungsengpässe bei Düngemitteln, die sich aufgrund der gestiegenen Gaspreise ohnehin schon auf einem Niveau bewegen, das es seit der weltweiten Finanzkrise nicht mehr gegeben hat, verschärfen die Situation zusätzlich. Russland und Belarus sind Erzeuger von mehr als einem Drittel der weltweiten Kaliproduktion. Durch den Krieg mit der Ukraine wurde der Export von Düngemitteln aus Russland gestoppt. Gleichzeitig sind die Preise für Erdgas, das ein wichtiger Bestandteil von Düngemitteln auf Stickstoffbasis ist, in die Höhe geschossen. Die Preise für Düngemittel (DAP) erreichen derzeit die 1.000-USD-Marke pro Tonne, wobei in den letzten sechs Monaten ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen war, der seit der Invasion bei 40 % lag. Dies belastet reiche und arme Landwirte gleichermaßen, denn steigende Kosten und Produktionsrückgang liegen dicht beieinander.

 

Das in den USA ansässige Center for Global Development schätzt, dass höhere Lebensmittel- und Kraftstoffpreise 40 Millionen Menschen mehr in die extreme Armut treiben werden.

 

Haushalte mit niedrigem Einkommen, die bereits zwischen 60 und 80 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben, stehen nun vor der Entscheidung, wie viele Mahlzeiten sie sich am Tag leisten können.

 

Die Angst vor Lebensmittelknappheit und der bevorstehende Ramadan führten in Tunesien zu Panikkäufen und leeren Supermarktregalen. In Kenia protestieren die Menschen in den sozialen Medien unter dem Hashtag #lowerfoodprices gegen die steigenden Lebensmittelpreise. Tausende von Maisbauern in Äthiopien haben gegen die steigenden Preise für Düngemittel protestiert. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass die steigenden Lebensmittelpreise die Ursache für den Staatsstreich im Sudan 2019 und die Rebellion des Arabischen Frühlings 2008 waren.

 

 

Ich bin ein Alternativtext
Gefährdete Exporte: Russland und die Ukraine machen zusammen knapp 30 Prozent der weltweiten Weizen- und Gerstenexporte aus ©Alexandre Rocha/2022

Aus der Nahrungsmittelkrise der Jahre 2007/2008 können wir wichtige Lehren ziehen, wie sich in diesem Jahr eine Nahrungsmittelkrise verhindern lässt. Zuallererst sollte man bedenken, dass die Zusammenarbeit zwischen den Ländern wichtig ist und den Märkten signalisiert, dass die Regierungen und der Privatsektor das Problem ernst nehmen. Als nächstes geht es darum, den Handel durch gezielte Maßnahmen zu forcieren, zu vereinfachen und zu beschleunigen. Es gilt, den Handel mit Lebensmitteln zu ermöglichen und gegen nichttarifäre Hemmnisse vorzugehen, denn dies sind die größten Handelsbeschränkungen. Afrika hat bei der Schaffung der afrikanischen kontinentalen Freihandelszone eine Führungsrolle übernommen – nun müssen diese Grundsätze rasch umgesetzt werden, um ein möglichst reibungsloses Handelssystem zu ermöglichen. Drittens müssen sich Regierungen und Entwicklungspartner dringend auf die sozialen und humanitären Folgen einer Nahrungsmittelkrise einstellen und entsprechend planen. Die sozialen Sicherheitsnetze sollten zumindest vorübergehend gestärkt werden. Humanitäre Hilfe muss vor allem denjenigen zukommen, die sie am dringendsten benötigen. Und schließlich, was vielleicht am wichtigsten ist, müssen sich Regierungen und Partner auf das Wesentliche besinnen: dass die Landwirtschaft das Fundament der afrikanischen Volkswirtschaften ist und den Lebensunterhalt der Bevölkerung sichert. Mehr als 70 Prozent der Bevölkerung sind in der Landwirtschaft tätig, wobei es sich bei der überwiegenden Mehrheit um Kleinbetriebe handelt, die von ökologischen und ökonomischen Schocks am stärksten betroffen sind. Durch kürzere Wertschöpfungsketten, die einen Anteil dessen ausmachen, was die Landwirte erwirtschaften, durch eine digitale Revolution, die die Landwirte einbezieht, und durch eine starke staatliche Agenda und Unterstützung lässt sich die Situation der Landwirte und ihrer Beiträge positiv verändern.

 

Wenn afrikanische Landwirte die gleichen Möglichkeiten haben wie ihre europäischen, asiatischen und nordamerikanischen Kollegen, können sie ihre Produktivität erheblich steigern und ihre Betriebe vergrößern.
 

Ein Sofortplan zur Unterstützung der Landwirte kann jetzt wichtige Signale an die Märkte senden und die Produktion in diesem Jahr steigern. Landwirte benötigen ertragreiches und klimagerechtes Saatgut sowie das nötige Wissen, um produktiver arbeiten zu können. Auch innovative Finanzinstrumente sind wichtig, damit Investitionen getätigt werden können. Anschließend müssen sie bei der Vermarktung ihrer Produkte unterstützt werden. Viele Partner nutzen bereits bewährte Modelle – auf diese Weise lassen sich schnell Millionen von Landwirten erreichen. Zur gleichen Zeit muss den explodierenden Düngemittelpreisen mit Sofortmaßnahmen zur Steigerung der Effizienz begegnet werden. Die Alliance for a Green Revolution in Africa (AGRA) hat sich für Technologien zur Senkung der Kosten für Landwirte eingesetzt, so beispielsweise auch für die Verwendung von Mischdüngern, was wir bereits in Kenia, Uganda und Ruanda beobachten können. Dasselbe gilt für den Einsatz von Mikrodosierungen. Beide bieten ein viel besseres Preis-Leistungs-Verhältnis und sind auch deutlich umweltfreundlicher. Hier besteht zudem die Möglichkeit, die traditionellen Verfahren der Landwirte zur Regeneration und organischen Düngung stärker zu nutzen.

 

Es ist nun an der Zeit, dass die afrikanischen Regierungen ein deutliches Zeichen setzen und den Agrarsektor unterstützen.

 

Fangen wir damit an, unnötige Vorschriften abzuschaffen. Zudem sollten kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) und landwirtschaftliche Genossenschaften mit Kreditgarantieprogrammen unterstützt werden. Die Erfahrungen aus der letzten Nahrungsmittelkrise haben uns gezeigt, dass wir keine Angst vor einer Nahrungsmittelkrise haben müssen. Worüber wir uns Sorgen machen müssen, ist nicht zu handeln, sobald wir das Problem erkannt haben. Die Regierungen sollten mit gutem Beispiel vorangehen und sich abstimmen, der Privatsektor sollte gezielt in bewährte Lösungen investieren, um das Potenzial, das die afrikanischen Landwirte besitzen, auszuschöpfen.

 

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